Stormarn
Sozialverband

Stormarner berichten: So tappten wir in die Armutsfalle

Jede Woche kommt Karin Hansen (77) zur Tafel an die Turmstraße in Bad Oldesloe, holt sich dort Gemüse, Obst und andere Nahrungsmittel ab. Sie ist sehr dankbar für die Unterstützung.  

Jede Woche kommt Karin Hansen (77) zur Tafel an die Turmstraße in Bad Oldesloe, holt sich dort Gemüse, Obst und andere Nahrungsmittel ab. Sie ist sehr dankbar für die Unterstützung.  

Foto: Eileen Meinke

Im Kreis leben mehr als 1200 Menschen über 65 Jahre von staatlicher Hilfe. Sozialverband warnt vor dramatischem Anstieg.

Ahrensburg/Glinde. „Es ist bitter und unwürdig, dass ältere Leute heutzutage bis ins hohe Alter arbeiten und trotzdem Pfandflaschen sammeln gehen müssen.“ So beschreibt Marion Hensel aus Ahrensburg die Lage von mehr als 1200 Senioren in Stormarn, die laut Statistikamt Nord im Alter ab 65 Jahren auf Grundsicherung oder Sozialhilfe angewiesen sind. Jeder dritte Schleswig-Holsteiner muss demnach nach 40 Jahren im Job mit weniger als 1000 Euro im Monat auskommen. Vielen Menschen reicht das nicht bis zum Monatsende. Auch die hohen Mieten führen dazu, dass sich viele bei den Tafeln mit Lebensmitteln versorgen müssen.

Union und SPD arbeiten an Einführung der Grundrente

Marion Hensel ist eine der ungezählten Tafel-Kunden. Seit acht Jahren müssen sie und ihr Mann jeden Cent umdrehen. Im Alter von 59 Jahren musste sie sich einer Operation an der Hüfte unterziehen. Das Arbeitsamt stufte sie vier Jahre später als arbeitsunfähig ein. „Ich wurde aussortiert“, sagt die heute 67 Jahre alte Frau. Mit dem Eintritt in die Rente habe sie Sozialhilfe beantragen müssen. „Mir und meinem Mann, er ist 77 Jahre alt, stand viel zu wenig Geld zu Verfügung, als dass wir hätten sparen können. Mein Mann und ich hatten in diesem Jahr zehnten Hochzeitstag. Wir konnten nicht einmal mit einem Gläschen Sekt auf unsere Liebe anstoßen“, sagt sie und blickt traurig drein.

Um Armut im Alter zu bekämpfen, arbeiten Union und SPD aktuell an einer Einführung der Grundrente im Jahr 2021, eine Einigung gibt es bisher jedoch nicht. Das Abendblatt hat mit Betroffenen im Kreis gesprochen. Wollte erfahren, wie es den Senioren geht, die von Altersarmut betroffen sind, welche Veränderungen sie sich wünschen. „Mindestens 60 Prozent unserer registrierten Haushalte sind Seniorenhaushalte“, sagt Kristina Dombrowski, stellvertretende Leiterin der Tafel in Bad Oldesloe. „Es gibt sicherlich noch mehr bedürftige Senioren, die sich jedoch zu sehr schämen, herzukommen“, sagt Dombrowski. Seit 15 Jahren arbeitet sie ehrenamtlich bei der Tafel. Wöchentlich geben die Oldesloer Ehrenamtlichen 1500 bis 2000 Kilogramm Ware an Bedürftige.

Sozialverband hält Stormarner Zahlen für besorgniserregend

Auch Karin Hansen aus Bad Oldesloe berichtet, dass sie auf die Hilfe der Tafel angewiesen ist. Einmal in der Woche holt sich die 77-Jährige an der Ausgabe in der Turmstraße Brötchen, Gemüse, Obst oder andere Nahrungsmittel ab. Und das schon seit drei Jahren. Jahrelang habe sie in der Gastronomie gearbeitet, „zeitweise sogar viel Geld verdient“, sagt sie. Doch dann habe sie einige „schlechte finanzielle Entscheidungen“ getroffen, die sie im Nachhinein bedauere. Und obwohl sie heute „sehr sparsam lebt“, wie sie sagt, müsse sie Grundsicherung von der Stadt beziehen.

