Stormarn
Staatsschutz ermittelt

Rechte Gewalt in Sülfeld: Neonazis auch in Stormarn aktiv?

Diesen Aufkleber mit der Aufschrift „Aryan Circle" entdeckte das Abendblatt am Freitag am Pastorat in Sülfeld.

Diesen Aufkleber mit der Aufschrift „Aryan Circle" entdeckte das Abendblatt am Freitag am Pastorat in Sülfeld.

Foto: Finn Fischer

Bürger entfernen Aufkleber, werden geschlagen. Jugendliche wollen Anführer an Oldesloer Schule gesehen haben. Sonnabend große Demo.

Sülfeld. Gewalttätiges Auftreten von Rechtsextremisten in Sülfeld hat Bürger und Politiker aufgeschreckt. Alarmiert sind auch Schulen im Kreis Segeberg und in Stormarn, weil Neonazi Bernd T. offenbar wiederholt Schüler angesprochen hat. An diesem Sonnabend ist eine Demo gegen Rechts in Sülfeld geplant. Die Handballerinnen des SV Sülfeld wollen bei einem Liga-Spiel in der Sporthalle für Toleranz eintreten. Der Innenminister von Schleswig-Holstein, Hans-Joachim Grote, hat sein Kommen zugesagt. Grote zum Abendblatt: „Es ist wichtig, dass die Menschen in Sülfeld ein starkes Zeichen gegen Rechtsextremismus setzen. Deshalb habe ich die Einladung sehr gern angenommen, um meine Solidarität und die der gesamten Landesregierung zu bekunden.“

Handballerinnen zeigen in Sporthalle Flagge gegen rechts

Der Vorstand des Sportvereins hatte das Thema mit Politikern und den Handballdamen diskutiert. Sie hatten die Idee, als Zeichen gegen Nazis bunte Schweißbänder zu tragen und jedem Zuschauer ein buntes Armband zu geben. Außerdem sollen Plakate in der Halle aufgehängt werden. Beginn ist um 16.30 Uhr.

Was war in Sülfeld geschehen? Seit mehreren Wochen leben bei dem Sülfelder Daniel S. (23) der bekannte Rechtsextreme Marcel S. aus Bornhöved und Marie P. Marcel S. wird beschuldigt, am 17. Oktober Sülfelder Bürger mit Faustschlägen und Pfefferspray angegriffen zu haben, als sie Aufkleber der Radikalen an der Hauptstraße entfernen wollten. Die für politische Delikte zuständige Staatsschutzabteilung der Polizei ermittelt.

Auch Bürgermeister aus den an Sülfeld angrenzenden Stormarner Gemeinden zeigen sich besorgt. Und entschlossen, gesellschaftlichen Widerstand gegen die Umtriebe der Gruppierung zu leisten. „Bei uns sind noch keine Aufkleber und Plakate aufgetaucht, aber mit Blick nach Sülfeld besteht eine gewisse Sorge“, sagt Andreas Gerckens, Bürgermeister der etwa drei Kilometer von Sülfeld entfernten Stormarner Gemeinde Bargfeld-Stegen. Gerckens erinnert an eine Zeit vor zehn bis 15 Jahren. Damals gab es in Bargfeld eine Neonazi-Szene: „Dagegen haben wir uns organisiert. Und wir würden es wieder tun. Wenn es nötig ist, steht das ganze Dorf für eine bunte Gemeinschaft ein.“

Wollte Neonazi Oldesloer Schüler für seine Gruppe anwerben?

Das Sülfelder Trio wird dem etwa 15-köpfigen Umfeld des mehrfach vorbestraften Gewalttäters Bernd T. zugeordnet, der offenbar in Bad Segeberg versucht, Gleichgesinnte zu finden und einen Ableger des rassistischen „Aryan Circle“ zu gründen. Der Verfassungsschutz beobachtet die Szene. Mehrfach soll der 45-Jährige an Schulen Jugendliche angesprochen haben. T. gilt als extrem gewaltbereit und bewegt sich seit mehr als 20 Jahren in der Szene.

Auch in Bad Oldesloe wollen Schüler T. bereits erkannt haben. Demnach soll sich der Mann im Bereich der Olivet-Allee am Schulzentrum aufgehalten haben. Bestätigen wollte das die Schulleitung am Freitag nicht. „Sollte ich Bernd T. oder eine andere Person, die zu seinem Umfeld gehören könnte, bei uns sehen, werde ich die Polizei informieren“, kündigt der Leiter der Theodor-Mommsen-Schule, Henning Bergmann, an.

