Stormarn
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Lebensmittel: Es wird nicht überall kontrolliert

Ein Lebensmittelkontrolleur überprüft bei einer Betriebskontrolle die Temperatur einer Fleischware.

Ein Lebensmittelkontrolleur überprüft bei einer Betriebskontrolle die Temperatur einer Fleischware.

Foto: dpa

Foodwatch: Jede dritte Prüfung fällt aus. Behörden in Stormarn können den Vorschriften wegen Personalmangels nicht entsprechen.

Der aktuelle Foodwatch-Bericht macht nicht gerade Appetit: Laut bundesweiter Umfrage der Verbraucherorganisation fällt jede dritte Lebensmittelkontrolle aus – auch in Stormarn. Doch die Behörden im Kreis wiegeln ab. Demnach seien die jeweiligen Zahlen der Kreise und Landkreise, auf die die Untersuchung Bezug nimmt, nicht immer miteinander vergleichbar.

Fachdienst für Lebensmittelsicherheit räumt Personalmangel ein

Verdachtsmeldungen von Verbrauchern gehen die Stormarner Kontrolleure immer nach, die Quote liegt bei 100 Prozent. Gleichzeitig räumt der Fachdienst für Veterinärwesen und Lebensmittelsicherheit auf Abendblatt-Anfrage ein, dass Personal fehlt und daher nicht alle Regelkontrollen geleistet werden können. „Von den sechs Vollzeitstellen sind nur fünf besetzt, damit können wir das 100-Prozent-Ziel nicht erreichen“, sagt Fachdienstleiter Frank Brinker. Ein Dauerzustand soll das aber nicht sein.

Behörde hofft auf Entspannung der Situation im Sommer

Seit Sommer 2018 befinden sich zwei Mitarbeiter in der Fortbildung zum Lebensmittelkontrolleur. „Ich gehe davon aus, dass beide bis Sommer ihre Fortbildung erfolgreich absolvieren und wir dann personell besser aufgestellt sein werden“, sagt der Chef der Lebensmittelkontrolleure. Allerdings weist Brinker auch darauf hin, dass die Zahlen der Landkreise und Kreise nicht miteinander vergleichbar seien.

So werden in Stormarn auch sogenannte Mischbetriebe unter dem Überbegriff „Lebensmittelbetrieb“ geführt, die nicht unmittelbar etwas mit der Herstellung und Weiterverarbeitung von Lebensmitteln zu tun haben, somit generell ein geringeres Risiko darstellten. Als Beispiel nennt Brinker etwa Tankstellen, die nur eingeschweißte Lebensmittel verkaufen und bei denen das Hygienerisiko wesentlich geringer ist als bei Herstellerbetrieben oder Restaurants. „Prozentzahlen lassen sich nur dann vergleichen, wenn von gleichen Ausgangszahlen ausgegangen werden kann“, sagt Frank Brinker.

Foodwatch: Nur nur zehn Prozent der Ämter erfüllen ihr Soll

Laut Foodwatch sind bundesweit nur zehn Prozent der rund 400 Kontrollämter in der Lage, ihr Soll bei der Überprüfung von Betrieben zu erfüllen. Bundesweit konnten die Behörden im Jahr 2018 mehr als eine Viertelmillion der verbindlich vorgeschriebenen amtlichen Kontrollbesuche nicht leisten. Der Fachdienst in Stormarn muss derzeit 2.264 Lebensmittelbetriebe überwachen. In welchem Intervall die Betriebe besucht werden, erfolgt nach einer individuellen Risikoeinschätzung.

„Die Risikoeinschätzung kann ein Kontrollintervall von einigen wenigen Monaten bis zu ein bis zwei Jahren ergeben“, sagt Brinker.

2018 überprüften Stormarner Kontrolleure 1873 Betriebe

2018 überprüften Stormarner Kontrolleure 1.873 Lebensmittelbetriebe. In dieser Zahl sind auch Nach- und Anlasskontrollen aufgrund von Verbraucherbeschwerden enthalten. Einen Fall, in dem ein Restaurant wegen großer Hygieneverstöße hätte geschlossen werden müssen, gab es 2018 nicht. Wenn es zu derart großen Verfehlungen kommt, zeigen sich Inhaber in der Regel einsichtig und beseitigten Mängel umgehend.

Brinker: „Das wird von uns natürlich anschließend überprüft.“ Verdachtsfälle auf Lebensmittelvergiftungen sind dem Fachdienst Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung nicht bekannt. Allerdings werden dem Gesundheitsamt nur bestätigte Krankheitsfälle und keine Verdachtsfälle gemeldet, wie Michael Drenckhahn, Pressesprecher des Kreises, sagt: „Die Dunkelziffer ist hier aber hoch.“

Organisation fordert einen besseren Schutz der Verbraucher

Laut Foodwatch sei das Problem allein mit mehr Personal nicht zu lösen. Die Organisation kritisiert, dass es bislang vom politischen Willen der einzelnen Kommunen abhängt, wie gut oder schlecht eine regionale Kontrollbehörde ausgestattet ist. Foodwatch fordert daher unabhängige Landesanstalten, die für die Kontrollen zuständig sind.

Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker: „Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit dürfen nicht von der Kassenlage oder von politisch motivierten Haushaltsentscheidungen in Ländern oder Gemeinden abhängig sein. Der politische Einfluss auf die Lebensmittelkontrollbehörden muss gestoppt werden.“

Gesetz soll dazu verpflichten, Kontrollergebnisse zu veröffentlichen

Zudem müssten die Ämter per Gesetz verpflichtet werden, alle Kontrollergebnisse zu veröffentlichen. Wenn Betriebe wüssten, dass Verstöße öffentlich werden, schaffe dies den besten Anreiz, sich jeden Tag an die Vorgaben zu halten. Das zeigten Erfahrungen aus Ländern wie Dänemark, Norwegen oder Wales, wie Martin Rücker sagt: „Seit dort alle Kontrollergebnisse veröffentlicht werden, ist die Zahl der beanstandeten Lebensmittelbetriebe deutlich zurückgegangen.“