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Ein Stormarner ist dreifacher Kanarienvogel-Weltmeister

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Melissa Jahn
Kanarienvogel bringt Weltmeistertitel zu Züchter Christoph Timm nach Lütjensee. 

Kanarienvogel bringt Weltmeistertitel zu Züchter Christoph Timm nach Lütjensee. 

Foto: Melissa Jahn

Hobbyzüchter Christoph Timm aus Lütjensee holt Titel mit Kanarienvögeln. Sein aktueller Champion heißt „Nr. 33“.

Lütjensee. Ein kleiner Piepmatz aus Stormarn ist auf der 64. Weltmeisterschaft der Vogelzüchter im portugiesischen Matosinhos ganz groß herausgekommen. Der Kanarienvogel der englischen Rasse Fife Fancy erlangte mit 94 von 100 möglichen Punkten ein Spitzenergebnis unter 16.000 Kanarienvögeln und sicherte sich damit den ersten Platz. Für Hobbyzüchter Christoph Timm aus Lütjensee ist dies bereits der dritte Weltmeistertitel.

Schon von Weitem weist das selbstgebaute Starenhotel im Vordergarten Christoph Timm als Vogelliebhaber aus. Demnächst beziehen die auf der Roten Liste als gefährdet eingestuften Vögel eines der 15 „Einzimmerapartments“, um dort ihre Eier auszubrüten. Ganzjährige Untermieter und der Schatz der Familie Timm sind jedoch die Kanarienvögel, die ihr Zuhause im Keller gefunden haben. 25 Zuchtboxen sind hier an der Wand montiert und von etwa 60 Vögeln belegt. Darunter auch die Nr. 33 in der Farbe schiefer-weiß, deren Federkleid den Laien eher an einen weiblichen Haussperling erinnern mag – kaum aber an einen zitronengelben Kanarienvogel.

So funktioniert der Trick mit dem Schminkspiegel

Doch der Schein trügt, denn auf der Stange sitzt ein prämierter Weltmeister, der auch den Sieg beim Border Fife Club Deutschland nach Hause getragen hat. Wie es der Name verrät, stammt die Rasse Fife Fancy aus der schottischen Grafschaft „Fife“. Die Hauptmerkmale des kleinen und glatt gefiederten Kanarienvogels sind seine geringe Größe von bis zu elf Zentimetern und die kugelrunde Körperform. Damit diese voll zum Tragen kommt, kennt Christoph Timm einige Tricks – zum Beispiel, einen Schminkspiegel auf den Käfig zu legen. „Dadurch kommen die Füße höher und die Oberschenkelmuskulatur wird trainiert“, verrät Timm. „Dieser kleine aber feine Unterschied kann maßgeblich sein, um den Preisrichter zu überzeugen.“

Auf den Vogel gekommen ist Christoph Timm durch seinen Vater, der sich durch Taubenzucht im Krieg Geld dazuverdient und seinem Sohn bereits in jungen Jahren die Besonderheiten der heimischen Gartenvögel erklärt hat. Als der 11-Jährige einen Nymphensittich im Garten findet, bekommt er im Tausch ein Zebrafinkenpärchen geschenkt und schon bald sind Volieren und Käfige überall im Garten verteilt. „Irgendwann haben mich meine Eltern vor die Wahl gestellt, meine Vögel abzuschaffen oder auszuziehen“, sagt Timm. Er entschied sich für letztere Alternative und baute seine Leidenschaft noch weiter aus.

Timm besucht vier bis fünf Ausstellungen pro Jahr

Heute ist die Zucht genau durchgetaktet. Spätestens im Dezember beginnt der 55 Jahre alte Kaufmann damit, das Licht länger brennen zu lassen, um den Frühling einzuläuten. Die passenden Paarungen werden mit dem Computer bestimmt und die Vögel in ihren Käfigen zusammengeführt. Wichtig sei ein Verwandtschaftsgrad von nicht mehr als 13,4 Prozent. „Zuviel Inzucht ist ungesund“, sagt Christoph Timm. „Damit ein neuer Weltmeister schlüpft, kommt es zudem auf die passende Farbwahl – aber auch eine Portion Glück an.“ Während Nummer 18 lautstark zwitschernd seine nahende Vaterschaft verkündet und aufgeregt vor dem brütenden Weibchen umherhüpft, hat sich ein Pärchen zwei Käfige weiter rechts noch nicht miteinander arrangiert. „Für diese Beiden werde ich die Wahl wohl noch einmal überdenken müssen“, sagt Timm.

Genug Auswahl gibt es. Und die kostet Zeit. Etwa eine Stunde am Tag verbringt Timm mit seinen Vögeln. Dazu kommen vier bis fünf Ausstellungen im Jahr. Doch obwohl er seine Leidenschaft selbst als „etwas merkwürdig“ einschätzt – „die weite Strecke bis nach Portugal bin ich dann doch nicht gefahren“. Stattdessen habe er die Vögel bis zu einer Sammelstelle in Gifhorn begleitet und sie zusammen mit den gefiederten Freunden anderer Züchter auf die Reise geschickt. „Damit es für die Vögel weniger Stress bedeutet mit einer Extraportion Hanfsamen im Futter“, so Timm.

Timm hat bereits ans Aufhören gedacht

Ans Aufhören habe er schon mal gedacht, es seiner Frau nach dem letzten Sieg sogar versprochen. „Im Scherz“, wie Timm jetzt sagt. „Letztendlich waren die Vögel vor ihr da und sie ist zum Glück sehr tolerant.“ Zuletzt habe er versucht, seine Zuchtpaare von 40 auf 20 zu reduzieren. „Aber auch das hat irgendwie nicht geklappt.“ Darauf, seine Zucht eines Tages zu vererben, hofft Christoph Timm ebenfalls nicht. Sein jüngster Sohn Noah übernehme zwar die Fütterung, wenn er selbst beruflich unterwegs sei. Doch die Leidenschaft für die Zucht habe den 15-Jährigen nicht gepackt. „In meinem Verein gehöre ich zu den jüngsten“, sagt Timm. „Die jungen Leute haben heute andere Hobbys. Vogelzucht wird irgendwann aussterben.“

Obwohl die Vögel der Einfachheit halber nur Nummern statt Namen haben, erinnert sich der Züchter an ein Exemplar besonders gern – seinen ersten Weltmeister von 2013. Beachtliche sechs Jahre alt sei „Nr. 27“ geworden. Jetzt liege das Tier im Gefrierfach, da er sich nicht habe trennen können. „Ich wollte es ausstopfen lassen, doch das ist zu makaber“, so Timm. „So einen tollen Vogel habe ich bisher nicht wieder gesehen.“

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