Stormarn
Interview

Jonathan Meese wird 50: „In Ahrensburg tanke ich auf“

Dieses Foto zeigt den Künstler Jonathan Meese in seinem Atelier in Berlin

Dieses Foto zeigt den Künstler Jonathan Meese in seinem Atelier in Berlin

Foto: photography jan-bauer.net courtesy jonathan meese.com

Der Gegenwartskünstler erzählt von seiner Schulzeit in der Schlossstadt, von der Ungeduld seiner Mutter und wie er einst zur Kunst kam.

Ahrensburg. Einer der erfolgreichsten und umstrittensten Gegenwartskünstler wird 50: Der Ahrensburger Jonathan Meese feiert am heutigen Donnerstag einen runden Geburtstag. Zum Jubiläum des bekennenden Trainingsjacken-Trägers eröffnet die Tim van Laere Gallery in Antwerpen seine Ausstellung „DR. 50/50FITTYMEESE (Pump Away Reality)“.

Ein stillgelegtes Wasserpumpwerk im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist seit zehn Jahren Jonathan Meeses Hauptquartier. Der Künstler nennt den Gebäudekomplex „mein Schloss“. In der Hauptstadt lebt er mit Mutter Brigitte (90) und seiner Lebensgefährtin, der isländischen Künstlerin Gudny Gudmundsdottir. Regelmäßig zieht es ihn in seine Heimat. „Ich fahre jede Woche nach Ahrensburg, um mich zu entspannen, um nicht online zu sein und um meine Kindheit zu riechen“, sagt er. Im Interview spricht er auch über das Verhältnis zu seiner Mutter, seinen Hitlergruß und die Bayreuther Festspiele.

Hamburger Abendblatt: Sie sind in Tokio geboren, haben Ihre ersten Lebensjahre dort verbracht. Was bedeuten diese Wurzeln heute noch?

Jonathan Meese Ich gehe jede Woche zum Japaner essen, seit 20, 25 Jahren. Das ist ein Ritual für mich. Ich liebe das Japanische, diese Disziplin und diese Liebe zum Essen und zu allen Dingen, dieses sehr starke Gefühl, mit der Natur verbunden zu sein. Ich bin ein totaler Samurai der Kunst und empfinde mich auch so. Ich bin ein Kämpfer der Kunst, und ich kämpfe allein. Ich habe mein Schwert, das ist der Pinsel. Ich bin ein Einzelkämpfer. Und das sind Samurai. Die müssen da allein durch.

Zur Kunst kamen Sie erst spät. Wie kam es dazu?

Ich war auf der Mönckebergstraße. Meine Mutter fragte: Was möchtest du zum Geburtstag haben? Es war mein 22. Ich sagte aus der hohlen Hand: einen Block und ein paar Pastellstifte. Meine Mutter war wie vom Donner gerührt. Ab dem Tag war der Damm gebrochen. Ich hab nur noch Kunst gemacht.

Gäbe es den Künstler heute nicht, hätte die so wichtige Mutter damals Nein gesagt?

Da hätte ich mir das vielleicht selbst gekauft, aber vielleicht wäre es auch verpufft. Es war ja nur so ein Blitzgedanke, es war nicht überlegt.

Sie leben inzwischen mit Ihrer Partnerin und Ihrer Mutter in Berlin. Wofür dient das Standbein in Hamburg?

In der Wohnung in Ahrensburg werde ich nicht belästigt. Da kann ich auftanken. Da mache ich eigentlich gar nichts. Ich kenne mich da total aus. Ich hatte eine ganz tolle Schulzeit, eine ganz tolle Kindheit.

Sind Sie immer einig mit Ihrer Mutter?

Mit meiner Mutter kann ich am besten streiten, wir streiten jeden Tag. Dann geht es etwa um die Zukunft, wie man weitermacht. Ich bin manchmal ungeduldig, ich werde jetzt 50. Meine Mutter ist ungeduldig, die ist 90. Es gibt viel zu tun. Aber wir werden natürlich von der Realität dieser Zeit bedrängt, wir wollen beide keine Realität. Meine Mutter auch nicht.

Schadet die Realität dem Künstler?

Ich muss mich von diesen Realitätsfanatikern loslösen, die mich immer in irgendwas pressen wollen, die mich zu einer Realwurst machen wollen. Ich bin einfach total. Ich bin der Narr und Traumtänzer. Ich bin an der Kunst interessiert, an Gegenwelten, nicht an Realität. Ich bin ja das Gesicht der Antirealität Kunst.

Was bedroht die Kunst?

Wir haben die Zensur wieder, die Zensur kommt von den Künstlern selber. Und das ist das erschreckendste Szenario, was es momentan gibt auf diesem Planeten. Künstler sagen, dass man bestimmte Sachen nicht mehr malen darf: Keine nackten Menschen. Ich muss in meiner Hautfarbe bleiben. Ich darf als Mann keine Frau mehr malen. Dann darf ich aber auch keinen Tisch malen, ich bin ja kein Tisch.

