Stormarn
Übergangslösung

Bürger-Stiftung Stormarn will Hebammenpraxis retten

Zahlreiche junge Mütter aus Ahrensburg und Umgebung hoffen mit Hebamme Sigrid Jungmann-Buchholz (Bildmitte links neben Marleen Lencke mit Sohn Matteo) auf eine Lösung des Problems.

Zahlreiche junge Mütter aus Ahrensburg und Umgebung hoffen mit Hebamme Sigrid Jungmann-Buchholz (Bildmitte links neben Marleen Lencke mit Sohn Matteo) auf eine Lösung des Problems.

Foto: Elvira Nickmann

Auch Müttercafé in Ahrensburg vor dem Aus. Arbeiterwohlfahrt bietet Übergangslösung an. Suche nach Träger und neuen Räumen beginnt.

Ahrensburg. Die Hebammenpraxis an der Straße Forsthof Hagen ist ein Ort des Vertrauens mit Wohlfühlatmosphäre. Eine, auf die viele junge Familien angewiesen sind. Für werdende Mütter aus Ahrensburg und Umgebung ist sie erste Anlaufstelle, geht es um Fragen rund um die Geburt. Besucher profitieren von einem breiten Kursangebot, Kontakten und Freundschaften, die dort entstehen. Doch damit könnte es bald vorbei sein, denn der Praxis droht das Aus. Wie berichtet, sind die Räume zum Ende des Jahres gekündigt. Die Hebammen Sigrid Jungmann-Buchholz, Claudia Kummer-Schicht und Kirsten Buchhop bereiten alles für die Auflösung der Gemeinschaft vor. Jungmann-Buchholz: „Wir können zu dritt nicht weitermachen.“ Ein desillusionierter Unterton schwingt in ihrer Stimme mit. Wohin sich die Mütter künftig wenden sollen, wisse sie nicht. „Die Praxen in Bargteheide und Volksdorf haben nicht die Kapazitäten, das aufzufangen.“

Übergangslösung mit der Arbeiterwohlfahrt gesucht

Doch es könnte einen Ausweg geben. Die Bürger-Stiftung Stormarn hat die Initiative ergriffen, um die drohende Schließung abzuwenden oder einen Neustart anderenorts zu ermöglichen. „Wir nutzen unser kreisweites Netzwerk und suchen nach einer tragfähigen Lösung“, sagt Vorstandsmitglied Ralph Klingel-Domdey. Er hoffe, dass die Dachstiftung mit Sitz in Bad Oldesloe bei ihrem Vorstoß von der Ahrensburger Politik und von Immobilieneignern unterstützt werde. Klingel-Domdey: „Auf der Suche nach einem Träger haben wir auch die Arbeiterwohlfahrt kontaktiert.“

Gemeinsam mit Jürgen Eckert, Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Ahrensburg, suchte Klingel-Domdey nach einer Übergangslösung. Der Awo-Vorsitzende kann sich sogar vorstellen, dass seine Organisation unter bestimmten Umständen die Trägerschaft übernimmt. Doch erst einmal sei kurzfristige Hilfe gefragt. Eckert: „Wir haben freie Raumkapazitäten an der Manhagener Allee.“ Die Hebammen könnten die so wichtige Sprechstunde und das Müttercafé vorerst dort anbieten.

Jürgen Eckert zeigt für die Entscheidung Verständnis

Rückblende ins Jahr 2017: Da waren die Hebammen noch zu fünft, hatten gerade neue Praxisräume bezogen. Doch dann schieden zwei Frauen aus dem Team aus. Der organisatorische Aufwand stieg um ein Vielfaches. Die verbleibenden Frauen investierten ungezählte Stunden privater Zeit, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Versuchten ihr Bestes, neue Kolleginnen zu finden – vergeblich. „Selbst auf unsere Anzeige hat sich niemand gemeldet“, so Jungmann-Buchholz. In ihrer Not baten sie Landrat Henning Görtz und die Ahrensburger Politik um Unterstützung. „Zuerst schien die Stadt sehr interessiert, es gab auch eine Begehung. Doch das war wohl mehr Interesse an den Räumen als an unserer Situation“, sagt Jungmann-Buchholz. Hilfe hätten die Frauen jedenfalls nicht bekommen.

