Stormarn
Fachkräftemangel

Stormarns Handwerker sind über Monate ausgebucht

Die Reinbeker Zimmerei Boysen kann viele Teile in der Halle vorfertigen (v. l.): Torsten Weber mit den Geschäftsführern Kai und Jens Boysen.

Die Reinbeker Zimmerei Boysen kann viele Teile in der Halle vorfertigen (v. l.): Torsten Weber mit den Geschäftsführern Kai und Jens Boysen.

Foto: Melissa Jahn

Auftragsbücher sind voll. Kunden müssen mit einem halben Jahr Wartezeit rechnen. Viele Firmeninhaber gehen bald in Rente.

Ahrensburg/Reinbek. Den Handwerksfirmen im Kreis Stormarn geht es so gut wie lange nicht. Das Statistikamt Nord schätzt den Umsatz für das Jahr 2018 auf Basis der Veränderungsraten aus der vierteljährlichen Konjunkturstatistik auf knapp 29 Milliarden Euro. Zwei Jahre zuvor waren es 26,9 Milliarden. Ein Grund für die vollen Auftragsbücher sind die anhaltend niedrigen Zinsen.

28 Prozent aller Handwerker im Ausbaugewerbe beschäftigt

Die hervorragende wirtschaftliche Situation der Betriebe hat für die Kunden allerdings einen großen Nachteil. Sie müssen mitunter eine Vorlaufzeit von bis zu einem halben Jahr in Kauf nehmen. Da der Altersdurchschnitt der Mitarbeiter in vielen Stormarner Firmen sehr hoch ist und etliche demnächst in Rente gehen, könnte sich diese Situation in den kommenden fünf Jahren dramatisch zuspitzen.

„Die regionale Lage zwischen Hamburg und Lübeck ist vor allem für das Bauhandwerk ideal“, sagt Marcus Krause, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Stormarn. „Nicht nur Kapitalanleger investieren enorm in Immobilien, auch die Wohnungsnot kommt unserer Branche zugute.“ Rund um das Baugewerbe, dem 55 Prozent aller Handwerksbetriebe in Schleswig-Holstein und Hamburg zuzurechnen sind, sei die Konjunkturlage sehr positiv. Allein im Ausbaugewerbe sind 28 Prozent aller Handwerker beschäftigt.

Die Zahl der Lehrlinge steigt dieses Jahr um zwölf Prozent

Die aktuellen Rückmeldungen aus den Firmen deuten darauf hin, dass sich der Trend im Jahr 2020 fortsetzt. Geschäftsführer Krause: „Da die Betriebe voll ausgelastet sind, verlängern sich natürlich auch die Wartezeiten. Kunden müssen realistisch planen und Angebote rechtzeitig einholen.“

Um auf die hohe Nachfrage zu reagieren, suchten die Unternehmen vermehrt Mitarbeiter und Lehrlinge. Besonders beliebt bei jungen Leuten seien nach wie vor Kfz- und Elektrobetriebe. Insgesamt sei Stormarn für seine extrem hohe Ausbildungsbereitschaft bekannt, sagt Krause. So stieg die Zahl der neuen Lehrlinge dieses Jahr um zwölf Prozent. Auf der anderen Seite stehen 80 unbesetzte Ausbildungsstellen, verteilt über alle Handwerksberufe. Die Zahl ist seit Jahren relativ konstant. „Da Stormarn ein Flächenkreis ist, gibt es regionale Probleme“, sagt Krause. „Gerade die nördlich gelegenen Orte rund um Zarpen, aber auch Reinbek und Glinde sind schlecht in die öffentlichen Verkehrswege eingebunden.“

Um nicht abgehängt zu werden, sei es für Unternehmen wichtig, sich zu spezialisieren, sagt Jörg Feddern, Geschäftsführer der Fetech Elektrotechnik GmbH in Ahrensburg. Der Obermeister der Elektro-Innung Stormarn und Delegierte des Landesinnungsverbands Schleswig-Holstein hat sich vor fünfeinhalb Jahren selbstständig gemacht.

