Ausbildung

Jeder vierte Stormarner Azubi beendet seine Lehre vorzeitig

Hier läuft es reibungslos: Leon Krell (li.), Koch im dritten Lehrjahr, mit Ausbilder Alexander Genke in der Küche des Forsthauses Seebergen.

Hier läuft es reibungslos: Leon Krell (li.), Koch im dritten Lehrjahr, mit Ausbilder Alexander Genke in der Küche des Forsthauses Seebergen.

Foto: Petra Sonntag

Unternehmen im Kreis haben mehr freie Lehrstellen als im Vorjahr. Jeder zweite Lehrling wechselt seinen Ausbildungsbetrieb.

Bad Oldesloe.  Mehr als jeder vierte Auszubildende in Stormarn, der einen von 270 verschiedenen Lehrberufen der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck begonnen hat, löst seinen Vertrag vorzeitig. Damit liegen kaufmännische und gewerblich-technische Auszubildende, die keinen klassischen Handwerksberuf erlernen, mit 27 Prozent sogar über dem Bundesdurchschnitt von 25,7 Prozent. „Aber jeder zweite setzt seine Ausbildung in einem anderen Betrieb fort“, sagt Ulrich Hoffmeister, Leiter des IHK-Geschäftsbereichs Aus- und Weiterbildung. „Auch die andere Hälfte findet in der Regel etwas Neues.“ Dabei können die Auszubildenden aus dem Vollen schöpfen: Stormarns Unternehmen meldeten im Februar 1173 freie Ausbildungsstellen. Das sind 7,2 Prozent mehr als im Vorjahresmonat.

Wechselbereitschaft wächst wegen großen Stellenangebots

Die Gründe für ein vorzeitiges Ende im Ausbildungsbetrieb reichten von einer nicht dem Anspruch entsprechenden Berufswahl über Unter- und Überforderung bis hin zum Fehlverhalten des Auszubildenden oder Problemen im Betrieb, so Hoffmeister.

Grundsätzlich ist laut Bundesinstitut für Berufsbildung auch deshalb die Wechselbereitschaft von Lehrlingen gewachsen, weil der Ausbildungsmarkt ein reiches Angebot bereithält. „Das erleichtert einen Wechsel des Betriebes oder auch des Berufes“, sagt Anja Schomakers von der Handwerkskammer (HWK) Lübeck. „Vertragsauflösungen sind nicht immer vermeidbar und können durchaus sinnvoll sein, wenn es nicht passt. Das lässt sich nicht immer vor Vertragsbeginn feststellen.“

Meiste Vertragsabbrüche in Hotel- und Gaststättenberufen

Die Abbruchquote hängt stark von der Branche ab: Während sie laut IHK im Industriebereich deutlich unter zehn Prozent liege, seien es im Hotel- und Gaststättengewerbe mehr als 40 Prozent. So wies eine landesweite Studie der Universität Rostock, an der sich IHK und HWK im Jahr 2014 beteiligt hatten, die meisten Vertragsabbrüche in Hotel- und Gaststättenberufen nach, dicht gefolgt von Friseuren und Bäckern. Zwei Drittel davon würden im ersten Lehrjahr vollzogen, 40 Prozent davon noch innerhalb der Probezeit.

Auch Franziska und Alexander Genke, Betreiber des Hotels und Restaurants Forsthaus Seebergen in Lütjensee, kennen das Phänomen. „Junge Leute, die Restaurantfachkraft werden wollen, denken oft, sie könnten sofort bedienen. Doch wir müssen erst das Basiswissen schaffen. Viele wissen nicht mal, wie das Besteck richtig liegt“, sagt Franziska Genke. „Im Service springen rund zehn Prozent unserer Auszubildenden in der Probezeit ab.“

Auflösung des Vertrages sei immer das letzte Mittel

Die Abbruchquote bei Ausbildungen in Handwerksberufen fällt indes eher gering aus: Im vergangenen Jahr beendeten nur 168 der 1073 Lehrlinge im Kreis ihren Vertrag vorzeitig, das entspricht in etwa 15,7 Prozent. Die Auflösung des Vertrages sei immer das letzte Mittel, sagt Manfred Weber, Ausbildungsberater in der Handwerkskammer. „Vorher versuchen wir, durch Beratung und Vermittlung zu helfen.“ Dafür hält die Kammer neben der Ausbildungsberatung auch einen Schlichtungsausschuss und zertifizierte Mediatoren bereit. Abbruch- oder wechselwillige Lehrlinge könnten sich auch an ihre überbetrieblichen Ausbilder, Berufsschullehrer, den Lehrlingswart bei ihrer Innung oder an die Kreishandwerkerschaft wenden.

