Stormarn
Bad Oldesloe

Notruf 112! 24-Stunden-Report aus der Leitstelle der Retter

Disponentin Vivian Fährmann konzentriert an einem der vielen Bildschirme.

Disponentin Vivian Fährmann konzentriert an einem der vielen Bildschirme.

Foto: Andreas Laible

Von der Rettungsleitstelle in Bad Oldesloe werden pro Jahr mehr als 120.000 Einsätze in drei Kreisen organisiert – eine Reportage.

Bad Oldesloe.  Eine Treppe mit 34 Stufen führt in den zweiten Stock des Hauptgebäudes der Kreisverwaltung in Bad Oldesloe. Die Tür auf der linken Seite ist nur mit einem Chip zu öffnen. Wer dort Zutritt hat, gelangt auf einen Flur, dessen Wände mit gläsernen Schaukästen gespickt sind. In ihnen sind Dutzende Feuerwehr-Embleme aneinandergereiht, einige stammen aus den USA. Rechts befindet sich die Küche und gleich daneben eine weitere Tür, die verschlossen ist und sich erst nach dem Drücken einer Klingel öffnet. Jetzt sind wir drin, blicken in einen rund 150 Quadratmeter großen Raum mit modernster Technik. Jeder Arbeitsplatz ist mit mehreren Bildschirmen ausgestattet. An ihnen sitzen Männer und Frauen, die ein Headset tragen und unter der Telefonnummer 112 erreichbar sind. Willkommen in der Integrierten Regionalleitstelle Süd (IRLS).

Von hier aus werden Rettungswagen und Notärzte in die Spur geschickt - in einem Gebiet, in dem rund 680.000 Menschen leben. Es sind die Kreise Stormarn, Herzogtum Lauenburg und Ostholstein. Mehr als 120.000 Einsätze im Jahr veranlassen die Disponenten, darunter auch jene der zahlreichen Feuerwehren in den Städten und Gemeinden. Dabei geht es um Sekunden und oft auch Leben und Tod. Der Bereich Katastrophenschutz ist hier ebenfalls angedockt.

Die 44 Kräfte der Leitstelle arbeiten im Schichtdienst – rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche. Sie alle sind auch Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter, haben in einer der freiwilligen Wehren eine Ausbildung zum Gruppenführer gemacht. Die Verantwortung, die sie tragen, ist enorm. Das Abendblatt hat die Rettungsexperten 24 Stunden in ihrem Arbeitsalltag begleitet.


8.05 Uhr:
Seit rund zwei Stunden ist Schichtleiter Markus Priemel im Dienst. Er sitzt in der Mitte des Raumes, hat sieben Bildschirme vor sich und damit mehr als die Kollegen. Der Ahrensburger bedient auch die App für die Bevölkerung und ist für den Informationsfluss an die Medien zuständig. Um ihn herum gibt es drei Inseln, an ihnen sind je zwei Kollegen einem Kreis zugeordnet. Der 46-Jährige hat sich seiner Straßenschuhe entledigt und trägt aus Gründen der Bequemlichkeit Birkenstock-Latschen. Rutschgefahr besteht auf dem dunklen Teppichboden nicht. Priemel hat einen Zettel in der Hand mit Zahlen. 65 Notrufe sind binnen der vergangenen 90 Minuten eingegangen. „Bisher ein normaler Tag“, sagt der Vater eines neun Jahre alten Sohnes. In der Regel führen er und seine Kollegen rund 1100 Telefonate am Tag. Doch es gibt Ausnahmen: Beim Hochwasser in Oststeinbek im Mai 2018 zum Beispiel waren es bis zu 1200 Notrufe in der Stunde gewesen.

Anrufer wollte Hilfe wegen kaputter SIM-Karte

Heute sind 100 Einsätze bestellt. Krankenhaustransporte, Touren zum Facharzt wie einem Urologen – für Menschen, die nicht mehr laufen können. Ob sie alle zum angedachten Zeitpunkt fahren, ist ungewiss. Denn Notfälle haben Vorrang. „Die Schwelle, die 112 zu wählen, ist gesunken“, sagt Markus Priemel. Er berichtet von einem Anruf, der skurril gewesen sei: „Die Person wollte Hilfe, weil ihre SIM-Karte kaputt war.“ Der Ahrensburger lebt seinen Job. „Teamgeist ist wichtig“, sagt er. Man müsse Spaß haben, Menschen zu helfen und multitaskingfähig sein, gleichzeitig telefonieren und schreiben.


