Stormarn
Prozess

Kind stirbt nach Unfall: Stiefvater steht vor Gericht

24. Juli 2016: Ein Mazda und ein BMW stoßen auf der Alten Landstraße in Stapelfeld frontal zusammen.

24. Juli 2016: Ein Mazda und ein BMW stoßen auf der Alten Landstraße in Stapelfeld frontal zusammen.

Foto: Christoph Leimig

Fahrer gerät in Stapelfeld in den Gegenverkehr, liegt im Koma und erinnert sich an nichts. Strafrichterin stellt Verfahren ein.

Reinbek/Stapelfeld.  Der acht Jahre alte Dennis stirbt im Juli 2016 nach einem Autounfall in Stapelfeld. „Ich war praktisch der Stiefvater“, sagt ein großer, kräftiger Mann, der jetzt wegen fahrlässiger Tötung im Reinbeker Amtsgericht angeklagt ist. René Z. (Name geändert) war an jenem heißen Sonntag gegen 16 Uhr mit seinem Mazda 5 auf der Alten Landstraße frontal in den Gegenverkehr geraten. Er selbst schwebte danach in Lebensgefahr, seine beiden anderen Kinder (1 und 6), die ebenfalls im Auto saßen, kamen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus.

Die quälende Frage nach dem Warum ließ sich trotz umfangreicher Ermittlungen, etlicher Zeugenaussagen und Gutachten auch vor Gericht nicht klären. Am Ende sprach die Staatsanwältin davon, dass sie schon Fahrlässigkeit sehe, sich bei dem „ganz tragischen Unfall“ auch andere Alternativen als eine Bestrafung vorstellen könne. Strafrichterin Nele Rades-Walther stellte das Verfahren mit der Auflage ein, dass Z. 1800 Euro an Dennis’ Mutter zahlt.

Der Unfallfahrer lag selbst im Koma

„Ich kann mich an gar nichts erinnern, das ist alles komplett weg“, sagte der 49 Jahre alte Z. zu Beginn des Prozesses. Er habe nach dem Zusammenstoß im Koma gelegen, sei erst zwei Monate im Krankenhaus gewesen und dann einen Monat zur Rehabilitation. Auf Bildern habe er gesehen, dass er mit den drei Kindern an der Ostsee war. „Es war ein schöner Sommertag, wir waren zum Baden“, sagte er. „Dann muss es wohl passiert sein.“

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft geriet der Mazda auf gerader Strecke nach links in den Gegenverkehr, prallte frontal gegen einen 5er-BMW. Dessen im Wrack eingeklemmter Fahrer (21) kam mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Der acht Jahre alte Dennis wurde wiederbelebt und kam mit dem Rettungshubschrauber ins Hamburger Heidberg-Krankenhaus. Dort erlag er fünf Tage später seinen schweren Hirnverletzungen.

Angeklagter hat mit der Mutter zwei weitere Kinder

„Dennis war mit seiner Mutter aus Afrika gekommen, er war wie ein eigener Sohn“, so René Z. Mit den beiden jüngeren gemeinsamen Kindern lebte die Familie in Hamburg. Doch nach dem Unfall ging die Partnerschaft in die Brüche. Heute ist Z. verheiratet und hat zwei weitere Kinder.

Richterin Rades-Walther ging darauf ein, dass Dennis’ Mutter, die als Nebenklägerin im Saal war, suizidale Absichten erwähnt habe. Das wies Z., der im öffentlichen Dienst tätig ist, energisch zurück: „Als Techniker würde ich das nicht mit Tempo 80 versuchen mit einem Auto, das 200 fährt.“ Heute sei das Verhältnis zur Mutter entspannt. „Wir kommen gut klar, die beiden Kinder sind alle zwei Wochen bei mir“, sagte er.

Dolmetscherin übersetzt für die aus Afrika stammende Mutter

Eine Dolmetscherin fasste die wichtigsten Aussagen für die Afrikanerin zusammen. Deren Anwältin Heike Kaiser-Behm sagte, dass es vor allem im ersten Jahr nach dem Unglück Streitigkeiten gegeben habe. In langen Gesprächen habe ihre Mandantin ihr versichert, dass sie jetzt gut mit dem Angeklagten auskomme, er sich um die beiden gemeinsamen Kinder kümmere. „Der Mutter kommt es jetzt nicht mehr auf Bestrafung an, sie sieht den Vater als unterstützendes Element“, so die Fachanwältin für Familienrecht.

Den Frontalzusammenstoß selbst beschrieben zwei Zeugen. „Der Mazda war vor mir und fuhr spontan in den Gegenverkehr gegen den BMW“, sagte ein 54 Jahre alter Maschinenführer aus Hamburg. „Wie sah das aus?“, wollte die Richterin wissen. „Wie ein Haken“, so die Antwort. „Nicht wie bei einer weiten Kurve oder einem Überholmanöver.“ Er habe „etwas Abruptes“ beobachtet. Er sei selbst Vater, und man könne vermuten, dass sich der Fahrer nach hinten zu streitenden Kindern gedreht und dabei das Lenkrad verrissen habe.

Zeugen holen die Verletzten aus dem qualmendem Auto

Der 54-Jährige hielt sofort an und rannte zu den Wracks. „Weil es stark qualmte, hatte ich im Hinterkopf, dass die Wagen in Flammen aufgehen könnten.“ Damit niemand verbrennt, habe er mit Unterstützung von anderen Helfern die beiden Jungen und den Fahrer aus dem Mazda herausgeholt und in den Schatten gelegt. Um an den Kindersitz mit dem Einjährigen zu kommen, habe er die Schiebetür hinten rechts aufdrücken müssen. Alle Insassen seien angeschnallt gewesen.

Der Verteidiger des Angeklagten, Jürgen Walczak, erinnerte den Zeugen an eine andere Aussage bei der Polizei im August 2016. „Im ersten Moment dachte ich, der hat eine Herzattacke“, habe er damals zu Protokoll gegeben.

Sachverständiger errechnet das Tempo der Autos

Auch ein zweiter Zeuge, ein 47 Jahre alter Sachbearbeiter aus Hamburg, meinte, direkt hinter dem Mazda auf der Landstraße gewesen zu sein. „Warum fährt der da jetzt links rüber?“, habe er sich gewundert. Das Auto sei auf die Gegenfahrbahn „abgeglitten“, so wie beim Ansetzen zum Überholen. Der Fahrer habe aber nicht beschleunigt.

Nach Berechnungen eines Sachverständigen der Prüfgesellschaft Dekra stießen der Mazda und der BMW „nahezu vollständig“ frontal zusammen. Der Mazda sei mit Tempo 70 bis 90 gefahren. Der BMW habe noch auf 25 bis 40 km/h abgebremst. Für technische Mängel gab es keinerlei Hinweise, sämtliche Sicherheitsgurte hätten funktioniert. Von den fünf von der Polizei genannten Unfallursachen (Ablenkung durch Kinder, körperliche Beschwerden, Sekundenschlaf, Augenblicksversagen, Suizidversuch) hielt der Experte einzig die letzte für wenig plausibel. „Solche Unfälle sehen meistens anders aus.“

Dr. Jakob Matschke, Rechtsmediziner am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), erläuterte, dass das schwere Schädel-Hirn-Trauma zu Dennis’ Tod geführt habe. Auch mehrere Notoperationen konnten sein junges Leben nicht mehr retten. Bei diesen Sätzen wischte sich die Mutter ihre Tränen mit Taschentüchern aus den Augen. Mehr als drei Jahre sind vergangen, doch die Trauer ist geblieben, wie ihre Anwältin zitierte: „Dennis wird immer fehlen.“