Stormarn
Arbeitsalltag

Twitter-Gewitter: Was die Retter in Stormarn erleben

Die Rettungsleitstelle informierte am Dienstag per Twitter über kuriose Anrufe und Einsätze (Symbolbild).

Die Rettungsleitstelle informierte am Dienstag per Twitter über kuriose Anrufe und Einsätze (Symbolbild).

Foto: dpa Picture-Alliance

Mitarbeiter der Regionalleitstelle Süd in Bad Oldesloe gewähren beim Kurznachrichtendienst Einblicke in ihren Arbeitsalltag.

Bad Oldesloe. „In einer Schule atmet eine junge Dame etwas schnell, Klausurenstress oder Jugendliebe? Wir wissen es nicht, der Rettungsdienst ist auf dem Weg und wird helfen.“ Mit Meldungen wie diesen haben Sebastian Wenk (40), Mitarbeiter der Integrierten Regionalleitstelle Süd (IRLS) in Bad Oldesloe, und Christian Oehme (45), Sprecher des Rettungsdienstes Stormarn, am Dienstag auf humorvolle Weise Einblicke in ihren Arbeitsalltag und den ihrer Kollegen gegeben. Zwölf Stunden lang, von 8 Uhr am Morgen bis 20 Uhr am Abend, twitterten sie unter Hashtags wie #112live und #stormarn112 aus der Einsatzzentrale im zweiten Stock der Kreisverwaltung in Bad Oldesloe.

Orkantief „Sabine“ sorgt für zahlreiche Anrufe

Anlass ist der europäische Tag des Notrufs, der am 11.2. an die europaweit gültige Notrufnummer 112 erinnern soll. Bundesweit berichteten Berufsfeuerwehren beim sogenannten Twitter-Gewitter live vom Einsatzgeschehen. „Wir haben daraus einen virtuellen Tag der offenen Tür gemacht, um uns und unsere Arbeit vorzustellen“, sagt Notfallsanitäter Sebastian Wenk. Es gehe auch darum, die Bevölkerung für das richtige Verhalten im Ernstfall zu sensibilisieren. Deshalb postet der 40-Jährige nicht nur Meldungen zum aktuellen Einsatzgeschehen, sondern auch Informationen dazu, anhand welcher Symptome sich Erkrankungen erkennen lassen, zum Beispiel ein Schlaganfall. Und wie Ersthelfer am besten reagieren sollten.

Die Retter wollen mit der Aktion aber auch dafür werben, den Notruf nicht zu missbrauchen. „Bereits mehrfach kam heute das Stichwort ,Wasser im Keller’“, twittert die Leitstelle um 10.48 Uhr. Einmal habe sich die Situation am Telefon dramatisch angehört, vor Ort habe die Feuerwehr dann eine Wasserhöhe von zwei Zentimetern vorgefunden. Wenk sagt dazu: „In so einem Fall kann die Feuerwehr nichts ausrichten, da helfen nur Eimer und Feudel. Für einige sind wir ein besserer Hausmeisterservice.“ Letzteres habe sich mehrfach während des Orkantiefs „Sabine“ gezeigt, dessen Folgen auch am Dienstag noch für zahlreiche Anrufe in der Leitstelle sorgen. Um 8.34 Uhr heißt es bei Twitter: „Noch immer ist es windig, der vom Regen durchweichte Boden tut sein Übriges dazu. Ein Baum liegt nun quer über der Hauptstraße. Einsatz für die örtliche Feuerwehr.“ Und um 9.34 Uhr twittern die Retter: „Das Dach eines Carports löst sich im Sturm, die Feuerwehr ist alarmiert und auf dem Weg.“

Leitstellen-Mitarbeiter erleben viele kuriose Anrufe

Doch nicht alle Anrufe zu dem Thema sind auch echte Notrufe. „Ein Einwohner hat uns alarmiert, weil sein Nachbar trotz des Sturms Gelbe Säcke an die Straße gestellt habe“, sagt Wenk. Er klingt fassungslos, fragt: „Was sollen wir da machen?“ Mit ähnlich kuriosen Fällen haben die Retter immer wieder zu tun, machen sie am Dienstag unter dem Hashtag #NoNotruf öffentlich. Zum Beispiel mit dieser Meldung um 8.19 Uhr: „Statt der gewünschten Tabletten gab es als Medikament nur ein Pulver aus der Apotheke. Kein Fall für den Notruf 112, wir empfehlen den Kontakt zur Apotheke.“ Noch kurioser ist der Anruf, den ein Mitarbeiter mittags entgegennimmt. „Ein Bürger möchte uns über den Notruf 112 einen schönen Tag wünschen“, twittern die Retter um 14.50 Uhr. „Das ist zwar nett gemeint, blockiert aber die Leitung für echte Notfälle.“

Doch es gibt auch die umgekehrten Fälle: „Eine Person hat Kreislaufprobleme und ist bereits kollabiert“, twittern die Retter um 9.43 Uhr. Der Ersthelfer habe zunächst nicht den Notdienst alarmiert, sondern den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 angerufen. Wenk sagt dazu: „Kein Fall für den Hausarzt, sondern für den Rettungswagen.“

Das Spektrum der Notfälle ist breit

Durchschnittlich 1200 Anrufe gehen laut Wenk jeden Tag bei der Leitstelle in Bad Oldesloe ein. Dort werden die Einsätze für die Kreise Stormarn, Herzogtum Lauenburg und Ostholstein koordiniert, in denen insgesamt rund 650.000 Menschen leben. „Viele haben das Bedürfnis, zügig informiert zu werden“, sagt Wenk. „Wir überlegen und testen gerade, wie wir das in Zukunft hinbekommen.“ Bereits am Wochenende war die Leitstelle in den Sozialen Netzwerken sehr aktiv, um über den Sturm zu informieren. „Bei Twitter haben wir mit unseren Tweets zu dem Thema gut 85.000 Menschen erreicht“, sagt Sebastian Wenk. Das sei eine gute Quote.

Entwurzelte Bäume, Verkehrsunfällen, Feuer, Überfälle, verwechselte Medikamente, Kreislaufprobleme, Stürze, Nasenbluten und vieles mehr: Das Spektrum der Notfälle, die die Mitarbeiter der Leitstelle am Dienstag koordinieren müssen, ist breit. Und sie sind nicht immer alltäglich: „Nach Streit mit der Freundin hat ein Mann 9! Batterien verschluckt“, twittert Sebastian Wenk um 14.01 Uhr. Und ergänzt mit einem zwinkernden Smiley: „Elektroantrieb ist zwar gerade in Mode, aber eigentlich nur was für kleine Stoffhasen in der Werbung.“

Retter wollen mit der Aktion auch Nachwuchs gewinnen

Christian Oehme postet unterdessen ein Bild vom Oldesloer Bahnhof, vor dem ein Rettungswagen steht. Die Retter blicken von ihrer Zentrale direkt auf den Einsatzort. „Für diesen Fall haben wir eine komplette Notfallausrüstung in der Leitstelle verfügbar und können aufgrund unserer Ausbildung eine Erstversorgung sicherstellen“, schreibt Wenk dazu. Davon abgesehen bleiben die Einsatzorte für die Öffentlichkeit geheim – aus Datenschutzgründen. Es ist das erste Mal, dass sich die Leitstelle an einem Twitter-Marathon beteiligt. Die Retter verfolgen damit noch ein weiteres Ziel: Sie wollen auf ihren Beruf aufmerksam machen und Nachwuchs gewinnen.