Stormarn
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Bankgeheimnisse: der Kreisvorsitzende des Sozialverbandes

Andreas Guhr (63) ist Vorsitzender des Sozialverbandes, sitzt hier auf seiner Lieblingsbank im Gespräch mit Abendblatt-Mitarbeiter Filip Schwen

Andreas Guhr (63) ist Vorsitzender des Sozialverbandes, sitzt hier auf seiner Lieblingsbank im Gespräch mit Abendblatt-Mitarbeiter Filip Schwen

Foto: Finn Fischer

In unserer Serie treffen wir Stormarner auf ihrer Lieblingsbank. Heute: Andreas Guhr, Kreisvorsitzender des Sozialverbandes.

Bad Oldesloe. Andreas Guhr ist einer, der den Finger in die Wunde legt. Das habe er schon immer getan, sagt der Oldesloer. Seit mehr als 20 Jahren setzt sich der gelernte Elektrotechniker für die Belange derjenigen ein, die auf der Schattenseite der Gesellschaft leben. Als Gewerkschafter, Betriebsrat und seit Mitte September auch als Kreisvorsitzender des Sozialverbandes Deutschland (SoVD) in Stormarn. „Ich kann Ungerechtigkeit nicht leiden“, sagt der 62-Jährige zum Abendblatt.

Verein setzt sich unter anderem für Rechte von Rentnern ein

Er sitzt auf seiner Lieblingsbank vor der SoVD-Kreisgeschäftsstelle an der Hindenburgstraße mitten im Stadtzentrum von Bad Oldesloe. Ganz nah dran an den Menschen, darauf legt Guhr besonderen Wert. „Es geht darum, die Ohren offen zu halten. Darum, was bei den Menschen los ist, was sie bewegt“, sagt der SoVD-Kreisvorsitzende. „Man macht den Job entweder ganz oder gar nicht.“

„Der Egoismus in der Gesellschaft ist erschreckend“, kritisiert Guhr, der von sich selbst sagt, er sei vielleicht ein bisschen zu sehr Menschenfreund. „Es hängt hier Vieles schief, das sehen wir am stetigen Wachstum unserer Mitgliederzahl“, sagt Guhr. Allein in Bad Oldesloe nehme der Sozialverband monatlich fünf bis 15 Neumitglieder auf. Der aus dem 1917 gegründeten Reichsbund hervorgegangene Verein setzt sich für die Rechte von Rentnern, behinderten und chronisch kranken Menschen, Sozialversicherten, Pflegebedürftigen, Sozialhilfeempfängern und Arbeitsunfallverletzten ein, indem er seine Mitglieder etwa in Klageverfahren vor den Sozialgerichten vertritt, Musterklagen führt, Veranstaltungen, Rechtsberatung und Erholungszentren anbietet.

Ehrenamtliches Engagement beginnt Guhr erst spät

Früh hätten die Eltern ihm die Augen dafür geöffnet, was gerecht und was ungerecht ist. Ich möchte gerecht behandelt werden, dann sollte ich andere auch so behandeln – dieser Grundsatz habe im Elternhaus immer Priorität gehabt. „Das Bewusstsein für Recht und Unrecht steckte also irgendwie immer in mir drinnen.“

Dennoch beginnt Andreas Guhr sein ehrenamtliches Engagement erst spät im Berufsleben. „Mein Vater war Unternehmer, da war Gewerkschaftsarbeit eigentlich nie ein Thema“, erzählt der Oldesloer. „Als mein Großvater starb, habe ich überrascht festgestellt, dass er in einer Gewerkschaft gewesen war.“ 1973 beginnt der gebürtige Oldesloer eine Ausbildung zum Elektrotechniker in Ahrensburg, arbeitet später für einen größeren Betrieb in der Schlossstadt.

Sein Einsatz wird mit der Zeit zur Berufung

„Im Jahr 1997 gab es einen Moment, an dem mir klar wurde, dass ich etwas tun muss, damit ich am nächsten Morgen noch in den Spiegel blicken kann“, sagt Guhr. „Das mag philosophisch klingen, aber jene Zeit hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin“, sagt Guhr vielsagend. „Im Betrieb gab es plötzlich Probleme, durch die ich mich nicht allein durchkämpfen konnte“, erinnert er sich. Andreas Guhr kandidiert für den Betriebsrat, zunächst widerwillig. „Ein Kollege musste mich ein Vierteljahr lang überreden“, erzählt er und lacht dabei. Im selben Jahr tritt Guhr nach 24 Jahren im Berufsleben in eine Gewerkschaft ein, die IG Metall.

