Stormarn
Kreis Stormarn

Missbrauch: Wie Schüler lernen, sich zu wehren

Sonja Ewald und Andreas Puls spielen einen Übergriff in einem Bus als Beispiel für Missbrauch.

Sonja Ewald und Andreas Puls spielen einen Übergriff in einem Bus als Beispiel für Missbrauch.

Foto: Mary-Nell Hertel

Verein Dunkelziffer bietet Theaterstücke zur Prävention an. Grundschule Schmalenbeck nimmt seit 2005 an dem Projekt teil.

Grosshansdorf. Eine unerlaubte Berührung, eine unangenehme Umarmung, ein entblößter Erwachsener: Schätzungen zufolge hat etwa ein Kind in jeder Schulklasse solch eine Situation bereits erlebt und wurde somit Opfer von sexuellem Missbrauch. Dem will der Hamburger Verein Dunkelziffer durch Prävention an Stormarner Schulen entgegenwirken. „Auch kleine Vorkommnisse zählen bereits als sexueller Missbrauch“, sagt Sonja Ewald von der Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück.

Im Kreis Stormarn wurden im Jahr 2018 laut Kriminalstatistik der Polizeidirektion 23 Fälle von sexuellem Missbrauch bei Kindern angezeigt. Ein Jahr zuvor waren es 36 Fälle. Dabei werden ausschließlich Vorfälle erfasst, in denen polizeilich ermittelt wurde. Bei Sexualstraftaten gehen Experten davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt. Eine der Ursachen dafür ist das bei Kindern häufig fehlende Bewusstsein für Grenzen: Wo dürfen andere mich berühren? Womit fühle ich mich unwohl? Und darf ich etwas dagegen sagen?

In der Mittelstufe geht es vor allem um Mobbing

Seit 1993 arbeitet der Verein Dunkelziffer mit Schulen zusammen und bietet Präventionsprogramme für unterschiedliche Altersklassen an. Während Grundschüler ihre eigenen Grenzen kennenlernen und Bewusstsein für ihren Körper entwickeln sollen, geht es bei älteren Kindern in der Mittelstufe vermehrt darum, Mobbing vorzubeugen und den sicheren Umgang mit sozialen Plattformen im Internet zu erlernen.

Seit 2005 nutzt auch die Grundschule Schmalenbeck in Großhansdorf das Angebot. „Wir laden Dunkelziffer alle zwei Jahre zu uns ein, damit jedes Grundschulkind einmal an dem Projekt teilnehmen kann“, sagt Daniela Argubi, Sozialpädagogin der Schule. „Wir wollen Missbrauch kindgerecht thematisieren und die Kinder stark machen.“

Lehrer werden auf das Programm vorbereitet

In einer halbtägigen Fortbildung bereiten Dunkelziffer-Mitarbeiter die Lehrer auf das Programm vor. Dabei wird ihnen vermittelt, wie sie sexuellen Missbrauch im Unterricht sinnvoll thematisieren, sexuelle Übergriffe erkennen und im Verdachtsfall richtig handeln können.

Für die Schüler der dritten und vierten Klassen der Grundschule Schmalenbeck führt Dunkelziffer in Zusammenarbeit mit der Theaterpädagogischen Werkstatt das Stück „Mein Körper gehört mir!“ auf. Es besteht aus drei Teilen, die den Schülern in einem Abstand von je einer Woche vorgeführt werden.

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Kindesmissbrauch: Schulen und Vereine besonders betroffen

Dadurch haben die Kinder zwischen den Aufführungen genug Zeit, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen und auch im Unterricht darüber zu reden. Als musikalische Komponente kommt das Lied „Mein Körper gehört mir allein“ hinzu, welches mit Bewegungen verknüpft ist. Vor jedem der drei Abschnitte wird das Lied um eine Strophe erweitert. Das Stück wird vorab in einer gesonderten Vorstellung den Eltern gezeigt, damit auch sie für das Thema sensibilisiert werden.

Schüler sollen ein „Nein-Gefühl“ erkennen

„Betroffene Kinder müssen im Durchschnitt zu mindestens sechs Erwachsenen gehen, bevor ihnen geholfen wird“, sagt Andreas Puls von der Theaterpädagogischen Werkstatt. Um schnellere Unterstützung zu erreichen, bekommen Eltern Tipps, wie sie sich richtig verhalten, wenn ihr Kind betroffen ist.

Sonja Ewald und Andreas Puls spielten das Theaterstück bei der Informationsveranstaltung für Eltern in Großhansdorf. Insgesamt hat der Verein 60 Darstellerpaare, die das interaktive Stück bundesweit aufführen.

Der erste Teil dreht sich ums Erkennen eines „Nein-Gefühls“, wie die Pädagogen es nennen. Unterschieden wird zwischen „Ja- und Nein-Gefühlen“, also ob sich ein Kind bei bestimmten Berührungen wohl oder unwohl fühlt. Als Beispiel dient folgende Szene: Im Bus legt ein älterer Junge den Arm um eine Grundschülerin. Diese fühlt sich bedrängt, bekommt ein „Nein-Gefühl“ und schreit. Die Kinder sollen so darin bestärkt werden, auf ihre Gefühle zu hören und diese auch zu äußern.

