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Babyleiche in Glinde: Führt DNA-Test zur Mutter?

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René Soukup
Hinter Absperrband ermittelten Polizisten im März 2019 im Gellhornpark in Glinde. Ein Schüler entdeckte dort die Leiche eines Säuglings.

Hinter Absperrband ermittelten Polizisten im März 2019 im Gellhornpark in Glinde. Ein Schüler entdeckte dort die Leiche eines Säuglings.

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Am 22. März 2019 fand ein Schüler eine Babyleiche in Glinde. Von der Mutter fehlt jede Spur. Gericht ordnet DNA-Massentest an.

Rund 530 Mädchen und Frauen aus Glinde im Alter zwischen 13 und 48 Jahren haben von der Polizei ein Schreiben erhalten mit der Aufforderung, bei einem DNA-Test mitzumachen. Sie leben im Umkreis von 750 Metern des Gellhornparks. Dort hatte ein Sechstklässler des örtlichen Gymnasiums am 22. März vergangenen Jahres eine Babyleiche gefunden. Er war an jenem Vormittag bei einer Müllsammelaktion aktiv und in einer Gruppe unterwegs. Trotz intensiver Suche und wiederholter Plakataktionen haben die Ermittler keine brauchbaren Hinweise auf die Herkunft des Säuglings, dem sie den Namen Leander gaben. Von der Mutter und auch dem Vater fehlt jede Spur. Die Beamten hoffen, dass sich das durch die Massenuntersuchung ändert.

Die Prozedur dauere weniger als eine Minute

Diese hat das Amtsgericht Lübeck angeordnet. Ob alle kontaktierten Personen eine Speichelprobe abgeben, ist ungewiss. „Wir haben keine Zwangsmittel“, sagt Ulla Hingst, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, und verweist auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Wer sich dazu bereit erklärt, dem stehen zwei Termine zur Auswahl: am Freitag, 21. Februar, von 15 bis 20 Uhr, und am Sonnabend, 22. Februar, von 10 bis 18 Uhr, jeweils im Schulzentrum Glinde am Oher Weg.

Laut Hingt werden mehrere Polizisten vor Ort sein, um bei den Frauen parallel mithilfe eines Tupfers einen Mundschleimhaut-Abstrich zu machen. „Es soll keine langen Wartezeiten geben. Die Prozedur dauert weniger als eine Minute.“ Mehr Zeit nehmen Formalien in Anspruch. So müssen die Frauen zum Beispiel dem Gentest schriftlich zustimmen. Wann mit Ergebnissen zu rechnen ist, dazu will die Lübecker Oberstaatsanwältin keine Prognose abgeben.

Der Säugling kam wohl zwei Monate zu früh auf die Welt

Der tote Säugling lag damals eingewickelt in ein blaues Handtuch und halb vergraben auf dem Waldboden. Doch weder Spuren am Fundort führten zu den Eltern noch ein DNA-Abgleich. Ermittler überprüften mit einer Probe des Kindes, ob die Eltern in der DNA-Analyse-Datei des Bundeskriminalamtes erfasst sind. Dort wird der genetische Fingerabdruck sowohl von Straftätern als auch von am Tatort gesicherten Spuren gespeichert. Die Datei enthält mehr als 1,2 Millionen Datensätze.

Rechtsmediziner gehen davon aus, dass der hellhäutige Junge etwa zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen war. Vermutlich um den 8. März herum wurde Leander nach diesen Erkenntnissen geboren. Nicht länger als zwei Wochen dürfte der Säugling laut der Experten in dem Waldstück gelegen haben.

Anonymer Spender finanziert Grab und Beisetzung

Der zwölf Jahre alte Gymnasiast, der Leander nahe eines Trampelpfades entdeckte, sowie seine Mitschüler mussten noch vor Ort von Notfallseelsorgern betreut werden. Mehrere Mädchen waren vor Schreck kollabiert. In Glinde bildete sich ein Kriseninterventionsteam, dem unter anderem die Leitungen des Gymnasiums und der im selben Schulzentrum ansässigen Sönke-Nissen-Gemeinschaftsschule angehörten. Es regelte die Nachsorge der jungen Menschen über mehrere Tage vor Ort. Auch Lehrkräften wurde Hilfe angeboten. Der Fall löste Bestürzung und Betroffenheit bei vielen Glindern aus. Nach dem Fund legten Bürger Blumen im Gellhornpark nieder, stellten Kerzen auf. Spaziergänger blieben davor stehen und hielten inne.

Am 10. April 2019 wurde das Baby auf dem städtischen Friedhof beigesetzt. „Grab und Beisetzung wurden durch eine anonyme Spende finanziert, um dem Kind eine angemessene Ruhestätte zu geben und einen Ort zu schaffen, an dem Abschied genommen und Leander gedacht werden kann“, hieß es damals in einer gemeinsamen Mitteilung von Staatsanwaltschaft und Polizei.

Die Beamten waren mehrmals in Glinde unterwegs und verteilten Plakate mit einem Zeugenaufruf, klebten diese an Bushaltestellen und Stromkästen. In Mehrfamilienhäusern rund um den Gellhornpark wurden solche an schwarzen Brettern im Hausflur angebracht. Den entscheidenden Tipp gab es aber nicht. Die Kriminalpolizei nimmt noch immer Hinweise entgegen und ist unter Telefon 0451/131 46 04 zu erreichen.

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