Stormarn
Ehrenamt

Lesepaten erobern Stormarner Rathäuser und Polizeiwachen

Die Bereichsleiterinnen (v. l.) Sabine Sarach (Ahrensburg), Annelore Penno (Bargteheide) und die Lesepaten Elisabeth Gulich, Anne-Marie van Oosterum, Rüdiger Koch und Renate Zander.

Die Bereichsleiterinnen (v. l.) Sabine Sarach (Ahrensburg), Annelore Penno (Bargteheide) und die Lesepaten Elisabeth Gulich, Anne-Marie van Oosterum, Rüdiger Koch und Renate Zander.

Foto: Filip Schwen

Ehrenamtler organisieren unter dem Dach der Bürger-Stiftung Stormarn ein Lesefest und bekommen prominente Unterstützer.

Bargteheide/Glinde. „Ich hatte schon immer einen Lesezwang“, sagt Annelore Penno und lacht dabei. „Wer mich kennt, der weiß, dass ich vorlese, wann immer ich kann. Jeden Morgen bekommt mein Mann das Abendblatt von mir zu hören.“ Ihre Leidenschaft für das Vorlesen hat die Bargteheiderin zur sogenannten Lesepatin werden lassen. Unter dem Dach der Bürger-Stiftung Stormarn lesen die kreisweit rund 80 Ehrenamtler regelmäßig in Kitas, Schulen und Horten vor, um Kinder an das Medium Buch heranzuführen. Um weiteren Einrichtungen die Teilnahme an dem Projekt zu ermöglichen, suchen die Lesepaten jetzt weitere Ehrenamtler, die Zeit schenken und Kindern vorlesen möchten. In Bad Oldesloe baut die Gemeinschaft gerade eine neue Ortsgruppe auf.

Lesepate „Opa Rüdiger“ aus hat schon 100 Enkelkinder

„Kindern vorzulesen, fördert nicht nur deren Fantasie, sie verfügen auch über einen größeren Wortschatz und sind besser darin, Inhalte und Zusammenhänge zu erfassen“, berichtet Rüdiger Koch. Der Großenseer ist seit Beginn des Projekts 2002 als Lesepate aktiv. Jede Woche liest der 82-Jährige in einem Kindergarten in seiner Heimatgemeinde vor. „Ich bin damals in den Ruhestand gegangen und hatte plötzlich ganz viel Zeit“, erinnert sich der ehemalige Bankangestellte. Seinen fünf Enkelkindern habe er leidenschaftlich gern vorgelesen, wollte auch anderen Kindern die Erfahrung ermöglichen, beim Lauschen zu einer Geschichte die Fantasie schweifen zu lassen. Koch sagt zum Abendblatt: „Ich habe den Eindruck, heute lesen Eltern ihren Kindern kaum noch vor. Lieber geben sie ihnen ein Smartphone oder setzen sie vor den Fernseher.“

Gerade auf diese Kinder gelte es zuzugehen. Rüdiger Koch: „Das ist oft herausfordernd, weil sie es nicht gewohnt sind, längere Zeit ruhig zuzuhören.“ Opa Rüdiger, wie die Jungen und Mädchen den 82-Jährigen liebevoll nennen, ist in den nunmehr 17 Jahren als Lesepate eine echte Institution in dem Kindergarten geworden. „Das sind meine 100 Enkelkinder“, sagt Rüdiger Koch mit einem Schmunzeln.

Das Engagement lohnt sich, sagt Gulich

Vor Kurzem habe ihn eine junge Frau auf der Straße angesprochen mit den Worten: „Du bist doch Opa Rüdiger. Damals im Kindergarten hast du mir immer vorgelesen.“ Koch sagt: „Das sind die Momente, in denen du merkst, dass Du den Kindern wirklich etwas mitgegeben hast.“

Elisabeth Gulich betont: „Unsere Arbeit beschränkt sich nicht nur auf das Vorlesen, das ist auch Beziehungsarbeit.“ Die Bargteheiderin leitete einen Kindergarten, bevor sie gesundheitsbedingt Frührentnerin wurde. Jetzt betreut sie als Lese-Oma, wie sie sich selbst nennt, die Erst- und Zweitklässler einer Bargteheider Grundschule. „Märchen vermitteln wunderbar moralische Werte, thematisieren Vertrauen, Betrug, Neid und das Anderssein.“ Gulich sagt: „Alles, was ich in die Lesepatenschaft rein gebe, kommt vielfach wieder zurück.“

