Stormarn
Essay

Die „Zauberflöte“ und das Spiel der großen Liebe

Die große, die wahre, die endlose Liebe fürs Leben – gibt es sie? Und wie findet man sie? Einmal im Jahr, am Valentinstag, denken darüber mehr Leute als sonst nach. Manche finden sie dann jedenfalls im Film oder auf der Opernbühne.

Die große, die wahre, die endlose Liebe fürs Leben – gibt es sie? Und wie findet man sie? Einmal im Jahr, am Valentinstag, denken darüber mehr Leute als sonst nach. Manche finden sie dann jedenfalls im Film oder auf der Opernbühne.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Über Sprache und Musik der Liebe – zu Ehren von Priester Valentin, der für die Liebe anderer am 14. Februar 269 sein Leben ließ.

Schenkt man sich Rosen, weiß man genau, was das bedeuten soll. Und nicht nur in Tirol. Denn diese Sprache versteht jeder. Besonders am Valentinstag, am Tag der Verliebten, sind die Romeos in Hochform. Tonnen von Rosen müssen eingeflogen werden, um ihre Nachfrage zu stillen. Der römische Priester Valentin soll verliebten jungen Menschen und frisch verheirateten Paaren Blumen geschenkt haben. Aber er traute sie nach christlicher Zeremonie. Und er traute auch Soldaten. Und das alles trotz strikten Verbots. Das kostete Valentin den Kopf: Am 14. Februar im Jahre 269.

Bis heute gibt es keine direkten Quellen, die all das belegen. Aber diese Geschichte ist so gruselig und so schön zugleich, dass sie bis heute nicht vergessen ist. Für die Liebe anderer zu sterben! Unfassbar. Heute geht es eher darum, endlich die eigene große Liebe zu finden. Nach dem Motto: Der Prinz ist da, und am Schluss wird alles gut. Einfach so. Für die Oper kein Problem. Die großen Gefühle sind ihre Spezialität.

Liebe auf den ersten Blick - funktioniert das?

Da steht er, unser Prinz und ist fassungslos. „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“, singt Tamino. Nein. Der jugendliche Held in Mozarts „Zauberflöte“ seufzt diesen Satz geradezu. Und alle Opernbesucher seufzen mit. So schön ist die Musik, und so ergriffen sind Prinz und Publikum. Dabei kennt dieser Tamino jene Schöne überhaupt nicht, die ihm da aus dem Medaillon entgegen lächelt. Macht nichts. Pamina! Sie oder keine! Es hat ihn voll erwischt. Wie ein Stromschlag. Das Hirn vernebelt. Die Diagnose klar: Es hat boom gemacht. Liebe auf den ersten Blick. Einfach so. Aber wie funktioniert das?

Gar nicht. Das ist Bühnenzauber, werden die meisten Zuschauer denken. Denn im wirklichen Leben sieht es nicht so rosig aus. Die Statistik spricht eine andere Sprache als die Blumen: 2018 lebte jeder fünfte Deutsche in einem Single-Haushalt. Und jeder dritte sucht im Internet nach dem Glück. Wie soll es da die Liebe auf den ersten Blick geben?

Rettungslos verliebt – wie ein Ertrinkender

Ganz einfach, ließe sich dagegen mit dem Psychologen und Bestseller-Autor Peter Lauster antworten. Denn für den Experten ist das, was auf der Opernbühne geschieht, geradezu der Klassiker im normalen Leben. Der Witz dabei: Es geht gar nicht so sehr um den Anblick, der den Schockverliebten aus der Bahn wirft, sondern um das, was er in dem Konterfei zu erkennen glaubt. Denn von Wissen kann zu diesem Zeitpunkt keine Rede sein. Und das hilft.

So macht sich Tamino mit dem Medaillon in der Hand im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild von der Unbekannten. Der Psychologe nennt es die Phase der Fantasie. Böse Zungen sprechen von Einbildung. Und die birgt Gefahren, von denen in diesem Stadium der Verzückung niemand etwas hören will. Vielleicht ganz gut so. Denn übernähme gleich der Verstand die Führung, würde wohl niemand gern entflammen oder um den Verstand gebracht werden.