9.58 Uhr:
Der Geräuschpegegel ist konstant niedrig. Das ändert sich auch nicht, als Henning Gribkowski eine brenzlige Situation zu bewältigen hat. Der 35-Jährige aus Seeretz ist heute für den Kreis Herzogtum Lauenburg eingeteilt. Er spricht mit ruhiger Stimme in das kleine Mikrofon: „Immer weiter drücken. Sie machen das wunderbar.“ Dann eine kurze Pause, er lauscht und fährt fort. „Ist er immer noch blau? Zählen Sie ruhig laut mit.“ Er gibt den Takt für eine Reanimation vor. In Schwarzenbek ist ein 70 Jahre alter Mann in einer Garage zusammengebrochen, sein Herz schlägt nicht mehr. Seine Frau ist am Telefon und so aufgeregt, dass der Disponent immer wieder auf sie einwirken muss, damit sie seinen Anweisungen exakt folgt.

Das Fahrzeug samt Notarzt hat Henning Gribkowski längst alarmiert. „Immer weiter drücken, bis die Kollegen da sind“, mahnt der Disponent. Im Hintergrund hört er schon das Signal des Rettungswagens. Dann legt die Anruferin abrupt auf. Ob der Patient diese Situation überlebt, erfährt Gribkowski nicht. Er sagt: „Ich hinterfrage nicht, was im Krankenhaus passiert.“

Kurz darauf der nächste Anruf bei Sebastian Wenk, der sich um den Kreis Stormarn kümmert. Vermeintlicher Gasaustritt nahe der Beruflichen Schule Ahrensburg, heißt es. Also wird die Feuerwehr rausgeschickt. Die Ehrenamtler entdecken jedoch nichts. Währenddessen betritt Kai Lichte die Rettungszentrale, Koordinator und Stellvertreter des Leiters Carsten Horn. Der 46-Jährige war früher bei der Berufsfeuerwehr in Nordrhein-Westfalen, musste den Dienst wegen eines kaputten Rückens quittieren. Nun also Bad Oldesloe, Beamtenstatus, gehobener Dienst – es gibt Schlechteres. Die Einsatzsachbearbeiter sind übrigens Angestellte, darunter auch fünf Frauen. Nicht alle haben eine Vollzeitstelle, rund 50 Prozent der bei der IRLS Beschäftigten fahren stundenweise Rettungsdienst. Sind draußen, wo sie Schlimmes erleben. „Das ist ein Knochenjob“, sagt Lichte. Ihm sei aufgefallen, dass sich der Ton gegenüber den Rettern verschärft habe. „Sie werden immer häufiger bepöbelt.“


10.45 Uhr: Schichtleiter Priemel bekommt eine E-Mail, in der auf eine Straßensperrung hingewiesen wird. Hinter seinem Arbeitsplatz ist ein Tisch, auf dem Lebensmittel ausgebreitet sind. Schwarzbrot, Tüten mit Brötchen, Butter, Erdbeermarmelade, Käse und Aufschnitt. Nicht jeder Kollege schafft es, in den frühen Morgenstunden vor Dienstbeginn zu Hause zu frühstücken.

Priemel erzählt von seinem Leben in einer Feuerwache in Florida. Acht Wochen ist er in Miami Einsätze mitgefahren. Das ist schon einige Jahre her. Auch 2019 war er wieder in den USA, elf Tage San Bernardino, Kalifornien. Und natürlich ist er mit den Kollegen ausgerückt. Sticker der Wehren im Schaukasten auf dem Flur erinnern ihn täglich an die Aufenthalte. Die Vorzüge seiner Tätigkeit in der Leitstelle beschreibt der Ahrensburger so: „Der Tod ist hier nicht so nahe wie auf der Straße.“


11.30 Uhr:
Ein Rettungswagen aus Geesthacht meldet sich zum Besuch an. Alida Pohl und Felix Kriegel kennen die Kräfte vom Innendienst nur von der Stimme. Jetzt ist es Zeit, auch mal Blickkontakt aufzunehmen. Man duzt einander sofort. Beide bekommen einen Kaffee gereicht. Die 20 Jahre alte Pohl sagt, sie könne sich durchaus vorstellen, hier später einmal zu arbeiten. „Der Dienst im Rettungswagen ist körperlich ja sehr beanspruchend.“ Ihr Kollege orientiert sich demnächst um, beginnt im Februar eine Ausbildung bei der Polizei.


