Stormarn
Kriminalität

Reinbeker Drogenprozess: Dealer berichten von Erpressung

Die Angeklagten sitzen beim ersten Prozesstag neben ihren Anwälten, halten weiße oder gelbe Zettel vor ihre Gesichter.

Die Angeklagten sitzen beim ersten Prozesstag neben ihren Anwälten, halten weiße oder gelbe Zettel vor ihre Gesichter.

Foto: Ha

Prozess gegen Bande, die in Reinbek den Drogenmarkt übernehmen wollte, geht vor dem Landgericht in Lübeck weiter.

Reinbek/Lübeck.  Erst als er einen Nervenzusammenbruch erlitten habe, habe er sich entschlossen, die Polizei zu alarmieren, sagt Philippe T. (alle Namen geändert) vor dem Landgericht in Lübeck. Sieben Monate sei er da bereits von Pjotr V. erpresst worden. „Sie haben mir gedroht, mir werde etwas zustoßen, wenn ich die Bullen informiere“, sagt der 20 Jahre alte Reinbeker.

Angeklagter hat Angst vor Vergeltung

Am dritten Verhandlungstag im Verfahren gegen Pjotr V. (21) und drei weitere Männer im Alter von 22, 24 und 27 Jahren befragt das Gericht vier Kleindealer aus Reinbek und Umgebung. Laut Staatsanwaltschaft sollen die vier Angeklagten die Männer dazu gezwungen haben, für sie Marihuana zu verkaufen, zudem sollen sie Schutzgeld von ihren Opfern erpresst haben. 29 Taten werden den Angeklagten aus Reinbek, Aumühle, Wentorf und Hamburg im Zeitraum zwischen 2017 und 2019 zugerechnet.

Wie schon zwei Zeugen zuvor, wird auch Philippe T. von zwei Polizeibeamten in den Gerichtssaal gebracht. Er hat Angst, Freunde der Angeklagten könnten Vergeltung üben. „Pjotr hat gesagt, dass er Teil einer großen Gruppe ist, die sich um mich kümmert, sollte er verhaftet werden.“ Der 20-Jährige erinnert sich, wie er erstmals mit Pjotr V. und einem weiteren Angeklagten aufeinandertraf. „Es war 2017, damals hat er mich zusammengeschlagen, weil ich angeblich mit seiner Cousine geschlafen haben sollte.“

Philippe T. habe aus Angst gezahlt

Zwei Jahre später habe V. dann erneut zu ihm Kontakt aufgenommen. „Er sagte, er wolle den Drogenhandel in Reinbek an sich reißen und ich sollte für ihn Gras verkaufen.“ Er habe sich geweigert. „Dann sollte ich mich für 600 Euro freikaufen.“ Das Geld habe er gezahlt.

„Einige Wochen später wollte er weitere 400 Euro, damit sie mich in Ruhe lassen.“ So sei es einige Monate gegangen. „Ich hab gezahlt, weil ich Angst hatte, dass sie mich wieder verprügeln“, sagt T. Auch habe einmal er mit V. einen Geldautomaten aufsuchen müssen, um ihm zu beweisen, dass er nicht zahlen könne. „Dann musste ich mit Pjotr und anderen Typen nach Hamburg fahren und auf meinen Namen einen Handyvertrag abschließen, den Pjotr nutzen wollte“, so der Reinbeker.

Schöffe schläft während der Vernehmung ein

Ähnliche Erlebnisse schildern auch die anderen Zeugen. „Ich hab drei oder vier Mal 25 Gramm Gras von Pjotr bekommen und verkauft“, sagt ein anderer Zeuge. Auch er habe, als er aussteigen wollte, immer wieder Geld an die Angeklagten zahlen müssen. Die Opfer berichten von nächtlichen Treffen am Reinbeker Schloss und an der Begegnungsstätte Neuschönningstedt für die Drogen- und Geldübergaben. Wer nicht auf die Nachrichten und Anrufe von Pjotr V. und seinen Bandenmitgliedern reagiert habe, habe bei der nächsten Begegnung jeweils eine Kopfnuss und eine Backpfeife erhalten. „Als Denkzettel.“

Die vier Angeklagten geben sich gelassen, scherzen immer wieder miteinander. Für Empörung bei deren Verteidigern sorgt indes einer der beiden Schöffen: Er war während der Vernehmung eines Zeugen eingeschlafen, wurde von dem neben ihm sitzenden Richter erst geweckt, als er in sich zusammensackte. Verärgert erklärte Verteidiger Heiko Granzin sich daraufhin bereit, seine Fragen an den Zeugen zu wiederholen.