„Ich habe gerade einen Lehrling beraten, der kurz vor seiner Abschlussprüfung im Sommer noch wechseln wollte, weil er mit einem Gesellen angeeckt war“, sagt Weber. „Er hatte schon einen neuen Betrieb gefunden. Ich habe ihm die Risiken des Wechsels vor Augen geführt. Danach war für ihn klar, dass er die Ausbildung in seinem Betrieb zu Ende bringt.“

Ausbildungswechsel seien oft unüberlegt und vermeidbar

Einen Schritt wie den Wechsel müsse man gut abwägen, häufig werde er jedoch unüberlegt getan. Dabei seien die damit verbundenen Risiken wie im jüngsten Beratungsfall erheblich: Zum einen sei es nicht sicher, ob der Auszubildende ohne Weiteres aus dem Vertrag herauskomme, so Weber. Und mit einem neuem Betrieb beginne eine neue Probezeit. „Wird der Lehrling in dieser Probezeit entlassen, kann er nicht zur Gesellenprüfung gehen.“ Oder aber er falle währenddessen durch die Prüfung. „Dann hat er sein Recht verwirkt, nachlernen zu können. Damit fliegt er ohne Abschluss raus. Im alten Betrieb hingegen hätte er rechtlich zugesichert nachlernen und erneut zur Prüfung antreten können“, erklärt Weber.

Für Jeremi Gerstmeier machte der vorzeitige Abschied jedoch den Weg zum Glück frei. Als er mit 16 Jahren seine Kochausbildung begann, habe er wegen Personalmangels zahlreiche Überstunden leisten müssen. „Ich hatte sehr viele Fehlstunden in der Berufsschule, weil ich immer im Betrieb helfen musste. Darunter litten auch meine Noten“, sagt der heute 18-Jährige. Die angesammelten Überstunden seien ihm zudem nicht ausgezahlt worden. „Ich wurde unterfordert und gleichzeitig wie ein Vollzeitkoch behandelt.“ Er bat um einen Aufhebungsvertrag und bewarb sich bei Heiko Bringezu, Chefkoch im Restaurant „Bringezu’s“. „Nach einem Tag Probearbeiten hatte ich schon meinen neuen Vertrag in der Hand“, sagt der angehende Koch, der nun sehr zufrieden mit seinem neuen Ausbilder ist.

Zahl der Geflüchteten bei Auszubildenden gestiegen

Um vorzeitigen Abbrüchen vorzubeugen stellt Regina Rieckmann, Inhaberin des Bargteheider Friseursalons „Haarreich“, bevorzugt ältere Auszubildende ein. So wie Fadi Alkhalaf (30) und Antje Schröder (21). „In meiner Berufsschulklasse gibt es viele, die von Problemen mit Kollegen erzählen oder nur fegen dürfen“, sagt Antje Schröder. „Sie wechseln dann den Betrieb oder machen etwas ganz anderes“. Ihr Kollege Fadi Alkhalaf, der aus Syrien stammt, hatte am Anfang Schwierigkeiten mit der Sprache. Er sagt: „Ich lebe seit vier Jahren in Deutschland. Durch den Kundenkontakt und den Austausch unter Kollegen habe ich viel schneller sprechen gelernt als in meinem Deutschkursus.“ Von den derzeit 1073 Lehrlingen in Stormarns Handwerksbetrieben sind 126 Asylsuchende. Die meisten davon aus Afghanistan und Syrien, weitere aus Iran, Irak und Eritrea.

Die Zahl der Geflüchteten unter den Lehrlingen sei deutlich gestiegen, sagt Anja Schomakers. Dies spiegele sich auch in der aktuellen Vertragslösungsquote wider. „Durch Sprachdefizite und unzureichende Kenntnisse in Rechnen, Schreiben und Lesen kommt es vor allem in der Berufsschule zu Problemen – und damit leider auch zu Ausbildungsabbrüchen.“

Doch Regina Rieckmann ist sehr zufrieden und rechnet nicht damit, dass ihre Schützlinge vorzeitig abbrechen. Sie sagt: „Als Ausbilderin muss ich meine Azubis fördern und fordern. Der Azubi selbst sollte darauf achten, dass er den Spaß an der Arbeit nie verliert.“