Stormarn
Glinde

Eva Szepesi entkam der Hölle von Auschwitz

Eva Szepesi (l.) hat Auschwitz überlebt. Begleitet von ihrer Tochter Judith Szepesi, berichtete sie jetzt dem zehnten Jahrgang der Gemeinschaftsschule Wiesenfeld in Glinde davon.

Eva Szepesi (l.) hat Auschwitz überlebt. Begleitet von ihrer Tochter Judith Szepesi, berichtete sie jetzt dem zehnten Jahrgang der Gemeinschaftsschule Wiesenfeld in Glinde davon.

Foto: Susanne Tamm

Überlebende des Konzentrationslagers berichtet Jungen und Mädchen in einer Glinder Schule von ihren Qualen. Jugendliche weinen.

Glinde. Schlotternd vor Angst und Eiseskälte stand sie auf dem Bahnsteig und blinzelte ins Licht, obwohl es schon langsam dunkel wurde. Doch Eva Szepesi, damals zwölf Jahre alt, hatte eine Odyssee hinter sich. Tagelang eingesperrt mit Hunderten anderen ungarischer Juden in einem dunklen Viehwaggon, als sie in Auschwitz-Birkenau ankam. Niemand von ihnen wusste, was ihnen bevorstand, damals am 3. November 1944. Empfangen wurden sie von brüllenden Männern mit hohen Stiefeln und von Hundegebell.

Eva Szepesi hat die Hölle von Auschwitz überlebt. Jetzt berichtete sie den etwa 100 Jugendlichen des zehnten Jahrgangs im Forum der Gemeinschaftsschule Wiesenfeld in Glinde von ihren Qualen, die sie dort erlitten hat.

Berüchtigte Selektionen an der Rampe fielen aus

Damals wusste sie noch nicht, dass, wäre sie einen Monat zuvor dort angekommen, sie vermutlich sofort von den Nationalsozialisten in den Tod geschickt worden wäre. „Es gab bei der Ankunft eines Zuges keine Selektion mehr“, berichtet die 87-Jährige den Schülern. Denn am 4. Oktober 1944 hatte das sogenannte Sonderkommando aus Häftlingen eine der vier Gaskammern in Auschwitz-Birkenau mit eingeschmuggelter Munition gesprengt. Daher fielen die berüchtigten Selektionen an der Rampe, bei denen Kinder, Schwangere und Alte umgehend von den arbeitsfähigen Erwachsenen getrennt und in den Gaskammern umgebracht wurden, danach aus.

„Außerdem wurde an diesem Tag ein Kindertransport erwartet“, erzählt Eva Szepesi. „Dadurch war der berüchtigte Dr. Josef Mengele, ein Sadist, der mit den Kindern medizinische Experimente machte, abgelenkt.“ Denn durch einen Zufall – Schicksal wie Eva Szepesi es nennt – war die kleine Eva mit einem Transport von Erwachsenen angekommen. Vor der Registrierung am folgenden Tag fühlte sie plötzlich die kalten Klingen einer Schere an ihrer Kopfhaut. „Eine Aufseherin hat mir meine Zöpfe, die mir meine liebe Mama jeden Abend geflochten hatte, abgeschnitten“, erzählt sie. Dass ihr dann der Kopf kahl geschoren wurde, bekam sie nur apathisch mit.

Geliebte Mutter und kleiner Bruder Tamas wurden getötet

Als sie in einer Schlange stand, um sich registrieren zu lassen, musterte sie eine andere Aufseherin und zischte ihr im Vorbeigehen auf Slowakisch zu: „Du bist 16, wenn Du gefragt wirst. Mach’ Dich nicht jünger!“ Automatisch antwortete sie, als eine weitere Frau sie anbrüllte, wie alt sie sei: „16“. Das rettete abermals ihr Leben, denn sie wurde der Baracke der Erwachsenen zugeteilt, musste Steine schleppen und Munition säubern.

All dies aber erfuhr die gebürtige Ungarin erst viel später. Auch, dass ihre geliebte Mutter und ihr kleiner Bruder Tamas bereits im Sommer zuvor in Auschwitz angekommen und getötet worden waren. 2016, als sie auf Wunsch ihrer Enkelin Celina mit ihrer Familie ein zweites Mal nach Auschwitz zurückkehrte, hat sie den Namen im riesigen Gedenkbuch dort entdeckt. Schwarz auf weiß sah sie die Sterbedaten. „Das war schrecklich“, erinnerte sich die Überlebende. „Aber vielleicht war es auch gut, denn danach konnte ich endlich weinen und trauern.“

Die Rote Armee fand im KZ noch etwa 8600 Gefangene

Als die alte Dame erzählt, wie sie auch Jahrzehnte nach Kriegsende immer wieder auf ein Lebenszeichen ihrer Mutter oder ihres Bruders gehofft hatte, konnten einige Schülerinnen ihre Tränen nicht länger zurückhalten.

Ab Mitte Januar befahlen die Nationalsozialisten den Gefangenen mitzukommen, sie trieben sie auf den berüchtigten Todesmarsch, auf dem bis zu 15.000 Menschen erschossen wurden, erfroren oder an Entkräftung starben. Eva Szepesi war schon beim Aufbruch zu schwach. Sie lag bewusstlos auf ihrer Pritsche in der Baracke. Wie viele Tage, weiß sie bis heute nicht. Am 27. Januar 1945 beugte sich jemand mit einem roten Stern an einer Pelzkappe zu ihr hinab und lächelte. „Dieses Lächeln tat so gut“, sagt sie. Die Rote Armee fand in Auschwitz noch etwa 8600 Gefangene. In dem KZ wurden mindestens 1,1 Millionen Menschen vergast, erschossen und zu Tode geschunden.

„Euch wünsche ich eine gute Zukunft, ein Leben ohne Leiden gemeinsam mit euren Familien“, sagte Eva Szepesi zum Abschied zu den Schülern in Glinde.