Die Schlange: Inbegriff eines falschen Weibbilds

Hinweise verhallten schon deswegen ungehört, weil die Beteiligten bis über beide Ohren verliebt sind. In dieser Lage klappt es mit dem Hören nicht mehr so gut. Und sehen lässt sich auch nur verschwommen, wenn der Kopf abtaucht. Wie ein Ertrinkender: rettungslos verliebt.

Und so schmettert Tamino gleich bei seinem ersten Auftritt „Zu Hülfe! Zu Hülfe! Sonst bin ich verloren“ und fällt tatsächlich in Ohmacht. Mit grenzenlosem Entzücken, das weiche Knie macht, hat das jedoch rein gar nichts zu tun: Eine Schlange bedroht ihn. Das Tier, das es grammatikalisch nur in der weiblichen Form gibt und das mit der gespaltenen Zunge als Inbegriff eines falschen Weibsbilds herhalten muss. Als der verräterischen und unheilbringenden Frau. Bewusst gewählte Worte? Ein kecker Seitenhieb auf die Damenwelt?

Zu Beginn der Oper wird die Schlange erlegt

Zuzutrauen wäre das dem Mann, der die Oper bei Mozart in Auftrag gab und dann den Text dazu verfasst hat: Emanuel Schikaneder. Ein Tausendsassa. Schauspieler, Regisseur, Dichter, Sänger und Direktor des Freihaustheaters in Wien, in dem die „Zauberflöte“ 1791 uraufgeführt wurde. Als Hausherr nahm er sich die Freiheit, selbst in die Rolle des Papageno zu schlüpfen. Jene wunderliche Gestalt, halb Mensch, halb Vogel, die Tamino bei der Suche nach Pamina begleitet und schon mal fröhlich singt: „Der Vogelfänger bin ich ja stets lustig, heißa, hopsasa.“ Und dann auch noch zum Besten gibt, dass er ein Netz für Mädchen möchte, um sie „dutzendweis“ zu fangen. „Dann sperrte ich sie bei mir ein. Und alle Mädchen wären mein.“ Aus die Maus und Abgang.

Das ist wirklich lustig. Schikaneder lässt gleich zu Beginn der Oper jene Schlange erlegen, die sich Tamino „zum Opfer erkoren“ hat und die als Verkörperung unberechenbarer Weiblichkeit den Untergang des Mannes bedeutet hätte. Und kurz darauf springt ein komischer Vogel herum, der alle Mädchen einsperren will. Und das ist nun wiederum, „heißa hopsasa“, ein Riesenspaß.

Am Schluss ist die Königin der Nacht die Böse

Und so bunt und munter geht es weiter. Denn die Vorzeichen dieser etwas verwickelten und vom Geist der Freimaurer durchwehten Opernstory wechseln komplett. Die Königin der Nacht, Mutter von Pamina, also die Frau, ist die Gute. Von ihr hat Tamino auch das Medaillon bekommen, verbunden mit dem Auftrag, Pamina zu befreien. Denn Sarastro hat Pamina entführt. Also ist er der Böse.

Aber bei dieser Rollenverteilung der Geschlechter bleibt es nicht. Am Schluss, Abrakadabra, ist Sarastro der Gute und die Königin der Nacht die Böse, die in der ewigen Nacht verschwindet. Also doch? Zuerst muss die Schlange erlegt werden, damit die Geschichte happy enden kann. Die Frau in ihre Schranken gewiesen, könnte es mit der Liebe also klappen. Oh weh.

Wer Liebe erzwingen will, verliert sie

Unsinn? Möglich. Aber es kommt noch dicker. Denn der ach so gute Sarastro hat auf jeden Fall die Weisheit gepachtet. Auch in Liebesangelegenheiten. Stehen in seinem Reich doch der Tempel der Weisheit, der Vernunft und der Natur. So gibt Sarastro der um Freiheit bettelnden Pamina keine Antwort darauf, ob er sie freilässt, aber sehr wohl einen Hinweis, wie ihr Leben als Frau auszusehen hat: „Ein Mann muss eure Herzen leiten, denn ohne ihn pflegt jedes Weib aus ihrem Wirkungskreis zu schreiten.“ Und später gibt er sie in die Obhut Taminos. Und seine Priester singen: „Bewahret Euch vor Weibertücken.“

Das kann natürlich niemand ernst nehmen. Und was nicht ernst ist, ist ein Spiel. Und das trifft es auf den Punkt. Denn diese Oper ist gar keine, sondern ein Singspiel in der Tradition des Alt-Wiener Zaubertheaters. Eine Posse mit märchenhaften Zügen. Das passt. Denn so wie die „Zauberflöte“ ein Singspiel ist, sollte auch die Liebe etwas Leichtes haben, sagt der Psychologe. Wer sie erzwingen will, verliert sie.

