Mehrfamilienhaus

Zahlt Ahrensburg jahrelang für eine ungenutzte Wohnung?

| Lesedauer: 7 Minuten
Filip Schwen
Ralf Binder (70, l.) und Andreas Puk (74) fühlen sich von der Ahrensburger Verwaltung im Stich gelassen. Die Nachbarn sollen einen Aufschlag auf die Wassergebühr bezahlen, weil die betroffene Wohnung nicht mit einer Zähluhr ausgestattet wurde.

Ralf Binder (70, l.) und Andreas Puk (74) fühlen sich von der Ahrensburger Verwaltung im Stich gelassen. Die Nachbarn sollen einen Aufschlag auf die Wassergebühr bezahlen, weil die betroffene Wohnung nicht mit einer Zähluhr ausgestattet wurde.

Foto: Filip Schwen

Nachbarn haben Bewohner seit Jahren nicht gesehen. Wasserversorger verlangt Zusatzgebühr, weil Zähler nicht eingebaut werden kann.

Ahrensburg. Zahlt die Stadt Ahrensburg seit Jahren einen Mietzuschuss für eine ungenutzte Wohnung? Das vermuten zumindest die Bewohner eines Mehrfamilienhauses am Waldgut Hagen. Den Mieter haben die Nachbarn nach eigenen Angaben „seit mehr als drei Jahren“ nicht mehr in der Wohnung gesehen. Sie sind wütend: Weil der Wasserversorger in der Immobilie keine Zählgeräte einbauen kann, sollen die anderen Anwohner nun mehr bezahlen.

Puk vertritt seit mehr als 20 Jahren Interessen der Bewohner

„Es kann doch nicht sein, dass ein Einzelner sämtliche Nachbarn in Geiselhaft nimmt“, empört sich Andreas Puk gegenüber dem Abendblatt. Seit 1991 bewohnt der 74-Jährige eine Eigentumswohnung im Erdgeschoss des Nachbargebäudes. 152 Wohnungen verteilt auf drei Blocks gibt es auf dem Areal an der Straße Forsthof Hagen, mehr als die Hälfte davon sind Eigentumswohnungen. Die restlichen sind vermietet, so wie auch die Ein-Zimmer-Wohnung von Stefan A. (Name geändert). „Herr A. ist seit mehr als zehn Jahren unter der Adresse gemeldet, die Stadt Ahrensburg bezahlt ihm seitdem einen Mietzuschuss, weil er arbeitslos ist“, erzählt Andreas Puk. Doch gesehen habe den Mann seit drei Jahren niemand mehr in dem Wohngebiet. Nachbarn behaupten, dass A. inzwischen eine Wohnung an der Bogenstraße bewohnt. „Keine Ahnung, wie er das bezahlt. Gerüchtweise ist er dort bei einer Bekannten untergekommen“, sagt der Rentner. Für die Nachbarn jedenfalls hat das finanzielle Konsequenzen.

„Schon mehrfach standen Handwerker vor seiner Tür, um zum Beispiel Fenster auszutauschen oder den TV-Anschluss zu erneuern. So, wie es die Eigentümergesellschaft verbindlich beschlossen hatte“, sagt Puk verärgert, der seit mehr als 20 Jahren die Interessen der Bewohner im Beirat vertritt. Einmal habe eine Handwerkerfirma der Gemeinschaft die Anreisekosten in Rechnung gestellt. Puk: „Doch Niemand kann die Wohnung betreten.“

Aktuell sorgt vor allem die Wasserabrechnung für Ärger

Nachbarn befürchten außerdem, dass von A.s Wohnung ein Sicherheitsrisiko ausgeht. „Es gibt in der Wohnung keine Rauchmelder, obwohl die seit 2010 in Schleswig-Holstein gesetzlich vorgeschrieben sind“, sagt Ralf Binder. Der 70-Jährige lebt seit 2017 in einer Eigentumswohnung im selben Block wie Stefan A. Von Nachbarn habe er gehört, dass die Wohnung „total zugemüllt“ sei. „Wir alle hoffen, dass es dort nicht anfängt zu schimmeln“, sagt Binder. Auf dem zur Wohnung zugehörigen Tiefgaragenplatz habe Stefan A. vor Jahren einen VW Golf abgestellt. „Die Scheiben hinten sind zerschlagen, der Wagen gammelt vor sich hin“, sagt Ralf Binder. Offensichtlich ist das Auto seit Jahren nicht bewegt worden, wie er vermutet.

