Stormarn
Bauplan

Politik verbietet Zahnzentrum in Glinder Innenstadt

Dieses Gebäude (mit roter Linie umrahmt) lässt der Bebauungsplan zu. Der Marktplatz ist nur wenige Meter entfernt.

Dieses Gebäude (mit roter Linie umrahmt) lässt der Bebauungsplan zu. Der Marktplatz ist nur wenige Meter entfernt.

Foto: Frank Hasse

SPD und Grüne sprechen sich gegen eine Nutzungsänderung aus. Werden auf dem Areal jetzt doch Wohnungen gebaut?

Glinde.  An der Avenue St. Sebastien in der Glinder Innenstadt wird kein zahnmedizinisches Versorgungszentrum entstehen, in dem bis zu zehn Ärzte Patienten behandeln. Das hat der Bauausschuss auf seiner jüngsten Sitzung im nicht öffentlichen Teil mit der Stimmenmehrheit von SPD und Grünen beschlossen. Wie berichtet, will Grundstückseignerin Anna Siemers dort ein viergeschossiges Gebäude mit fast 600 Quadratmetern bauen und die Immobilie an den Zahnarzt Sebastian Bowien vermieten. Der hat zwar eine Praxis in der 18.700 Einwohner zählenden Kommune, in der drei weitere Spezialisten arbeiten, möchte aber massiv expandieren.

Gegen das Projekt formierte sich Widerstand

Der Bebauungsplan erlaubt zwar ein solches Gebäude, allerdings nur mit Wohnungen. Deshalb bedarf es einer Nutzungsänderung, die Bürgermeister Rainhard Zug hätte aussprechen können. Der Verwaltungschef wollte sich aber Rückendeckung von der Politik holen und überließ den Parteien die Entscheidung. Bowien hatte dem Bauausschuss im Dezember 2019 in geheimer Runde seine Pläne präsentiert und danach berechtigte Hoffnungen auf eine Umsetzung. Denn nur die SPD sprach sich frühzeitig dagegen aus und gab als Grund unter anderem die Parkplatzsituation an, während die CDU das Zahnzentrum befürwortet. Grüne und FDP beurteilten das Vorhaben zumindest positiv, ohne jedoch einen Beschluss auf Fraktionssitzungen zu fassen. Ein für den 13. Februar angedachtes Votum im Bauausschuss blieb aus, weil es noch Beratungsbedarf gab.

In der Zwischenzeit formierte sich Widerstand gegen das Projekt. Mehrere Zahnärzte, die seit Jahrzehnten in der Stadt aktiv sind und eigene Praxen haben, richteten sich mit einem Schreiben an die Parteien. Darin betonen sie, dass es bereits eine zahnmedizinische Überversorgung in Glinde gebe. Das bestätigte die Kassenzahnärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein auch dem Abendblatt. Außerdem heißt es in dem Brief: „Ein zusätzlicher Servicenutzen ist nicht zu erkennen, da die Glinder Zahnärzte jetzt schon individuelle Terminabsprachen mit Patienten außerhalb der regulären Sprechzeiten vereinbaren.“

Ärzte durften bei der Abstimmung nicht dabei sein

Bowien hatte zum Beispiel mit langen Öffnungszeiten um Unterstützung geworben und seine Rolle als Gewerbesteuerzahler betont, weil er eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) führt. Die anderen Zahnärzte in Glinde sind als Freiberufler deklariert und damit nicht gewerbesteuerpflichtig.

Zu ihnen zählt auch Lutz König. Er war mit Kollegen zu Besuch im Bauausschuss, meldete sich dort aber nicht zu Wort. Bei der Abstimmung mussten der Zahnarzt und zwei weitere Kollegen den Saal im Bürgerhaus verlassen. Über das Ergebnis wurde König wenige Stunden später trotzdem informiert. Er sagt: „Ich bin erleichtert. Es hat wohl etwas gebracht, dass wir unsere Stimme erhoben haben.“ Er habe zuletzt viel Resonanz von Patienten erhalten, die seien seiner Meinung gewesen.

Bau einen Wohnhauses sei nicht ausgeschlossen

Letztlich sprach sich nur die CDU für das Zahnzentrum aus. Die Liberalen enthielten sich, während die Grünen auf einer Linie mit den Sozialdemokraten waren. „Wir sehen uns bestätigt, brauchen anstatt von mehr Zahnmedizinern einen weiteren Augen- und Kinderarzt“, sagt SPD-Fraktionschef Frank Lauterbach. Der Grünen-Ortsvorsitzende Jan Schwartz begründet die Haltung seiner Partei so: „Für uns ist das Thema Wohnungsbau das zweitwichtigste nach dem Klimaschutz.“ Die Grünen benötigten mehrere Fraktionssitzungen, um eine Entscheidung zu treffen. Mit einem Mix aus Praxis und Wohnungen hätte sich die Partei anfreunden können.

Wie geht es jetzt weiter auf dem brachliegenden Grundstück in der Innenstadt? Laut dem zuständigen Architekten Sven Kosemund ist der Bau eines „Wohnhauses nicht ausgeschlossen“. Diese Variante erscheint sogar mehr als wahrscheinlich. Schon vor drei Jahren hat Anna Siemers direkt daneben ein Hochhaus erstellen lassen mit Mietwohnungen und Geschäften im Erdgeschoss.