Sind Sie da allein?

Kunst ist etwas, wo man nicht hinterherlaufen darf. Das mache ich alles nicht. Ich laufe vorneweg. Ich stürme in die Zukunft, komme, was wolle. Ich gucke nicht nach hinten. So sehe ich das auch in der Kunst: kein Gruppenzwang, kein Herdentrieb, keine Gruppenbildung, keine ideologische Zusammenrottung. Alleine stehen, seinen Mann stehen und das tun, was notwendig ist. Das ist für mich Kunst.

Sie zeigen bei Performances den Hitler-Gruß. Ist das in Zeiten von Rechtsextremismus und Antisemitismus zu verantworten?

Wenn man den Menschen sagt, dass Kunst nur eine Dekoration von Politik und Religion ist, kommen wir in Teufels Küche. Wenn man der Kunst überhaupt keine Macht zubilligt, dann hat man natürlich Zombies vor sich. Ein Mensch, der Horst Tappert und Derrick nicht unterscheiden kann, der hat selber ein Problem. Das kann ich ihm nicht abnehmen. Den Menschen muss in der Schule beigebracht werden, dass es die Welt der Kunst gibt und die Welt der Realität. In der Realität dürfen wir keine Kriege führen, in der Kunst können wir sie aber führen. Da kommen nämlich keine realen Opfer zustande. Jedes erotische Gedicht ist erlaubt. Jede Äußerung, auch der Gruß, ist erlaubt, solange man das im Namen der Kunst und für die Kunst macht. Wenn ich die Realität bediene, bin ich außerhalb der Kunst.

Sie sind in Bayreuth rausgeflogen, weil Ihr „Parsifal“ zu teuer wurde. Schmerzt das noch?

Bayreuth tut mir immer noch sehr weh, wie man damals mit mir und Richard Wagner umgegangen ist. Richard Wagner kann man nicht gleichschalten. Richard Wagner war eine extreme Figur, man muss den extrem bringen. Gefallsucht in der Kunst ist der falsche Weg, man muss die Dinge radikalisieren. Ich werde nie wieder in meinem Leben eine Oper machen. Außer, man fragt mich in Bayreuth. Wenn mich Bayreuth ruft, um wieder was Radikales zu tun, dann würde ich das machen. Ich gehe aber davon aus, dass die Führung so was von weltgleichgeschaltet ist für die nächsten zehn Jahre. Da wird nichts passieren.

Was wollen Sie in Bayreuth dann machen?

Am liebsten „Parsifal“. Oder alles. Ich würde auch gern Chef sein von dem Laden. Ich würde es mir auch zutrauen, jede Inszenierung zu machen. Gleichzeitig. Und der Chef des Hauses zu sein. Dann würde ich nur die Radikalinskis holen, nur die Profis. Also niemanden, der politisch gleichgeschaltet ist. Niemand, der irgendjemand gefallen will. Für mich ist das ja alles zu gefällig, zu anbiederisch. Ich bin liebevoll in der Realität, aber nicht in der Kunst. Richard Wagner kann man auch nicht so glattbügeln. Das ist einfach nicht möglich. Das sind einfach harte Gesten und harte Sachen.

Was reizt einen seit Jahrzehnten international erfolgreichen Künstler noch, der schon so gut wie alles gemacht hat?

Ballett würde ich machen, Ballettinszenierungen würde ich machen. Hier fast neben meinem Atelier ist ja die große Staatliche Ballettschule Berlin, eine der wichtigsten Europas. Die waren mal bei mir im Atelier und haben mich dann eingeladen, mal bei ihnen zu gucken. Ich finde Ballett hinreißend. Das ist für mich nicht altmodisch, sondern ist einfach präzise. Das ist Evolution. Ich finde das wahnsinnig. Diese Disziplin, die Härte, die Liebe und Hingabe.

Und sonst?

Künstlerisch lockt es mich wahnsinnig, weiter der Kunst zu dienen, am Gesamtkunstwerk Deutschland zu arbeiten, klarer zu formulieren, was es bedeutet. Die Definitions- und Deutungshoheit in diesem Land kann und darf nur Kunst haben, und die Würde der Kunst ist unantastbar. Ganz banal: Ich möchte Bilder malen. Ich möchte in meinem Atelier sitzen. Ich will nicht gestört werden. Ich will Skulpturen machen. Ich will Collagen machen. Ich habe so viel Bilder im Kopf, die müssen raus.

Sie feiern Ihren Geburtstag mit einer Vernissage in Antwerpen.

Die Ausstellungseröffnung ist eine Möglichkeit für mich, Geburtstag und Kunst zu verbinden. Sonst ist mir das zu pathetisch und auch zu blöd. Ich möchte, dass die Kunst gefeiert wird. Es soll die Zukunft gefeiert werden. Wir haben alle das Recht, eine geilste Zukunft zu haben.