Doch aktuell sorgt vor allem die Wasserabrechnung für Ärger. „Vor drei Jahren wurden in jeder Wohnung Wasserzähler installiert“, sagt Andreas Puk. Zuvor hatte der Versorger, das Unternehmen Hamburg Wasser, lediglich den Gesamtwasserverbrauch der Wohnblöcke gemessen und entsprechend der Wohnungsgröße auf die Bewohner umgelegt. Puk: „Das hatte eine ungerechte Verteilung der Kosten zur Folge.“ Ein Alleinstehender, der in einer 80-Quadratmeter-Wohnung lebe, zahle gleich viel wie eine vierköpfige Familie auf demselben Raum. Doch weil die Installateure die Wohnung von Stefan A. nicht betreten konnten, sei dort kein Gerät installiert worden. „Die Hamburger Wasserwerke weigern sich, auf die neue Abrechnungsweise umzustellen, solange die letzte Wohnung nicht umgerüstet ist“, sagt Puk. Der Konzern habe mitgeteilt, man könne sonst den Wasserverbrauch von Herrn A. nicht messen. „Dabei verbraucht er ja gar nichts, weil er nicht dort wohnt.“ Binder: „Hamburg Wasser hat damit gedroht, den Vertrag mit den übrigen Bewohnern zu kündigen, sollte der Einbau in A.s Wohnung nicht bis zum 31. Januar 2020 erfolgen.

Verwaltung ist rechtlich zu Zahlungen verpflichtet

Für den Rentner und die anderen Bewohner würde das erhebliche Kosten bedeuten. „Dann hätten wir nicht nur die die 50.098 Euro für den Einbau der Zähler in den Wohnungen umsonst bezahlt, sondern müssten auch die Messgeräte selbst bezahlen, die eigentlich über den Vertrag gedeckt sind.“ Auf Abendblatt-Anfrage heißt es von Hamburg Wasser dazu, der Versorger habe sich mit den Eigentümern geeinigt. „Die Wohnungsverwaltung hat sich bereit erklärt, eine monatliche Pauschale für die nicht ausgestattete Wohnung zu zahlen“, sagt ein Unternehmenssprecher. Es handele sich dabei um eine Sonderlösung, die als Kulanzleistung anzusehen sei.

„Die anderen Bewohner des Blocks sollen einen Abschlag von 150 Euro für die Wohnung zahlen“, sagt Andreas Puk. Eine gerechte Lösung sei das nicht. Dennoch werde man den Vorschlag akzeptieren. „Es ist immer noch die beste Lösung, die derzeit möglich ist“, so Puk.

Antworten stellen Andreas Puk und Ralf Binder nicht zufrieden

Seit mehr als zwei Jahren ist der Fall der ungenutzten Wohnung auch Gegenstand eines Verfahrens vor dem Amtsgericht Ahrensburg. „Bislang gibt es kein Ergebnis“, sagt Puk. A.s Vermieter habe die Klage eingereicht. „Der ist aber schon über 90 Jahre alt und mit der Situation offenbar überfordert.“ Auch die Ahrensburger Verwaltung habe man wiederholt um Hilfe gebeten. „Wie kann es sein, dass die Stadt weiter die Miete bezahlt, wenn der Mann nie hier ist?“, fragt Ralf Binder. Aus dem Rathaus habe man mit Verweis auf den Datenschutz bis heute keine Informationen bekommen.

Auf Abendblatt-Anfrage heißt es aus dem Rathaus, die Verwaltung habe rechtlich keine Möglichkeit, die Zahlungen einzustellen. Rathaussprecher Fabian Dorow: „Und ist der Fall bekannt, wir wissen um die Problematik. Aber solange der Mietvertrag zwischen A. und dem Eigentümer besteht, sind wir zur Zahlung des Mietzuschusses verpflichtet.“ Für den Mieter gebe es keine Verpflichtung, die Wohnung zu nutzen. Dorow: „Die Stadt ist nicht Mieterin der Wohnung.“ Die Betretungsrechte des Vermieters gegenüber dem Mieter zwecks Reparaturen und Nachrüstungen richteten sich nach dem Mietvertrag. Dorow: „Die Verpflichtung zur Ausstattung mit Brandmeldern trifft laut Landesbauordnung den Vermieter.“ Selbst Messietum sei zudem kein Grund für ein behördliches Einschreiten.

Andreas Puk und Ralf Binder stellen diese Antworten nicht zufrieden. Puk: „Es kann doch nicht sein, dass die Behörden so wenig Handhabe haben und wir auf uns gestellt sind.“ Die beiden fühlen sich im Stich gelassen. Wie es jetzt weitergeht? Puk: „Keine Ahnung.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Stormarn