Stormarn
Ahrensburg/Sülfeld

„Unsere Kirche hat ein echtes Imageproblem“

Einer, der neue Wege beschreitet: Pastor Steffen Paar ist bereits mit vielen Neuerungen dabei, das Image der Kirche in seiner Gemeinde Sülfeld aufzupolieren.

Einer, der neue Wege beschreitet: Pastor Steffen Paar ist bereits mit vielen Neuerungen dabei, das Image der Kirche in seiner Gemeinde Sülfeld aufzupolieren.

Foto: Ulf Dahl / Ulf Dahl / Kieler Nachrichten

Mitgliederzahlen sinken weiter in Städten und Gemeinden Stormarns. Mit neuen Formaten wollen Pastoren die Menschen zurückgewinnen.

Ahrensburg/Sülfeld. Die Zahl der Menschen in Stormarn, die der Kirche den Rücken kehren, sie steigt weiter. Und zwar in allen Städten und Gemeinden. Das belegen jüngste Erhebungen der Kirchenkreise Hamburg-Ost und Plön-Segeberg. „Unsere Kirche hat ein Imageproblem“, sagt Pastorin Anja Botta. Ihr Kollege Christian Schack aus Siek sieht das genauso. Das tradierte Bild von Kirche und Pastoren passe nicht mehr in die Zeit. Beide Geistlichen machen sich für Reformen stark.

Allein die Kirchengemeinde Ahrensburg verlor 204 Mitglieder in 2018. Ein Jahr zuvor waren es 190 gewesen. Die Oldesloer büßten 2017 und 2018 zusammen 287 Mitglieder ein. Die Reinbeker Gemeinden Mitte und West verloren innerhalb von zwei Jahren 152 Mitglieder. „Wir haben den Punkt überschritten, bis zu dem wir das Land flächenmäßig mit Gottesdiensten versorgen können“, sagt Anja Botta – sowohl bei Gemeindegliedern als auch beim Pastorennachwuchs. „Es wird immer schwieriger, Stellen zu besetzen“, so die Pastorin. In der Folge müssten Stellen abgebaut werden.

Renovierungsstau: Gebäude kommen auf den Prüfstand

„Bis 2030 wird es für Siek, Lütjensee, Trittau und Großhansdorf nur noch drei statt aktuell sechs Pastoren geben. Wie sollen drei Geistliche sonntags an vier Standorten Gottesdienste leiten?“, fragt Christian Schack. Es brauche neue Ideen, um die Kirche fit für die Zukunft zu machen. „Wir müssen uns fragen, wie wir mit weniger Stellen weiter gute Arbeit leisten können“, sagt Botta.

„Muss es wirklich an jedem Sonntag in jeder Kirche einen Gottesdienst geben, wenn die Besucherzahlen stetig sinken?“ Als Teil der U 45-Gruppe (Pastoren unter 45 Jahren) aus Hamburg und dem Umland haben Botta und Schack Ideen gesammelt, wie Kirche wieder auf Kurs kommen kann. „Ist das Kirche oder kann man weg?“, sei die Leitfrage. „Der Prozess ist schmerzlich“, sagt Botta. „In Zukunft wird es das nicht mehr geben, dass ein Geistlicher einen Menschen ein ganzes Leben begleitet.“

Jede Gemeinde sollten seinen Schwerpunkt finden

Gleichzeitig wolle Kirche starker Begleiter aller Lebensabschnitte bleiben – von der Geburt bis zum Tode. Botta und Schack machen sich für eine Neuorganisation stark. „Jede Gemeinde muss sich fragen, was sie leisten kann und möchte“, sagt Schack. „Sie sollte sich spezialisieren, Schwerpunkte finden.“ So könne eine zum Beispiel den Fokus auf die Jugendarbeit legen, die Nachbargemeinde auf die Arbeit mit Senioren. Der Pastor einer dritten Gemeinde könnte für sonntägliche Gottesdienste verantwortlich sein. Schack: „Das heißt nicht, dass jeder Pastor nur noch in einem Bereich tätig sein muss. Wenn aber eine Person je Aufgabenbereich den Hut auf hat, müssen wir Dinge nicht doppelt erarbeiten.“ Auch Ehrenamtliche könnten mehr verantwortungsvollere Aufgaben übernehmen. Ihnen werde zu wenig zugetraut.

