Stormarn
Technischer Fortschritt

Stormarns Feuerwehr rüstet sich für neue Gefahren

Die Lastwagen werden auf dem E-Highway zwischen Reinfeld und Lübeck über Stromabnehmer mit Energie versorgt.

Die Lastwagen werden auf dem E-Highway zwischen Reinfeld und Lübeck über Stromabnehmer mit Energie versorgt.

Foto: dpa Picture-Alliance / Bernd Settnik

Retter sehen sich mit neuen Herausforderungen konfrontiert. In E-Fahrzeugen verbaute Akkus sind schwer zu löschen.

Bargteheide/Reinfeld. Ein Sattelzug prallt zwischen Reinfeld und Lübeck auf ein Stauende. Die Zugmaschine fährt mit Strom statt mit Diesel, angetrieben über die 750-Volt-Oberleitungen des E-Highways. Teile des Fahrzeugs könnten nach dem Unfall unter Strom stehen, der große Akku beschädigt sein. Es ist ein Szenario, das bisher so noch nicht vorgekommen ist. Doch es ist möglich. Und darauf müssen sich Freiwillige Feuerwehren in Stormarn einstellen.

Feuerwehren mangelt es an Erfahrung mit E-Fahrzeugen

Die Rettung von Personen aus E-Fahrzeugen birgt große Gefahren. Verbaute Akkus sind schwer zu löschen, bei technischen Defekten drohen Stromschläge. Heute sind die Herausforderungen an Rettungskräfte andere als noch vor zehn Jahren, wie Michael Schermer, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Bargteheide, sagt: „Unser Problem ist, dass die Industrie sehr schnell ist mit der Entwicklung neuer Technik. Wir müssen uns darauf einstellen.“

Vor einem Jahr gründete der Bargteheider deswegen ein Unternehmen, das Feuerwehren im Einsatz neuer Rettungstechnik schult und Fortbildungen anbietet. Am Wochenende organisierte sein Rescue-Training-Center-Nord (RTCN) eine Schnupper-Schulung im Bargteheider Gewerbegebiet. Im Mittelpunkt stand dabei eine Zugmaschine, die über einen Stromabnehmer mit Energie versorgt wird. Solche Fahrzeuge kommen in den nächsten Jahren auf dem E-Highway zwischen Reinfeld und Lübeck zum Einsatz. Auf der Teststrecke will das Land Schleswig-Holstein den Realeinsatz von Strom-Lastwagen erproben.

Im Vergleich sei der Kreis Stormarn gut aufgestellt

Bei der Frage, ob verunglückte Elektrofahrzeuge für Rettungskräfte wesentlich gefährlicher sind, gehen die Meinungen weit auseinander. Für Michael Schermer ist das lediglich eine Frage der Ausbildung von Rettungskräften. Feuerwehren müssen sich auf die neue Technik einstellen. Das gilt nicht nur für die derzeit noch exotischen Strom-Lastwagen, sondern auch für Autos mit alternativen Antrieben. E-Autos oder Fahrzeuge mit Hybrid-Antrieb sind auf deutschen Straßen längst keine Seltenheit mehr. Die Anforderungen im Falle eines Brandes sind jedoch andere.

Bei einem Feuer in einem Diesel oder Benziner reicht Wasser und Schaum zum Löschen. Eine brennende Batterie ist wesentlich schwerer unschädlich zu machen. Sie muss angestochen und mit Wasserdüsen von innen gelöscht werden. „Das ist etwas, das hier bei uns noch niemand miterlebt hat“, sagt Schermer. Es werde noch zu wenig unternommen, um die Feuerwehren auf die neuen Rettungseinsätze vorzubereiten. „Auch viele Wehrführer haben das noch nicht erkannt. Dabei kann es jederzeit zu einem solchen Unfall kommen“, sagt der Feuerwehrmann. Er sagt aber auch, dass der Kreis Stormarn im Vergleich relativ gut aufgestellt sei. Im vergangenen Jahr haben Wehren unter anderem Container angeschafft, in denen brennende Elektrofahrzeuge versenkt und gekühlt werden können, bis von ihnen keine Gefahr mehr ausgeht.

Jede Zugmaschine hat einen Hauptschalter

Auch der Schnuppertag in Bargteheide zeigte, wie groß das Interesse der Wehren ist, sich auf die neuen Herausforderungen einzustellen. 140 Mitglieder von 18 Feuerwehren aus drei Bundesländern ließen sich über den Tag verteilt die Technik der Hybrid-Zugmaschine erklären. „Der Austausch mit den Rettungskräften ist wichtig. Und es ist gut, hier aus erster Hand ein Feedback zu bekommen“, sagt Armin Sue, Projektleiter bei Volkswagen/Scania. Der Ingenieur führte die Technik der Zugmaschine, was bei den Akkus zu beachten ist und welche Kabel unter Strom stehen könnten, vor: „Das Wichtigste bei einem Unfall ist ja erst einmal, dass die Insassen gefahrlos befreit werden können.“ Jede Zugmaschine hat daher einen Hauptschalter, der den Stromfluss stilllegt. Der könnte an einer leichter zugänglichen Stelle angebracht sein, so eine der Rückmeldungen von Feuerwehrleuten. Armin Sue: „Ich habe hier einige Vorschläge mitgenommen, die ich weitergeben werde.“

Neben der Hybrid-Zugmaschine hatte Michael Schermer über Gasnetz Hamburg einen 18 Tonnen schweren Scania mit Erdgasmotor organisiert. Auch diese Technik sorgt bei ungeschulten Rettungskräften für großes Unbehagen, auch wenn die Tanks nicht weniger sicher sind als bei den klassischen Antrieben. Udo Bottlaender, technischer Geschäftsführer bei Gasnetz Hamburg, sagte: „Alternative Antriebe erfordern natürlich auch für die Feuerwehren eine genaue Kenntnis der technischen Besonderheiten.“