11.57 Uhr: Bei Sebastian Wenk meldet sich ein Rettungswagen ab. Es gibt Probleme mit dem Funkgerät, der Weg führt direkt in eine Werkstatt. Der 39-Jährige war früher selbst im Außeneinsatz, startete Touren vom Standort Stemwarde. Weitere Rettungswachen im Kreis stehen in Bargteheide, Ahrensburg, Reinbek, Neuschönningstedt, Trittau, Bad Oldesloe und Reinfeld. Auch das Gebäude in Kayhude im Kreis Segeberg ist Stormarn zugeordnet. Von dort werden Bargfeld-Stegen und Tangstedt bedient.

System schlägt Rangfolge der Wagen zwecks Abruf vor

Er sei darauf trainiert, mit dem Ohr zu arbeiten, sagt Wenk. Wobei er genug Erfahrungen gemacht hat mit Horror-Unfällen. Als die damalige Haushälterin des inzwischen verstorbenen Ex-Bundeskanzlers Helmut Schmidt 2014 in ihrem Auto in Rümpel von einem Zug erfasst wurde und starb, war Wenk vor Ort. Eine große Boulevard-Zeitung veröffentlichte damals ein Bild von ihm während des Einsatzes. „Hier sind wir unbekannt. Die wenigsten wissen, wie wir organisiert sind.“

Wenk hat heute Zwischendienst von 8.15 bis 16.15 Uhr, sagt, sein Job sei „Gehirnjogging“. Er agiert wie ein Schachspieler, muss immer im Blick haben, wo sich die Rettungsfahrzeuge befinden. Das sieht er auf einem Monitor. Über GPS wird die genaue Position angezeigt. Erhält er einen Notruf, gibt er ins System den Standort ein. Dieses berechnet die Fahrzeit und schlägt eine Rangfolge der Wagen zwecks Abruf vor. Wenk und seine Kollegen achten genau darauf, wo sie wen hinschicken. Denn zu viele freie Bereiche auf dem Monitor dürfe es nicht geben, gerade wegen der Krankentransporte. Um die Lage oder Situation konkreter zu beschreiben, stehen ihm im System 500 Schlagwörter zur Verfügung. Die Anleitung zur Animation ist standardisiert, was zu sagen ist, zeigt der Bildschirm auch in englischer Sprache. Und wenn der Anrufer zum Beispiel nur polnisch versteht, wird ein Übersetzer zum Beispiel von der Bundespolizei dazu geschaltet.


12.30 Uhr:
Bei der Einlieferung einer Patientin in ein Stormarner Krankenhaus stellt sich heraus, dass diese einen multiresistenten Keim in sich trägt. Wenk schüttelt den Kopf, wieder fällt ein Wagen für mindestens eine Stunde aus. Das Fahrzeug muss desinfiziert werden.


12.50 Uhr:
Anfrage vom Reinbeker Krankenhaus St. Adolf-Stift, wann eine Patientin wieder zurückgebracht werde. Wenk sagt, sie sei auf dem Weg. Dann sieht er Anika Wirtz, die sich gerade einen Kaffee vom Tisch holt. „Die eine Dame von der Badeaufsicht“, sagt er und lächelt. Die 37-Jährige aus Büchen ist heute mit ihrer Kollegin Vivien Fährmann (25) für den Kreis Ostholstein verantwortlich. Im Sommer sind dort viele Touristen wegen der Nähe zum Wasser. Wirtz trägt wie alle anderen blaue Dienstkleidung. Es gibt verschiedene Varianten neben der langen Hose: T-Shirt und Polo, Hemd sowie Strickjacke. Rund 200 Euro sind pro Person im Jahr für Neuanschaffungen eingeplant.

