Glinde

Fund von Babyleiche: Wie es nach dem DNA-Test weitergeht

| Lesedauer: 6 Minuten
Janina Dietrich und Pia Rabener
Nach dem Fund eines toten Säuglings ruft die Polizei in Glinde Hunderte Mädchen und Frauen dazu auf, eine Speichelprobe abzugeben.

Nach dem Fund eines toten Säuglings ruft die Polizei in Glinde Hunderte Mädchen und Frauen dazu auf, eine Speichelprobe abzugeben.

Foto: Janina Dietrich

Mehr als 100 Aufgerufene haben Speichelprobe abgegeben. Dann will die Polizei Frauen überprüfen, die dem Test ferngeblieben sind.

Glinde. Die Vorhänge sind zugezogen, um die Frauen vor neugierigen Blicken zu schützen. Ein Polizeiauto steht auf dem Parkplatz des Glinder Schulzentrums. Ein weißer, schmuckloser Zettel weist den Weg zur „DNA-Reihenuntersuchung“. Jana Wehlan folgt dem Pfeil, verschwindet mit drei Freundinnen in dem für Unbefugte gesperrten Bereich. „Ich habe gedacht, das ist spektakulärer“, sagt die 44-Jährige, als sie nach wenigen Minuten wieder draußen ist.

Sie gehört zu den 530 Mädchen und Frauen im Alter von 13 bis 48 Jahren, die von der Polizei per Schreiben aufgefordert wurden, an diesem Wochenende eine Speichelprobe im Schulzentrum abzugeben.

Fund von totem Säugling: DNA-Test ist freiwillig

Die ausgewählten Personen leben alle im Umkreis des Gellhornparks in Glinde. Dort hatte ein Sechstklässler am 22. März 2019 bei einer Müllsammelaktion eine Babyleiche gefunden. Der tote Säugling war in ein blaues Handtuch eingewickelt und halb im Waldboden vergraben worden.

Trotz umfangreicher Suche hat die Polizei die Eltern des Babys, dem sie den Namen Leander gab, bislang nicht ermitteln können. „Oft gibt es in solchen Fällen eine räumliche Nähe zwischen dem Ablageort des Kindes und dem Wohnort der Mutter“, sagt Polizeisprecher Stefan Muhtz zu den Auswahlkriterien für den Massentest. Die Teilnahme ist freiwillig.

Für Jana Wehlan und ihre Freundinnen stand außer Frage, der Aufforderung der Polizei zu folgen. „Wir haben kein schlechtes Gewissen, deshalb konnten wir da locker reingehen“, sagt sie. Jessica Uslu lobt die Aktion der Polizei. „Ich finde es gut, dass sie herausfinden wollen, wer das war“, sagt die 39-Jährige. „So etwas macht man nicht, für Notsituationen gibt es doch Babyklappen.“

Der Fall sei im vergangenen Jahr ein großes Gesprächsthema in ihrem Bekanntenkreis gewesen, erzählt Daniela Moreira (24). „Als ich den Brief der Polizei erhalten habe, ist alles wieder hochgekommen.“ Sie finde den Fall sehr merkwürdig. „Die Frau muss doch Freunde haben, die etwas mitbekommen haben“, sagt sie.

Geladene Mädchen und Frauen stammen aus 37 Nationen

Die angeschriebenen Mädchen und Frauen stammen laut Polizei aus 37 Nationen mit 31 verschiedenen Amtssprachen. „Wir haben deshalb auch vier Dolmetscher hier“, sagt Muhtz. Die Speichelprobe wird mithilfe eines Wattestäbchens im Mundraum entnommen. Dann stecken die Polizisten sie in ein kleines Röhrchen, auf dem sich ein Strichcode befindet. Anschließend wird die Probe zur Untersuchung ins Landeskriminalamt nach Kiel geschickt.

„Die dortigen Mitarbeiter wissen nicht, welcher Name hinter welcher Probe steckt“, sagt Muhtz. Verläuft der Abgleich mit der DNA des Säuglings negativ, werde die Probe umgehend gelöscht. „Sie wird nicht gespeichert und auch nicht mit anderen offenen Fällen, etwa einem Einbruch, abgeglichen“, betont Muhtz.

Die DNA-Untersuchung wird an diesem Sonnabend, 22. Februar, von 10 bis 18 Uhr fortgeführt. Mehrere Frauen hätten sich bereits im Vorfeld bei der Polizei gemeldet und zum Beispiel ein ärztliches Attest vorgelegt, das bestätigt, dass sie in der fraglichen Zeit nicht schwanger gewesen sein können. Andere hätte mitgeteilt, wegen der beweglichen Ferientage verhindert zu sein. In solchen Fällen könne der Test nachgeholt werden, sagt Polizeisprecher Ulli Fritz Gerlach. „Wir finden dann einen anderen Termin.“

Laborergebnisse werden in drei bis vier Wochen erwartet

Die Polizei geht davon aus, dass es mindestens drei bis vier Wochen dauern werde, bis die Laborergebnisse aus Kiel vorliegen. „Wir können auch Verwandte bis dritten Grades erkennen“, sagt Muhtz. Sollte der DNA-Test nicht zum Erfolg führen, überprüfe die Polizei die Frauen genau, die der Untersuchung ferngeblieben sind. Der große Aufwand sei bei diesem Fall absolut berechtigt, sagt Ulli Fritz Gerlach. „Wir ermitteln hier wegen des Verdachts eines möglichen Tötungsdeliktes.“

Bereits in der ersten Stunde nach Beginn der Aktion geben laut Polizei am Freitag fast 100 Teilnehmerinnen eine Speichelprobe an. Viele Frauen kommen zu zweit oder in Gruppen in das Schulzentrum, andere werden von ihren Partnern begleitet oder vor die Tür gefahren.

Cindy Schulz hat zunächst ihre zwei und vier Jahre alten Kinder von der Kita abgeholt, nimmt sie nun mit in das zum Untersuchungsraum umfunktionierte Klassenzimmer. „Natürlich macht man sich Gedanken, was passiert, wenn der DNA-Test durch einen Fehler der Polizei plötzlich positiv ist“, sagt die 32-Jährige. Sie stelle sich immer wieder die Frage, was eine Mutter dazu bewege, so etwas Grausiges zu tun.

Die Tat bewegte Anwohner sehr

Auch eine andere Mutter hat ihre drei Kinder mitgebracht. „Normalerweise sieht man so eine Aktion nur im Fernsehen“, sagt die 36-Jährige. „Es ist seltsam, jetzt mittendrin zu sein.“ Sie finde es gut, dass die Polizei so viel unternehme, um den Fall noch aufzuklären. „Um diese Arbeit zu unterstützen, bin ich hergekommen“, sagt sie. Die Tat habe sie sehr bewegt. „Es ist grausig und so dicht dran. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas in Glinde passiert.“

Ihr siebenjähriger Sohn hätte einen Tag später von seiner Grundschule aus ebenfalls Müll sammeln sollen, sagt die Glinderin. „Nicht vorstellbar, wenn er den grausigen Fund gemacht hätte.“

Eine 44-Jährige erzählt, dass sie sich vorher genau durchgelesen habe, was bei dem Test auf sie zukomme. „Zur Beruhigung“, wie sie sagt. Sie habe ein „merkwürdiges Gefühl“ gehabt, als sie das Schreiben der Polizei in ihrem Briefkasten entdeckt habe. „Aber wenn die Aktion den Ermittlern weiterhilft ...“

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