Heute betreut Feddern mit seiner Firma vor allem Industriekunden und fertigt Schaltanlagen nach Elektroplänen. „Klassisch Steckdosen einbauen und Kabelschächte klopfen macht jeder“, sagt Jörg Feddern. „Richtig Geld zu verdienen geht dort, wo kein anderer mitmischt.“

Smart-Home-Technologie stelle großen Zweig dar

Elektro-Mobilität, Installation von Ladesäulen und Energiespeicher seien zukunftsträchtige Themen. Ebenso wie die Smart-Home-Technologie, die auch in Privathäusern im Kommen ist. Bereits heute betrage dieser Zweig zehn bis 15 Prozent im Bereich Elektrotechnik. Aber auch Computer und Smartphones gehörten zur Entwicklung dazu. „Die Welt verändert sich durch die multimediale Beeinflussung massiv“, sagt Jörg Feddern. „Um damit klarzukommen, muss man sich ständig weiterbilden.“

Ein traditionelles Unternehmen, das bei Auszubildenden hoch im Kurs ist, ist die Zimmerei Boysen in Reinbek. Zwölf Lehrlinge sind dort beschäftigt. Aktiv suchen musste der Chef seit Jahren nicht. „Holzbau ist innovativ und vielseitig“, sagt Jens Boysen, Zimmermeister und Geschäftsführer. „Wir profitieren davon, dass wir viele Teile in unserer Halle vorfertigen können. Unsere Mitarbeiter sind so nicht ständig Wind und Wetter ausgesetzt.“

Personalmangel dürfte bald das größte Problem werden

Es habe aber auch Jahre mit schlechter Rendite gegeben. Heute seien Aufstockungen und Anbauten in Ballungszentren das Kerngeschäft. Anders als andere Baustoffe sei Holz leicht und dadurch gut zu integrieren. Ein weiteres großes Thema seien energetische Sanierung und Wärmedämmung von Einfamilienhäusern. „Da die Beratung sehr zeitintensiv ist, können wir nicht weiter wachsen“, sagt Boysen. „Wir haben seit zehn Jahren eine stabile Größe und investieren lieber in eine moderne Technik.“

So dürfte der Personalmangel das größte Problem werden. In fünf Jahren erreichten nicht nur etliche Beschäftigte, sondern auch viele Betriebsinhaber das Rentenalter, so der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Marcus Krause. Laut Statistikamt gab es 2016 noch 26.900 Handwerksbetriebe in Schleswig-Holstein und Hamburg – knapp drei Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Wer einen Nachfolger sucht, müsse rechtzeitig starten. Ein Jahr Vorlauf sei für eine Übernahme definitiv zu knapp, so Krause. „Vielleicht gibt es die Möglichkeit, jemanden parallel in den Betrieb zu holen. Aber das ist situationsabhängig.“ Um das bundesweite Problem anzugehen, hat die Handwerkskammer Lübeck eine Betriebsbörse ins Internet gestellt. Dort werden Interessenten intern zusammengeführt, damit Details zu möglichen Geschäftsaufgaben nicht vorab öffentlich werden.

Handwerksbetriebe auf der Suche nach Azubis

Laut der Bundesagentur für Arbeit in Bad Oldesloe sind noch viele Ausbildungsstellen in handwerklichen Berufen im Kreis Stormarn unbesetzt. Im September wurden 231 feie Stellen im Baugewerbe und 188 im verarbeitenden Gewerbe gemeldet. Zu wenig Auszubildende haben vor allem die Metallbau- und Schweißtechniker – zwölf Stellen sind hier aktuell nicht besetzt. Und auch im Bereich der der Energietechnik mangelt es an Interessenten. Hier sind 14 freie Plätze zu vergeben. Im Hochbau fehlen aktuell 13 Auszubildende. Beliebt hingehen sind Ausbildungen zum Kraftfahrzeugmechatroniker, Tischler sowie zum Konstruktionstechniker.