Drei zentrale Fragen werden vorgestellt

Im zweiten Teil soll den Schülern vermittelt werden, dass Missbrauch nicht zwingend im Zusammenhang mit Körperkontakt stehen muss. Als Beispiel dient ein Mann, der vor einer Schule in einem Auto sitzt. Als eine Schülerin vorbeikommt, ruft er „Hey Kleine“ und zeigt sich nackt. Dieser Part verdeutlicht den Kindern, dass die Schuld immer auf den Täter fällt und sie sich nichts vorzuwerfen haben, wenn sie so etwas erleben.

Außerdem werden drei zentrale Fragen vorgestellt, die ein Kind sich stellen soll, bevor es mit einem Erwachsenen mitgeht. „Habe ich ein ,Nein-Gefühl’?“ ist die erste Frage, die zweite „Weiß jemand wo ich bin?“ und die dritte „Wird mir jemand helfen, wenn ich Hilfe benötige?“. Falls das Kind eine der Fragen verneint, sollte das Kind, so Sonja Ewald, nicht mitgehen, oder zuerst den Eltern Bescheid geben.

Im letzten Abschnitt geht es um Missbrauch innerhalb der Familie und im direkten Umfeld. Gerade dort fällt es Kindern häufig schwer, sexuellen Missbrauch zu erkennen und sich dagegen zu wehren, da sie zu nahestehenden Personen emotionale Bindungen haben und sich dadurch häufig in einem Zwiespalt befinden. Dieser ist besonders groß, wenn Täter von den Kindern verlangen, die Vorfälle geheim zu halten. In dem Kontext erklären die Experten den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen.

Alle Schulen können den Verein Dunkelziffer einladen

„Betroffenen Kindern wird oft erst nach den Vorstellungen bewusst, was mit ihnen passiert ist, und sie suchen nach Hilfe“, sagt Daniela Argubi. Damit Kinder wissen, an wen sie sich wenden können, geben die Schauspieler jedem Kinder eine Visitenkarte mit der kostenfreien „Nummer gegen Kummer“ für Kinder und Jugendliche sowie für Eltern.

Infos rund um das Thema Mobbing in der Schule:

  • Bei Mobbing setzt eine einzelne Person oder eine ganze Gruppe einem Kind über einen längeren Zeitraum immer wieder zu.
  • Direktes Mobbing: Dazu zählen verbales Mobbing wie Drohungen, Hänseleien und Spott sowie physisches Mobbing wie Schläge, Schubsen oder Zwicken.
  • Indirektes Mobbing: Darunter versteht man unter anderem Ausgrenzung und Beschädigung des Rufs.
  • Ursachen für Mobbing unter Kindern: Wut, Langeweile, Unzufriedenheit, Neid, geringe Konfliktfähigkeit, geringes Selbstwertgefühl.

Der Verein Dunkelziffer kann von allen Schulen eingeladen werden, sein Präventionsprogramm vorzuführen. Außerdem bietet Dunkelziffer neben dem Projekt auch telefonische Beratung, Fortbildungen und Therapieplätze. Im vergangenen Jahr waren die Mitarbeiter an sieben Stormarner Schulen in 35 Klassen. In diesem Jahr haben sich bereits neun Schulen für das Präventionsprojekt angemeldet.

Neben Dunkelziffer gibt es noch weitere Organisationen, die Präventionsprogramme anbieten. Im Kreis Stormarn setzen sich Pro Familia Schleswig-Holstein und das Kieler Büro Petze gegen sexuelle Gewalt ein. Das Projekt „Ziggy zeigt Zähne“ von Pro Familia richtet sich an Drittklässler und deren Bezugspersonen. Ebenso wie bei Dunkelziffer gibt es einen Informationsabend für Eltern und eine Fortbildung der Lehrer. Die Schüler nehmen dann an einem dreitägigen Präventionsprogramm teil, in dem sie erfahren, was sie als Opfer sexuellen Missbrauchs tun können und wo sie Hilfe erhalten.

Seit 2012 ist ein erweitertes Führungszeugnis erforderlich

Petze biete mehrere Präventionsprojekte für unterschiedliche Altersklassen an. Neben Programmen für Grundschüler und Fünftklässler gibt es beispielsweise die Ausstellung „Echt krass!“ für Achtklässler. Darin geht es um Themen im Bereich sexuelle Grenzverletzungen, sexistische Werbung und Pornografie, eigene Bedürfnisse und die des Partners sowie um Kommunikation in Teenagerbeziehungen. Mit dem Präventionsparcours wolle die Organisation eine Stärkung der sozialen Kompetenz und eine Sensibilisierung der Jugendlichen bezüglich der Thematik erreichen. Außerdem schulen die Petze-Mitarbeiter Lehrkräfte und informieren Eltern in einem Brief.

Die Bundesregierung hat einen unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs eingesetzt. Seit Januar 2012 gilt zudem ein neues Bundeskinderschutzgesetz: So sind alle Einrichtungen mit Kindern und Jugendlichen dazu verpflichtet, von ihren Mitarbeitern ein erweitertes Führungszeugnis zu verlangen. Außerdem fordert Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter in Deutschland, einen Vertreter für jedes Bundesland, der sich mit der Thematik Missbrauch befasst.

Kostenfreie Hilfe und Beratung: „Nummer gegen Kummer“ für Kinder und Jugendliche 11 61 11 (montags bis sonnabends jeweils 14 bis 20 Uhr); für Eltern 0800/111 05 50 (montags bis freitags jeweils 9 bis 11 Uhr, dienstags und donnerstags auch 17 bis 19 Uhr)