Der Wandel bedeute nicht nur bei den Pastorenstellen Kürzungen, sondern auch eine Ausdünnung bei kircheneigenen Gebäuden, sagt Botta. „Mehr als 50 Prozent der finanziellen Mittel fließen in deren Unterhaltung, es gibt einen gewaltigen Renovierungsstau. Und es ist nirgendwo in Stormarn so, dass die Kirche an jedem Sonntag voll ist.“ Anja Botta fragt: „Wollen wir also wirklich Geld in Gebäude stecken, die immer weniger frequentiert sind?“

Nicht nur Orgelmusik, sondern auch mal auf Pop setzen

Christian Schack nennt ein positives Beispiel: „Es gibt gut besuchte Andachten.“ So habe er erst einen Taufgottesdienst am Timmendorfer Strand abgehalten, „mit mehr als Hundert Leuten“. Es bedürfe nur richtiger Formate: „Wir wollen Dienste machen, wie wir es mögen. Mit Musik, die wir gern hören“, sagt er. „Warum immer Orgelmusik? Es soll auch mal Popmusik ertönen.“ Andere wünschten sich den Gottesdienst als Zeit der Stille. Zum Nachdenken, ohne dass jemand permanent redet. Andere wollten ihn als Kulturveranstaltung erleben, mit Gospelmusik, Kunstschau. Schack: „Wir sollten offen sein für so etwas.“ Kirche müsse neue Formate finden, die neue Klientel ansprechen: „Gottesdienste mit Eventcharakter, Andachten an besonderen Orten, bei Großveranstaltungen – oder Segnungen auf der Straße.“ Früher seien die Menschen zur Kirche gekommen. Jetzt müsse die Kirche zu den Menschen gehen. Bei der „Pop-Up-Church“ zum Beispiel stellen sich Pastoren an einen Marktplatz, vor ein Einkaufszentrum oder in einen Park. „Um Menschen zu begegnen, mit ihnen zu sprechen“, sagt Anja Botta.

Dass viele das Gespräch mit Geistlichen suchen, habe ihr der jüngste Christopher-Street-Day in Hamburg gezeigt. „Wir standen dort mit mehreren Pastoren und einem Plakat mit der Aufschrift ,Free Blessings’. Der Andrang war enorm, die Leute haben uns umgerannt“, erzählt Anja Botta. „Es gab viele tiefgreifende Gespräche und das große Bedürfnis, den Segen zu empfangen. Das bereichert auch uns. So macht Kirche Spaß. Die Menschen sehnen sich nach Gemeinschaft, nur suchen sie sie woanders. Die Kirche ist dabei nicht mehr Marktführer. Heute hat jeder ein Smartphone, um mit anderen Kontakt zu halten.“

Man müsse an der Kommunikation arbeiten

Ähnlich sei die Lage bei älteren Menschen. „Der Spruch ,mit dem Alter kommt der Psalter’ gilt nicht mehr“, sagt Anja Botta. Der Sonntag sei nicht mehr für den Gottesdienst reserviert. „Wenn ich heute versuche, ein Paar zur goldenen Hochzeit zu Hause zu überraschen, sind sie auf Kreuzfahrt.“

Die Gesellschaft durchlaufe einen Wandel hin zu mehr Individualität. „Früher suchte man den starken Zusammenhalt, heute will sich kaum einer an eine Gruppe binden“, sagt Botta. „Der Kirche wird nicht zugetraut, den Schritt zur Individualisierung mitzugehen“, ergänzt Schack. „Der Markt an freien Rednern für Trauerfeiern explodiert. Die Menschen buchen sie für 300 Euro, weil sie glauben, sie seien flexibler und könnten sich besser an persönliche Wünsche anpassen.“ Schack weiter: „Dabei lassen wir uns auf viel mehr ein, als uns zugetraut wird. Wir müssen also auch an unserer Kommunikation arbeiten.“

Also müsse die Kirche auch digitaler werden. „Ich habe einen Digitalgottesdienst online besucht, bei dem ein Roboter auf Knopfdruck Segnungen vornahm und auf Papier ausdruckte“, berichtet Christian Schack mit einem Schmunzeln. Gläubige konnten sich per Computer live in den Gottesdienst schalten.