Die Phasen der Liebe

Denn Liebe ist Lebendigkeit, die in der Wirklichkeit lebt, von einem gelebten Augenblick zum anderen, im Hier und Jetzt. Welch gute Nachricht. Denn das heißt: Liebe ist jederzeit möglich. Vorausgesetzt die Phase zwei der Beziehung, die Phase der Fantasie, wird überwunden. Stattdessen brauche es Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung, sagt Peter Lauster – also die Phase drei und die Basis der wahren Liebe, die den anderen glücklich macht und nicht fordert. Gelingt das nicht, so der Experte, komme es unweigerlich zur Krise – Phase vier. Sie entscheidet darüber, ob sich die Liebenden voneinander lösen oder ihre Beziehung vertiefen – Phase fünf. Und hier zeigt die „Zauberflöte“ trotz aller Zopfigkeit und Zauberei, verschwommener Ideale, Federkostüm und höchst eigenwilligem Frauenbild, wie modern sie in der Psychologie der Liebe ist.

Liebe fürs Leben? Das ist harte Arbeit

Denn unser Traumpaar durchläuft alle diese Phasen. Zum Schluss muss Tamino Prüfungen ablegen und Mündigkeit, Verschwiegenheit und Standhaftigkeit beweisen. Das fordert Sarastro für Paminas Freigabe. Sie ahnt von alldem nichts und denkt, dass Tamino von ihr nichts mehr wissen will. Er leidet Höllenqualen. Sie will sich umbringen. Aber sie bestehen die Prüfungen und erscheinen am Ende in Priestergewändern. Geweiht für die wahre Liebe – Phase sechs. Und so singen Pamina und Papageno: „Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit an.“ Und plötzlich herrscht die vollkommene Gleichberechtigung.

Aber wie lautet nun die Botschaft der „Zauberflöte“ für alle Liebeshungrigen? Vielleicht so: der Wirklichkeit ins Auge sehen, handeln, dem anderen zur Freiheit verhelfen, vertrauen und Krisen aushalten. Liebe fürs Leben? Das war wohl nichts. Das ist richtig Arbeit. Also ruhig mal „heißa, hopsassa“ singen und der Liebe eine spielerische Note geben. Das dürfte helfen.

Eine Chance für die Liebe – in der Oper

In der leichten Muse ist man schon längst zu dieser Erkenntnis durchgedrungen. „Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Sie kommt und geht von einem zum anderen“, sang Connie Francis. Das bedeutet: Die Liebe ist zwar flüchtig, aber dafür kommt sie irgendwann zu jedem einmal. Das ist doch mal ’ne Perspektive. Wenn alles nicht hilft, zwischendurch einfach mal die rosarote Brille aufsetzen, um das Bild wachzurufen, das wir früher von dem anderen hatten. Hildegard Knef wusste, um was es geht: „Eins und eins das macht zwei. Drum küss und denk nicht dabei, denn denken schadet der Illusion.“

Apropos Illusion: Wenn die Phase der Fantasie die zweite Phase in einer Beziehung ist, was ist denn dann die erste Phase? Peter Lauster sagt: die Aufmerksamkeit. Das leuchtet ein. Wenn mir jemand gar nicht auffällt, kann nichts draus werden. Also einfach mal in die Oper gehen und „Die Zauberflöte“ erleben. Vielleicht sitzt ja links ein Nachbar, der das runtergefallene Programmheft mit einer leichten Berührung in ihre Hände legt. Oder von der Dame rechts kommt ein Duft, der ihn betört. Schon klar. Darin steckt der Thor, der am Schluss genauso klug ist wie zuvor. Aber nicht in die Oper zu gehen, ist in jedem Fall dumm. Erstens wegen der wunderschönen Musik und zweitens, weil man vielleicht die Chance seines Lebens verpasst. Chance – ein schönes deutsches Wort aus dem Französischen, das nichts anderes bedeutet als Glück.