Bildungsministerium steht im Austausch mit Sicherheitsbehörden

Die Lehrkräfte seien sensibilisiert, nachdem die Schule vom Bildungsministerium eine Handlungsempfehlung erhalten hatte. Auch das Kollegium der Ida-Ehre-Schule hat über die drohende Gefahr gesprochen. „Da schon in Segeberg Schüler angesprochen wurden, ist wohl davon auszugehen, dass die das auch in Stormarn versuchen“, sagt Sven Bergmann, der Vize-Schulleiter. Schüler sollen Bernd T. oder andere verdächtige Personen nicht ansprechen, sondern sofort eine Lehrkraft informieren. Das gelte auch für Jugendliche anderer Bildungseinrichtungen in Stormarn.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien sagt: „Das Ministerium steht im Austausch mit den Sicherheitsbehörden. Schulleitungen sind gehalten, im Zweifel die Polizei zu informieren, sollten unbekannte Personen auf dem Schulgelände angetroffen werden. Wir dulden keinen Rechtsextremismus an Schulen. Wir werden uns solchen Umtrieben mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln entgegenstellen.“

Kreispräsident von Segeberg lobt Engagement der Sülfelder

Segebergs Kreispräsident Claus-Peter Dieck zeigt sich von dem Angriff auf Sülfelder erschüttert, ruft zur Wachsamkeit auf. „Wir müssen uns als Staat und Gesellschaft mehr engagieren.“ Es würden zunehmend rote Linien überschritten. Ausdrücklich würdigte er das Engagement der Bürger, die die Aufkleber mit den Aufschriften „White Power“ und „Refugees not welcome“ entfernt hatten. Diese Menschen hätten sich wehrhaft für die Demokratie eingesetzt.

Segebergs Landrat Jan-Peter Schröder sagt: „Ich sehe die Entwicklung mit großer Sorge. Demokratie ist auch in Deutschland leider keine Selbstverständlichkeit. Wir dürfen nicht zulassen, dass Einzelne sie verwässern. Bei Gewalt gegenüber Andersdenkenden gibt es für mich keine Toleranz.“ Und Stormarns Landrat Henning Görtz fügt hinzu: „Wir werden die Entwicklung bei uns sehr kritisch beobachten und gegebenenfalls entsprechend reagieren. Die Vorkommnisse von Halle haben gezeigt, dass wir gegen radikale Kräfte die Solidarität aller Demokraten brauchen.“

Pastor Paar: Was seid Ihr nur für erbärmliche Menschen?

Was sagt Sülfelds Bürgermeister Karl-Heinz Wegner? „Wir können uns so etwas nicht gefallen lassen. Wir müssen Präsenz zeigen.“ Er unterstützt eine Erklärung, die die Sportvereine unterzeichnet haben und die der Gemeindevertretung vorliegt. Darin heißt es: „Wir treten dafür ein, dass in Sülfeld weiter ein offenes, tolerantes und angstfreies Gemeindeleben gewährleistet ist. Wir stellen uns gegen Gewalt und Einschüchterung.“

Nachdem auch das Pastorat und das Gemeindehaus mit Nazi-Parolen beklebt wurden, hat sich Pastor Steffen Paar an die drei Rechten gewandt. Er warf ein Schreiben in den Briefkasten von Daniel S., das er auch bei Facebook veröffentlicht hat. Darin geht er auf den Aufruf der Rechten zum „Handeln“ ein. „Was Handeln für Euch bedeutet, haben wir erlebt. Ihr beschimpft Leute aufs Übelste, habt keine Skrupel vor Frauen und Kindern, benutzt Fäuste und Drohungen statt Argumente und schleicht Euch nachts durch unser Dorf, um heimlich Euren Schmutz zu verbreiten. Was seid Ihr nur für erbärmliche Menschen!“, schrieb Paar. Und weiter: „Versteht mich nicht falsch: Eure Aufkleber interessieren mich nicht die Bohne. Viel Spaß in Eurer Welt, in der Gewalt und Angst der Klebstoff der Gemeinschaft ist. Ich bin stolz auf mein Sülfeld und meine Kirchengemeinde.“

Weiter schreibt Paar: „Wir sind gewiss nicht perfekt, wir streiten auch mal gern. Doch im Grundsatz ziehen wir an einem Strang: Hier haben die Alten ihren Platz neben den Jungen, der Arme neben dem Reichen, treffen sich Einheimische und Migranten, die Verschüchterten und die Lauten, die Christen mit den Muslimen und Atheisten, und die Schwulen und Transmenschen feiern gemeinsam mit Familien und Alleinstehenden.“

Auf diesen Post hat Bernd T. reagiert, der Kopf der Gruppe. Er nehme ein Gesprächsangebot des Pastors an und bat um eine Terminabsprache. T. unterschrieb mit Aryan Circle Germany.