Nach dem Dienst hat eine Mitarbeiterin genug vom Telefonieren

Die Mutter zweier Kinder im Alter von vier und sechs Jahren ist seit Juni dieses Jahres bei der Rettungsleitstelle. Sie schwärmt von „einem tollen Arbeitsklima“. Das glaubt man ihr. Trotz der stressigen Tätigkeit, bei der höchste Konzentration gefordert ist, fällt nicht ein böses Wort zwischen den Kollegen. Der Schichtdienst ist für Wirtz kein Problem. Sie sagt: „Mein Mann arbeitet genauso. Wir stimmen unsere Dienstzeiten ab, sodass immer einer für die Kinder da ist.“ Gleich hat sie Feierabend und weiß eines schon jetzt: „Auf Telefonieren habe ich heute keine Lust mehr in der Freizeit, lege das Handy weit weg.“


14.40 Uhr:
Wieder ein Anruf aus dem Krankenhaus bei Sebastian Wenk, diesmal ist es die Asklepios-Klinik in Bad Oldesloe. Man habe ab 16 Uhr für eineinhalb Tage kein Herzkatheterlabor. Die Konsequenz: Menschen aus der Kreisstadt und Umgebung, die einen Herzinfarkt erleiden, müssen nun nach Lübeck oder Hamburg gefahren werden. Ob kaputte Geräte oder Personalmangel der Grund dafür sind, darüber erfährt der Einsatzsachbearbeiter nichts. Wobei: Es ist ihm auch egal. Schnell gibt er das Zeitintervall ins System ein.


15.15 Uhr:
Jetzt ist ein Bestatter aus Ammersbek in der Leitung. Er will wissen, wann der Arzt vorbeischaut. Am Vormittag war in Ahrensburg ein Mann am Steuer seines Autos gestorben, das Fahrzeug plötzlich stehengeblieben. Der Notarzt war vor Ort, den Totenschein muss aber ein zweiter Mediziner nach umfangreicher Leichenschau ausstellen. Der Disponent meldet sich bei der kassenärztlichen Vereinigung und verbindet mit dem Bestatter.

IRLS-Leiter Carsten Horn sagt, die Schichten sollen demnächst um eine Person aufgestockt werden: in den Morgenstunden und am Vormittag von sieben auf acht Mitarbeiter. Noch ist es eng in der Einsatzzentrale. Doch das wird sich ändern. Die Leitstelle zieht um. 22 Millionen Euro sind laut Lichte für den Neubau eingeplant auf einem Areal nahe dem Obi-Baumarkt in Bad Oldesloe. 2025 solle das Gebäude fertig sein.


17.19 Uhr: Mittlerweile ist Kevin Jahn (25) für Stormarn zuständig. In Bargteheide gab es ein Feuer in einer Küche, zwei Personen sollen Rauchgas eingeatmet haben. „Bei einem Feuer in oder an einem Gebäude kommt automatisch ein Rettungswagen“, erläutert Jahn. Da es sich um zwei Verletzte handelt, schickt er einen zweiten hinterher. Die Rettungskräfte entscheiden, zu welchem Krankenhaus sie fahren. Die Leitstelle wird darüber informiert. Wenig später meldet ein Anrufer einen Mann mit Drehschwindel, Erbrechen, Kreislaufkollaps und arhythmischer Atmung, der „nicht mehr hoch kommt“. Der Disponent entscheidet, den Notarzt zusätzlich zum Rettungswagen anzufordern.


17.40 Uhr: Es gibt Probleme in Schwarzenbek. Ein Rettungsfahrzeug und der Notarzt sind durch mehrere Fälle von Brechdurchfall gebunden. Jan Osper, heute zuständig für den Kreis Herzogtum Lauenburg, hält einen weiteren Rettungswagen für den Notfall zurück. Er sagt: „Zwecks Risikoabdeckung, ich muss sicherstellen, das innerhalb von zwölf Minuten ein Rettungswagen zur Verfügung steht.“ Zur Not müsse er einen Wagen aus einem angrenzenden Bereich nach Lauenburg verlegen. Bestenfalls an eine Rettungswache, dort haben die Einsatzkräfte Zugang zu Sanitäranlagen und sind im Warmen. Auf die Frage, wie er den Schichtdienst verkraftet, lacht er, sagt: „Wir haben keinen Biorhythmus.“ Er schlafe vor, behelfe sich mit Energydrinks und Kaffee.