Marion Hensel und Karin Hansen sind nur zwei Beispiele aus Stormarn, die Andreas Guhr vom Sozialverband Stormarn Sorgen bereiten. Der Vorsitzende des Kreisverbandes sagt: „Das ist nur eine Art der Ausprägung von Armut. Wir müssen auch an Kinder und Erwachsene denken, denen es ähnlich geht.“ Die Zahlen in Stormarn hält er für „besorgniserregend“. Die Gesellschaft, besonders die Politik müsse sich intensiver mit dem Thema auseinandersetzen. Eine Grundrente, wie sie derzeit von CDU und SPD im Bund diskutiert wird, hält Andreas Guhr „angesichts der aktuellen Situation für sinnvoll, doch eine langfristige Lösung ist das nicht“. Viele von Altersarmut Betroffene könnten eine Grundrente nicht in Anspruch nehmen, weil diese immer an Voraussetzungen gebunden wäre.

Am Ende des Monats nur noch zehn Euro im Portemonnaie

Laut aktuellem Entwurf von CDU und SPD sollen Menschen Anspruch auf Grundrente bekommen, die mindestens 35 Jahre lang Beiträge zur Rentenversicherung eingezahlt haben. Guhr: „Aber das schließt viele Arbeitnehmer aus, die auf 450-Euro-Basis gearbeitet haben und nur teilweise oder nichts einzahlen können.“ Politik müsse auch für diese Menschen Lösungen erarbeiten. In der Erhöhung des aktuellen Mindestlohns sieht er eine mögliche Lösung. Und fordert: „Wir müssen heute anfangen, die Altersarmut von morgen zu bekämpfen.“

Von dieser Armut betroffen ist auch Monika Horeyseck. Sie kennt Marion Hensel von der Essensausgabe der Ahrensburger Tafel. Zum Abendblatt sagt sie: „Ich habe am Ende des Monats gerade einmal zehn Euro im Portemonnaie.“ Damit müsse sie oft mehrere Tage überbrücken. Ohne die Hilfe der Ehrenamtler käme sie nicht klar. Wie sie in diese Situation geschlittert sei? „Ich habe vier Jahre als Einzelhandelskauffrau gearbeitet. Dann habe ich geheiratet und zwei Kinder großgezogen. Später, mit 37, habe ich dann noch einmal angefangen zu arbeiten.“

Rentnerin hofft auf Aufstockung der Grundsicherung

Ähnlich wie bei ihrer Leidensgenossin führte auch bei ihr eine Operation in die Arbeitsunfähigkeit. Fortan bezog sie Arbeitslosengeld II. Seit 13 Jahren lebt die Rentnerin nun auch von der Tafel. Auf die Frage, welche Hoffnungen sie hat, sagt sie dem Abendblatt: „Ich wünsche mir, dass die Grundsicherung ein wenig aufgestockt wird.“ Aber die Chancen dazu wertet sie als gering.

Klaus Höfer lebt in Glinde. Der Mann ist 71 Jahre alt. Seit sechs Jahren ist er Rentner. Gerade einmal 850 Euro stehen ihm heute im Monat zur Verfügung, wie er sagt. Als Sozialpädagoge verdiente er früher seinen Lebensunterhalt. Eines Tages verlor er seinen Job. Fand keine neue Anstellung. Höfer sagt: „Mit 55 Jahren wurde ich als unvermittelbar eingestuft – und das nach 25 Jahren im kirchlichen Dienst. Dass es ihm heute finanziell nicht gut gehe, sei vor allem dem Umstand geschuldet, dass er vom Arbeitsamt so eingestuft wurde. „Das war eine schwere Zeit“, erinnert sich Klaus Höfer.