Jürgen Eckert zeigt Verständnis für die Entscheidung, am Forsthof aufzuhören, sagt: „Ich weiß, wie schwierig es ist, administrative und organisatorische Aufgaben ehrenamtlich zu gestalten.“ Bei der hohen Belegdichte sei das ein hoher Aufwand. „Für das Managen des gesamten Programms müsste zumindest eine Halbtagskraft eingestellt werden.“ Ralph Klingel-Domdey: „Fakt ist: Auf Dauer benötigen die Hebammen pro Jahr etwa 50.000 Euro, um ihr Angebot aufrechterhalten zu können.“

Mütter sagen, Angebote der Hebammen nicht ersetzbar

Von den Rettungsversuchen ahnen die jungen Mütter, die sich beim vorerst letzten Müttercafé am Forsthof Hagen austauschen, nichts. Sie haben die Nachricht von der Schließung mit Bestürzung vernommen. Andrea Gehrke hat ihre fünf Wochen alte Tochter Karla Lieselotte dabei. Mag nicht daran denken, dass es das letzte Treffen dieser Art sein soll. „Ich finde schade, das die Praxis geschlossen werden soll“, sagt die 33-Jährige. Diese Anlaufstelle sei „mit das Erste, woran man denkt, sobald man von der Schwangerschaft erfährt“. Wie viele andere habe sie vom Angebot profitiert: von Geburtsvorbereitungskursen, Erster Hilfe für Säuglinge, Rückbildungsgymnastik, Beikost- oder Schlafberatung und vieles mehr. Begehrte Kurse, die so rar wie schnell ausgebucht sind. „Die Not ist groß“, sagt Ann Charlott Mauve (33). Sie sei froh, dass es ein „niedrigschwelliges Angebot ohne große Anmeldung“ wie das Müttercafé gibt.

Mareike Behrens (35) schätzt den „Treffpunkt, an dem sich Mütter austauschen können“, wo qualifizierte Vor- und Nachbereitung geboten werde. Marleen Lencke ist mit Sohn Matteo (acht Monate) gekommen. „Ich bin traurig“, sagt sie. „Ich habe hier ein wichtiges Netzwerk aufgebaut.“ Wird die Praxis geschlossen, könnten Mütter nicht mehr spontan Fragen stellen. Für vieles seien Hebammen bessere Ansprechpartner als Ärzte, beispielsweise wenn es ums Stillen gehe. „Das Angebot und das Vertrauen in die Hebammen ist nicht zu ersetzen.“

Bürgermeister Michael Sarach äußert sich zu der Problematik

Yvonne Richter (35) sieht die Stadt in der Pflicht. Sie sagt: „Der Einstieg in das Mutterdasein ist der Grundstein, da entstehen Netzwerke.“ Nadine Heß (28) pflichtet ihr bei, sagt: „Ich finde, es ist ein Unding, dass sich bisher keiner bereit gefunden hat, so etwas Wichtiges zu unterstützen.“ Ralph Klingel-Domdey hofft, „dass sich nun auch die Stadtverordneten ernsthaft mit dem Thema beschäftigen und diese für Hunderte Familien so wichtige Einrichtung am Leben erhalten wollen“. Er richtet auch einen Appell an Vermieter, Räumlichkeiten mit einer Größe von mindestens 100 Quadratmetern zu einem fairen Preis anzubieten. „Sie können dabei helfen, anderen zu helfen. Das fühlt sich gut an.“

Ernst-Jürgen Gehrke, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, ergänzt: „Wer die engagierten Frauen unterstützen will, wendet sich an die Praxis, an Jürgen Eckert von der Awo oder an unsere Stiftung.“ Mit der Übergangslösung könne Zeit gewonnen werden, optimale Räume zu finden. Gehrke lobt die Bereitschaft Eckerts zur kurzfristigen Unterstützung der Hebammen mittels Räumen. Klingel-Domdey wertet das als einen ersten Erfolg: „Es ist klasse, wie schnell und unbürokratisch Herr Eckert geholfen hat.“ Die Bürger-Stiftung Stormarn prüfe nun intern, ob und mit welcher Summe sie einen Trägerverein oder auch das Müttercafé finanziell unterstützen könne.

Und wie steht die Verwaltung der Stadt Ahrensburg zu dieser Problematik? Bürgermeister Michael Sarach: „Wenn es der Stiftung gelingt, einen Träger zu finden, kann ich mir gut vorstellen, dass es eine politische Mehrheit gibt, Mittel zu diesem Zweck freizugeben.“ Und weiter: „Entsprechende Signale aus der Politik habe ich schon empfangen.“

Laut Jürgen Eckert fällt die Entscheidung über eine Trägerschaft, sobald eine nachhaltige Finanzierung durch zuverlässige Mitstreiter sichergestellt ist. Er sagt: „Wenn die Bürger-Stiftung ein Signal sendet, sind wir dabei.“