Kirchenkreis Hamburg-Ost startet mit einem Pilot-Projekt

Im Kirchenkreis Hamburg-Ost steht ein Digitalprojekt in den Startlöchern. „Hinter dem etwas sperrigen Arbeitstitel Kasual-Agentur verbirgt sich eine Online-Plattform, auf der Termine für Feiern wie Trauungen gebucht werden können“, sagt Anja Botta. „Ähnlich einer Online-Buchung für eine Reise.“ Stimmen die Gremien zu, könne es losgehen. „Die Nutzung von Synergien, mehr Flexibilität und bessere Kommunikation sind die Anforderungen, denen die Kirche der Zukunft entsprechen muss“, sagt Anja Botta. Christian Schack fügt hinzu: „Es gilt, die Zukunft jetzt zu gestalten, denn es ist schon fast zu spät.“

Einiges von dem, was sich Botta und Schack für die Zukunft wünschen, ist in der kleinen Gemeinde Sülfeld an der Kreisgrenze zwischen Stormarn und Segeberg schon Realität. Seit 2015 betreut Pastor Steffen Paar die 2000 Gemeindeglieder. Der kreative Geistliche erfreut sich wegen vieler neuer Impulse großer Beliebtheit. Bei dem Begegnungsformat „Ohr am Markt“ setzt er sich auf einem Klappstuhl auf den Marktplatz des 3300-Einwohner-Ortes. Und wartet, wer auf dem Stuhl neben ihm Platz nimmt. „Ich bin überrascht, wie gut das angenommen wird“, sagt Paar zum Abendblatt. Es gehe dabei nicht nur um Seelsorge im christlichen Sinne. „Die Menschen kommen mit vielen Fragen, brauchen Rat bei Alltagsproblemen oder Trost.“

Auch mal andere Gottesdienstformate ausprobieren

Das Angebot „Pastor am Markt“ bietet Raum für größere Gesprächsrunden. „An einer Tafel unter einem Bierzelt gibt es bei Kaffee und Kuchen die Gelegenheit, sich mit mir und anderen Sülfeldern auszutauschen.“ Bei dem Format „Pastor to go“ können Sülfelder Steffen Paar für einige Stunden kostenfrei buchen. „Ich mache, worum sie mich bitten. Ob es um Hilfe im Haushalt geht, bei der Arbeit oder um ein gemeinsames Spiel. Ich biete meine Arbeitskraft an. Einzige Bedingung ist, dass wir dabei über Gott und die Welt reden.“ Das Format bereite ihm Spaß. Und es habe dazu geführt, das der Pastor neue Menschen persönlich kennenlernt. „70 Prozent der Teilnehmer sind nicht Mitglied der Kirchengemeinde. Jetzt schnacken wir auch mal, wenn wir uns im Dorf begegnen.“

Regelmäßig bietet Steffen Paar auch besondere Gottesdienstformate an, etwa Tiergottesdienste oder Taize. Für 2020 plant er eine Reihe von „Erzählgottesdiensten“, bei denen Menschen mit besonderen Erfahrungen zu Wort kommen. Vorerst sind vier Termine geplant. „Der erste hat das Motto ,Altes Eisen – goldene Worte’. Vier Sülfelder werden dort von ihrem Leben erzählen, ihre Erfahrungen und Weisheiten mit den Besuchern teilen.“ Pastor Paar sagt: „Es kommen Menschen zu Wort, die jeder im Ort kennt. Warum sollte nur der Pastor die Weisheit gefressen haben?“

Gottesdienste sind für viele einfach nicht mehr zeitgemäß

An anderen Abenden werden Menschen mit einer Krebserkrankung von ihrem Umgang mit dem Leiden berichten. Paar: „Ein Grundpfeiler der Kirche ist die Beziehung zu den Gläubigen.“ Kirche müsse überlegen, wo sie die Wege der Menschen kreuzen kann, müsse Raum für Zufallsbegegnungen abseits von Taufe und Beerdigung schaffen. „Wir müssen uns fragen: Ist Gottesdienst noch zeitgemäß? Oder brauchen die Menschen den Glauben an anderer Stelle?“

Für die meisten sei der Gottesdienst nicht das, was sie für ihren Glauben bräuchten. Viele gingen lieber wochentags einmal in die Kirche und zündeten eine Kerze an. Paar: „Wenn ein Kursus an der Volkshochschule wenige Teilnehmer hat, wird der ja auch eingestellt.“ Zukunft bedeute auch, alte Dinge sterben zu lassen, um Raum für Neues zu schaffen. Paar kritisiert, dass dem Wort Event im kirchlichen Kontext oft Negatives anhafte. „Das Christentum ist als Haus- und Beziehungsgemeinschaft entstanden, es liegt schon immer in unserer DNA, auch an anderen Orten und in anderen Formaten Gottesdienst zu feiern. Wir haben das nur vergessen.“