Bekämpfung der Armut soll Aufgabe in Kommunen sein

Die 81-jährige Elke Wolters lebt seit neun Jahren in Glinde, sucht seitdem einmal die Woche die Tafel-Ausgabestelle auf. „Eine Erhöhung der Grundsicherung um 100 Euro würde mir schon sehr helfen“, glaubt die Seniorin. Wolters arbeitete mehrere Jahre bei der Post, bis sie schließlich ihre Enkelkinder als Pflegekinder bei sich aufnahm und großzog. „Wir lebten zu dieser Zeit vom Pflegegeld“, sagt sie. Mit 60 Jahren ging sie in Rente, seitdem stehen ihr nach eigenen Angaben monatlich 417 Euro zur Verfügung. Eine Summe, die für sie und ihre Hündin Nele sowie ihre zwei Katzen kaum ausreiche.

Solche Erfahrungen nimmt Heiko Naß, Vorstand der Diakonie Schleswig-Holstein, zum Anlass für Kritik. Er sagt: „Ausfallzeiten durch Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen sollte bei der Rentenbemessung stärker als bisher berücksichtigt werden.“ Die Grundrente sei eine sinnvolle Möglichkeit, Altersarmut zu bekämpfen.

Weg für Tafel ist für viele Stormarner unverzichtbar

Von seinen negativen Erfahrungen berichtet Karl-Heinz Heger aus Glinde. Auch ihm und seiner Lebensgefährtin reiche die Rente nicht aus. Heger sagt: „Ich wünsche mir, im Alter auch noch einmal etwas Schönes unternehmen zu können.“ Doch dafür fehlten ihm die Mittel. Und das, obwohl der heute 67-Jährige 40 Jahre lang als Staplerfahrer gearbeitet hat. Nach einer Bypass-Operation gelte er als arbeitsunfähig, beziehe eine Erwerbsminderungsrente.

Nun stünden dem Paar monatlich nur rund 900 Euro zur Verfügung. Der Weg zur Tafel sei für ihn deshalb unverzichtbar. Andreas Guhr vom Sozialverband Stormarn sieht beim Problem wachsender Altersarmut auch die Städte und Gemeinden in Stormarn in der Pflicht. „Da wir zu wenig sozialen Wohnungsbau haben, sind viele Menschen gezwungen, in teure Mietwohnungen zu ziehen“, daran müsse sich dringend etwas ändern. Ansonsten verschlimmere sich die Lage im Kreis weiter.

Bekämpfung der Armut müsse Daueraufgabe sein

Rückendeckung erfährt Andreas Guhr dabei von Stormarns Landrat. Henning Görtz sagt: „Wir alle sind aufgefordert dafür zu sorgen, dass es mehr bezahlbare Wohnungen gibt.“ Genau aus diesem Grund sei 2018 das Stormarner Bündnis für bezahlbares Wohnen gegründet worden. Gerade erst hatte Görtz vor den Mitgliedern des Ahrensburger Bauausschusses für mehr Engagement in diesem Bereich plädiert. Für mehr Geschossbauten, um den Bedarf an günstigen Wohnungen abzudecken. Er appelliert: „Vielen Menschen in Stormarn geht es richtig gut. Wir dürfen gerade deshalb niemals den Fehler machen, diejenigen zu vergessen, die unsere Unterstützung brauchen.“

Andreas Guhr sagt: „Wenn sich niemand ernsthaft der Probleme annimmt, wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.“ Er fordert, dass sich die Politik auf die Lebensverhältnisse aller Menschen besinnt. Auch auf kommunaler Ebene. Und Landrat Görtz ergänzt: „Die Bekämpfung der Alters- und der Kinderarmut muss in den Gemeinden eine Daueraufgabe sein – sie muss ständig auf der Agenda stehen.“