18.16 Uhr: Der Pizzaservice kommt: Jahn hat sich Pizza Classic bestellt, Osper Pizzabrötchen und Carsten Niemann ein Menü mit Salat und Gemüse. Sönke Bahr kocht sich lieber später was in der Küche und der Schichtleiter übernimmt, um den Kollegen die Pause zu ermöglichen.


18.57 Uhr: Kevin Jahn nimmt einen Anruf aus Bad Oldesloe entgegen, fragt Adresse und Details wie Einfamilien- oder Mehrfamilienhaus ab. Name, Alter, Symptome des Betroffenen. Kurz danach meldet sich die Besatzung des Rettungswagens, bittet um Anmeldung im Krankenhaus Wandsbek, Verdacht auf Schlaganfall. „Wie lange braucht ihr ungefähr?“, fragt Jahn. „20 Minuten“, lautet die Antwort. Bei der Anmeldung erfährt der Disponent, ob die Behandlung in der gewählten Klinik gerade möglich ist oder der Krankenwagen zu einer anderen umgeleitet werden muss.
19.01 Uhr: Eine Nachtbesatzung fragt nach, welches Auto sie besetzen soll. 21 Wagen gibt es im Kreis Stormarn, einige werden nur zeitweise besetzt.


19.05 Uhr: Ein Sanitäter beklagt sich bei Jahn, weil er drei Infektionsfälle hintereinander zugewiesen bekommen hat. Der 25-Jährige hat Verständnis: Jedesmal müsse die Kleidung gewechselt, der Wagen desinfiziert werden. „Für Noroviren ist es die perfekte Jahreszeit“, sagt Jahn. Auf dem Display wird für jedes Rettungsfahrzeug ein Status zwischen 0 bis 8 angezeigt: 1 bedeutet beispielsweise einsatzbereit und frei, 2: steht an der Wache, 3: ist unterwegs, 5 signalisiert einen Sprechwunsch, und 7 zeigt an, dass der Wagen zum Zielort fährt.


19.20 Uhr: Die Besatzung eines Rettungswagens, die eigentlich seit 18.30 Uhr Feierabend hat, muss erneut ausrücken. Der Schichtleiter hat keine Wahl, es geht um einen akuten Fall von Luftnot. Ein anderer Wagen würde acht Minuten länger benötigen. Und seit 12 Uhr warten Krankentransporte darauf, abgearbeitet zu werden. In Stormarn herrsche ein Mangel an Rettungs- und Krankenwagen, so Jahn. Er fragt die Kollegen von der Nachbarleitstelle in Norderstedt, ob sie eine Fahrt übernehmen können. Es ist manchmal von Vorteil, dass sich Gebiete überlappen.

Die meisten Notfälle sind am Vatertag

Pietrow führt derweil ein Gespräch, das klingt, als spreche er mit einem Bekannten. „Manche Menschen kenne ich schon mit Namen“, sagt er. Oft sind es Dialysepatienten, die wieder mal auf den Krankentransport warten. Das sind wichtige Einsätze. Ärgerlich, wenn gerade dann beispielsweise ein Betrunkener den Rettungswagen blockiert. Daher starten die ersten Dialysefahrten schon frühmorgens, wenn noch nicht so viel los ist. Im Hintergrund beraten zwei Kollegen über den Schichtplan, ihre Stimmen klingen gedämpft. Sonst ist die Atmosphäre locker, Galgenhumor an der Tagesordnung. Alle Kräfte der Regionalleitstelle tragen Melder bei sich. Droht das große Chaos, kann der Schichtleiter so Verstärkung anfordern. Pietrow sagt: „Wenn wir wissen, dass ein Unwetter kommt, organisieren wir das vorher.“ Bei einer größeren Lage können sich Disponenten in den Lagerraum zurückziehen, in dem es zwei weitere Arbeitsplätze gibt. Gefragt nach den Tagen mit den meisten Notfällen, sind sich alle einig: An der Spitze steht Vatertag, gefolgt von Silvester. Und die Cyclassics.