Schnell wird das Engagement für Guhr zur Berufung. „Kurz nach meiner Wahl in den Betriebsrat stand ein Kollege mit Tränen in den Augen vor mir. Mit kranker Frau und zwei Kindern“, erzählt Guhr. Er war gerade entlassen worden. „Das berührt. Man befasst sich mit Schicksalen und nimmt sie auch mit nach Hause.“ Umso besonderer sei das Gefühl, wenn man helfen könne. „Wenn einem ein Lächeln entgegenschlägt.“

Kinderarmut resultiere meist aus Armut der Eltern

Guhr wird zweiter Bevollmächtigter der IG Metall in Hamburg-Bergedorf. 2008 zieht er mit seiner Lebensgefährtin in seine Geburtsstadt Bad Oldesloe zurück, wird stellvertretender Kreisvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Stormarn, ein Amt das er bis heute innehat. Im November 2018 wird er Vorsitzender des Oldesloer SoVD-Ortsverbandes. „Ein Freund hat mich überredet“, sagt er. In diesem September löste er zusätzlich Irmtraut Sarau nach neun Jahren an der Spitze des SoVD-Kreisverbandes ab.

„Die Agenda für meine Amtszeit ist lang. Aber so ist das im Ehrenamt ja meistens“, sagt Andreas Guhr. Kinderarmut, bezahlbarer Wohnraum, soziale Spaltung in Arm und Reich, Teilhabe an Bildung und der Umgang mit dem wachsenden Einfluss von Rechtspopulisten seien nur einige der Herausforderungen, die es gerade auch auf kommunaler Ebene zu bewältigen gelte. „Stormarn zählt zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Kreisen bundesweit, dennoch leben mehr als 7000 Kinder in Armut“, sagt er. Kinderarmut resultiere meist aus der Armut der Eltern, diese führe oft wiederum zu Armut im Erwachsenenalter. „Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt“, sagt Andreas Guhr. „Die Städte und Gemeinden blockieren nach wie vor vielerorts die Schaffung bezahlbaren Wohnraums.“

Firmen investieren mehr in Technik als in Menschen

Kritisch sieht Guhr auch das Bestreben der Wirtschaft nach ständigem Wachstum. „Wichtiger ist, dass niemand auf der Strecke bleibt“, so der SoVD-Kreisvorsitzende. „Ich habe oft den Eindruck, dass der Mensch weniger wert ist als eine Maschine.“ So würden Unternehmen gern Millionenbeträge in technische Geräte investieren, nicht aber in Mitarbeitergehälter.

Der Sozialverband und andere ehrenamtliche Organisationen übernähmen mehr Verantwortung. „Wir vertreten unsere Mitglieder bei Rechtsfragen vor Gericht, in Zukunft müssen wir aber gerade auf Kreisebene sichtbarer, politischer werden“, ist Guhr überzeugt. Dafür wolle der SoVD auch häufiger in die politischen Gremien gehen und die Politiker auf gesellschaftliche Probleme hinweisen. Gerade die Menschen, die Unterstützung benötigten, isolierten sich oft. „Ältere Menschen, oder jene mit wenig Einkommen, müssen gezielt zur Teilhabe eingeladen werden. Sie fragen meist nicht nach Hilfe, weil ihnen ihre Situation unangenehm ist.“ Mit Festen, gemeinsamen Reisen oder Spieleabenden wolle der Sozialverband sie aus der Einsamkeit holen. „Dieses Beisammensitzen und die Freude und Dankbarkeit der Menschen zu spüren, ist etwas ganz Besonderes“, sagt Guhr.

„Wenn sich Menschen abgehängt und ausgeschlossen fühlen, spielt das den Rechten in die Hände“, warnt Guhr mit Blick auf die jüngsten Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland. „In unserer Gesellschaft ist kein Platz für eine Minderheit von Angstbeißern, die die Mehrheit polarisiert und spaltet.“