„Lesen kann jeder“, sagt Annelore Penno, die den Bereich Bargteheide für das Lesepaten-Projekt koordiniert. Allerdings gebe es einige Tricks, um die Aufmerksamkeit der jungen Zuhörer zu gewinnen. „Ganz wichtig sind Rituale“, sagt sie. Zu Beginn einer Lesestunde schlage sie beispielsweise immer eine Klangschale an. „Die Kinder sollen dann die Hand heben, bis der Ton verklungen ist, anschließend ist es mucksmäuschenstill“, sagt Penno. Dazu sei auch ihr buntes Geschichtszaubertuch fester Bestandteil, ebenso eine kleine Mäusefigur, die Lesemaus, die sie immer wieder in die Vorlesezeit einbaue.

Kreisweites Lesefest fürs kommende Frühjahr geplant

Auch die Unterbrechung des Lesetextes für Rätsel oder Fragen lockere die Stimmung auf und erhöhe die Konzentration der Kinder. „Ich pausiere regelmäßig, frage, was die Personen in der Geschichte gemacht haben oder wie die Kinder sich in der Situation des Protagonisten verhalten hätten“, sagt Rüdiger Koch. Das sorge für rege Beteiligung und dafür, dass die Kinder aufmerksam zuhörten und sich mit dem Text auseinandersetzen.

Um noch mehr Kinder für das Lesen zu begeistern, planen die Ehrenamtler für das kommende Frühjahr ein kreisweites Lesefest. Von Dienstag, 17. März, bis Donnerstag, 19. März, können Kitagruppen, Schulklassen und Hortgruppen an außergewöhnlichen Vorleseorten den spannenden Geschichten der Lesepaten lauschen. Die Anmeldephase für die Aktion hat bereits begonnen. „Wir lesen auf dem Bauernhof, bei der Polizei, der Feuerwehr, in Rathäusern“, sagt Sabine Sarach, die für das Lesepaten-Projekt die Region Ahrensburg leitet.

Bürgermeister und Direktor des Amtsgerichts lesen vor

Neben den Lesepaten greifen auch prominente Persönlichkeiten aus Stormarn zum Buch. „Der Kabarettist und Autor Horst Schroth liest in der Grundschule Am Aalfang in Ahrensburg aus dem Buch „Doktor Proktors Pupspulver“ von Jo Nesbø“, erzählt Sabine Sarach. Der norwegische Autor ist für seine Kriminalromane um Hauptkommissar Harry Hole bekannt. Bei Großhansdorfs Bürgermeister Janhinnerk Voß können Grundschüler in der Grundschule Wöhrendamm dem Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ lauschen. Bargteheides Bürgermeisterin Birte Kruse-Gobrecht liest „Nee! sagt die Fee“ von Kirsten Boie, Ahrensburgs Bürgervorsteher Roland Wilde eine Geschichte über den kleinen Ritter Trenk.

Ebenfalls unter den Vorlesern sind Landrat Henning Görtz, die Bürgermeister von Trittau und Lütjensee, Oliver Mesch und Ulrike Stentzler, die Pastoren Jan Roßmanek aus Bargteheide und Anna Cornelius aus Großhansdorf und der Direktor des Amtsgerichts Ahrensburg, Michael Burmeister. Sarach sagt: „Die Geschichten sind jeweils auf den Vorleseort abgestimmt.“ So gebe es in der Arrestzelle der Ahrensburger Polizeidienststelle eine spannende Kriminalgeschichte der „Drei ???“ zu hören, auf dem Bauernhof der Familie Steinmatz in Bargteheide lustige Hühnergeschichten und im Bienenlehrgarten des Bürgervereins Ahrensburg einen Text über Blumen.

Die Lesepaten hoffen auf eine rege Teilnahme. Unisono sagen sie: „Die Fertigkeiten im sozialen und sprachlichen Bereich, die die Kinder durch das Vorlesen erwerben, sind ein großer Schatz.“

Infos: Anmeldungen für die Lesetage vom 17. bis 19.3. 2020 sind bis Freitag, 6.12., unter lesepaten@buerger-stiftung-stormarn.de möglich. Auch wer Lesepaten im Kreis Stormarn werden möchte, erreicht die Koordinatoren des Projektes ebenfalls unter dieser E-Mail-Adresse.