20.20 bis 20.26 Uhr: Kein Anruf. Carsten Niemann stellt eine große Box mit Haribo auf den Tisch. „Die wird heute noch leer“, prophezeit er und erzählt, dass in den Sommermonaten 300.000 bis 400.000 Touristen im gesamten Gebiet dazukommen. Die meisten in Ostholstein. Für die Mitarbeiter der Regionalleitstelle sind die Sommermonate die härtesten des Jahres.


20.38 Uhr: Ein Oberarzt braucht Telefonberatung durch den Amtsarzt, weil ein Patient mit vier Promille sich absetzen will. Der Amtsarzt entscheidet, ob der Patient gegen seinen Willen festgehalten werden kann. Wenn Niemann sich meldet, klingt es fast fröhlich. Ein ruhiger Typ, dem die unaufgeregte Art der Ostholsteiner liegt. 20 Jahre seines Lebens hat er dort verbracht. Manchmal nimmt er auch einen Fall „mit nach Hause“. Wie den eines Mörders, der den Mord selbst gemeldet hatte.


21.20 Uhr: Carsten Niemann hat einen Mann in der Leitung. Eine Frau sei gestürzt, im Hintergrund ist Weinen zu hören. Niemann fragt nach, ob Alkohol im Spiel sei. Das sei wichtig wegen einer Narkose, erläutert er später. Er hört nicht nur Fakten, sondern analysiert Hintergrundgeschehen, Geräusche, Zwischentöne. Nimmt die Art, wie sich der Anrufer meldet, und die Tonlage wahr. Mit seinem „Einen wunderschönen guten Abend“ hat dieser Anrufer einiges preisgegeben. Niemann ist trotz gegenteiliger Beteuerung überzeugt, dass Alkohol bei dem Vorfall eine Rolle spielt. Und vermutlich vermehrt in den Fällen, die in dieser Nacht noch kommen werden. Niemann erläutert, warum: „Jetzt ist Wochenende und es gab Weihnachtsgeld, das wird jetzt schnell kippen.“


21.51 Uhr: Sobald die Rettungskräfte bei der verletzten Frau angekommen sind, werden sie angegriffen, müssen sich in den Wagen zurückziehen. Niemann ruft die Polizei hinzu.
22.00 bis 22.30 Uhr: Die Nachtschicht übernimmt. Schichtleiter Jens Lahann (52) und die beiden Disponenten Sebastian Porthun (27) und Sven Meyer (31) sind am Start. Lahann und Niemann berichten, dass sie auf der Rückfahrt nach einer Nachtschicht einen stockbetrunkene 15-Jährigen in einem Graben gefunden haben. Lahann sagt: „Man hat einen anderen Blick, wenn man so einen Job macht.“ Aber insgesamt habe das sogenannte Komasaufen bei Jugendlichen deutlich abgenommen.


22.40 Uhr: Wieder geht es um die betrunkene Verletzte: Diesmal braucht ein Krankenhaus die Unterstützung des Amtsarztes, weil sich die Frau nicht behandeln lassen will.

Leitet der Disponent eine Reanimation an, leuchtet an seinem Platz die blaue Lampe

22.57 Uhr: Diesmal bittet die Polizei um Anruf des Amtsarztes, es geht um einen versuchten Selbstmord. Sven Meyer hat bereits drei seiner Kollegen zur Rettungsleitstelle gebracht, darunter auch Sebastian Porthun. Der 27-Jährige sagt: „Interesse war vorher schon da, aber dann hat es zwischen mir und der Leitstelle gefunkt.“ Er sei „echt überglücklich hier“. Seitlich an seinem wie den anderen Arbeitsplätzen befindet sich eine Säule mit verschiedenfarbigen Signallampen, die übereinander angeordnet sind. Mit der orangefarbenen Lampe wird Unterstützung von Kollegen angefordert. Leitet der Disponent eine Reanimation an, leuchtet an seinem Platz die blaue Lampe und blinkt bei allen anderen. Weißes Licht signalisiert eine Lage, grünes die Bitte um Ruhe. Laut Porthun wird Letztere nie genutzt. Er sagt: „Wir achten alle darauf, dass es nicht zu laut wird, und wenn doch, reicht einmal Fingerschnippen.“


23.05 Uhr: Die Mitarbeiterin eines Pflegeheimes ruft an. Sie hat eine Person auf dem Boden liegend gefunden, kann „keine Vitalfunktionen mehr feststellen“. Sebastian Porthun nimmt umgehend Kontakt zum Notarzt auf.


23.14 Uhr: Notarzt meldet verstorbene Patientin. Lahann erzählt, dass er seit 22 Jahren in der Leitstelle arbeitet und es immer noch Sachen gibt, die ihn überraschen: „Wie der Zwölfjährige, der seine Oma wiederbelebt hat. Nach drei Minuten waren die Rettungskräfte vor Ort.“ Überraschungen ganz anderer Art gibt es bei den sogenannten „Sex-Unfällen“. Wenn der Gatte beim Akt in Ohnmacht fällt oder sich Gegenstände zwar in den Körper einführen lassen, aber nicht mehr herauskommen.


0.54 Uhr: Die Polizei meldet eine hilflose Person in Trittau und fordert den Rettungsdienst an.
1.22 Uhr: Eine Privatperson meldet bei Sebastian Porthun einen Verkehrsunfall in Reinbek. Zwei Autos sind beteiligt, es soll zwei Verletzte und zwei weitere Beteiligte geben. Er ordert zwei Rettungswagen. Die Verletzten werden in Krankenhäuser in Reinbek und Bergedorf gebracht. Dass es sich um leichte Verletzungen handelt, kann Porthun an der Einstufung des Rettungsdienstes ablesen: Grün bedeutet leichte, gelb mittlere und rot schwere Verletzungen. Und er erfährt, dass sich einer der Beteiligten aus dem Staub gemacht hat.


2.54 Uhr: Sascha Pietrow hatte es schon angekündigt: Er rechne im Verlauf der Nacht mit drei Anrufen aus der Disco Fun Parc in Trittau. Jetzt ist es so weit, ein Patient hat direkt vor der Tür eine Kopfverletzung erlitten. Er wird ins Krankenhaus Reinbek gebracht. Niemann hatte recht: Die Nacht ist die Zeit der Betrunkenen.


3.30 Uhr: Sven Meyer alarmiert einen Rettungswagen: Ein Betrunkener ist in Schwarzenbek gegen eine Wand gelaufen. Als die Retter vor Ort eintreffen, ist der vermeintliche Patient weg.


3.34 Uhr: Der zweite Anruf aus dem Fun Parc: 22 Jahre, männlich, Fußverletzung. Die Vermutung liegt nahe, das sie nicht vom Tanzen herrührt. Ein weiterer Patient für das Krankenhaus Reinbek.


4 Uhr: Ein anderer Ort, eine andere Disco. Ein Auto hat die Hand eines 18-Jährigen, der auf dem Fußweg unterwegs war, voll erwischt. Es geht um Körperverletzung, die Polizei ist vor Ort.


4.16 Uhr: Der dritte Anruf aus dem Fun Parc. Eine 16-Jährige ist völlig betrunken. Der Disponent trägt C2 als Grund für die Alarmierung ein, was Alkoholintox bedeutet.


5.32 Uhr: Jetzt geht es um einen betrunkenen männlichen Soldaten in einer Eutiner Kaserne. Die Polizei wird hinzugezogen, ein Transport wird nicht eingeleitet. Vermutlich nüchtert der Soldat vor Ort aus.


5.48 Uhr: In Burg auf Fehmarn erleidet eine Frau einen Schlaganfall. Auf der Insel gibt es keine geeignete Klinik, sie wird nach Oldenburg gebracht.


6.00 Uhr: Die ersten Dialysepatienten werden am Morgen transportiert.


6.30 Uhr: Während die Frühschicht übernimmt, packen Lahann und seine zwei Mitarbeiter zusammen. Die Kollegen aus der Nachtschicht haben diesmal 183 Telefonate geführt, 92 davon Notrufe, die zu 65 Einsätzen geführt haben. Als sie sich auf den Nachhauseweg machen, ist es dunkel. Sie wollen jetzt nur noch eines: ins Bett und schlafen. Derweil leuchtet bei Henning Gribkowski von der Frühschicht das rote Lämpchen auf. Ein neuer Anruf, ein neuer Tag in der Rettungsleitstelle beginnt.