Stormarn
Schule

250 Euro: Gehaltsbonus soll Lehrer aufs Land locken

Eine junge Lehrerin an der Tafel. Wegen des Lehrermangels müssen verstärkt Aushilfspädagogen ohne vollständige Ausbildung eingesetzt werden.

Eine junge Lehrerin an der Tafel. Wegen des Lehrermangels müssen verstärkt Aushilfspädagogen ohne vollständige Ausbildung eingesetzt werden.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Ministerin will jungen Pädagogen mehr zahlen, wenn sie eine Stelle in unbeliebten Regionen annehmen. Experten bezweifeln Wirkung.

Bad Oldesloe. 2386 Kinder besuchen im Kreis Stormarn seit wenigen Tagen die erste Schulklasse. Landesweit sind es 22.400. Doch gerade an den Grundschulen in den ländlichen Regionen gibt es nicht genügend Pädagogen, die die Schulanfänger unterrichten. Abhilfe möchte Bildungsministerin Karin Prien (CDU) mit einem Gehaltsbonus schaffen. Zum Schuljahresauftakt präsentierte sie den Regionalzuschlag: 250 Euro brutto im Monat extra sollen Nachwuchs-Lehrer in unterversorgte Regionen locken.

„Für 259 Stellen werden noch Lehrkräfte gesucht“, sagte die Ressortchefin auf der Pressekonferenz zum Schulstart. Die Ministerin geht davon aus, die ausgeschriebenen Stellen überwiegend besetzen zu können. „Allein in den vergangenen Tagen haben wir 50 weitere Lehrerinnen und Lehrer eingestellt“, so Prien. „Wir haben die Weichen für Schleswig-Holsteins Schulen richtig gestellt“, gab sich Prien mit Blick auf die Zahlen zum Schuljahresauftakt überzeugt. 153 zusätzliche Lehrerstellen habe das Ministerium geschaffen. Die Zahl der Lehrer wächst auf mehr als 28.000 an.

An Grundschulen fehlen die meisten Lehrer

Dennoch: Zum Schuljahresstart fehlen nach Angaben des Ministerium noch 95 Pädagogen an Grundschulen. Auch an den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe (65) und Förderzentren (64) fehlen Lehrkräfte. An jenen Schulformen, die das Abitur als Abschluss anbieten, den Gymnasien (2) und Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe (8) ist Lehrermangel hingegen eher weniger ein Problem. 25 Stellen sind an Berufsschulen noch unbesetzt. Insgesamt ergibt sich nach Angaben des Ministeriums eine Unterrichtsversorgung von 101 Prozent an allgemeinbildenden und 97 Prozent an berufsbildenden Schulen.

Der Lehrermangel macht sich nicht nur bei den verschiedenen Schulformen unterschiedlich stark bemerkbar. Auch regional gibt es starke Unterschiede. Besonders die Nordseeküste gilt als unterversorgt. „Basierend auf objektiven Kriterien, wie etwa den Bewerberzahlen der vergangenen Jahre, erarbeiten wir, in welchen Landkreisen wir durch zusätzliche finanzielle Anreize zur Verbesserung der Situation beitragen können“, erklärte Prien das Konzept des Regionalzuschlags. Profitieren sollen Pädagogen im Vorbereitungsdienst (Referendariat). Für welche Regionen genau der Gehaltsbonus gelten wird, steht aber noch nicht fest. Der Start ist für das zweite Halbjahr mit Beginn im Februar 2020 geplant.

Gewerkschaft bezeichnet die Lage als „kritisch“

Andrea Aust, Kreisvorsitzende der Lehrer-Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Stormarn, hofft, dass auch Stormarn zu den geförderten Regionen zählen wird: „In den Kreisen Steinburg und Dithmarschen ist die Situation besonders schlecht, doch auch im Hamburger Umland ist die Lage kritisch bis sehr kritisch“. Junge Lehrer ziehe es in die Städte: „Flensburg, Kiel oder Hamburg sind mit einem vielfältigen kulturellen Angebot und einem gut ausgebauten Nahverkehrsnetz attraktiver.“

Im Hamburger Umland trage zudem die höhere Besoldung junger Pädagogen im Nachbarbundesland dazu bei, die Attraktivität der Hansestadt zu steigern. „Das Einstiegsgehalt für Lehrer liegt in Hamburg rund 100 Euro über dem in Schleswig-Holstein“, so Aust. Die Gewerkschafterin betont aber: „Es ist schwer abzuschätzen, in welchem Maße hier tatsächlich eine Abwerbung erfolgt.“ Auch die FDP-Schulexpertin Anita Klahn sagt: „Es ist völlig klar, dass die Stormarner Schulen in Konkurrenz zu Hamburg stehen.“ Lehrer dort würden besser bezahlt, Hamburg sei finanziell attraktiver. Als Folge des Mangels an ausgebildeten Pädagogen müssten Aushilfskräfte die Lücken schließen, sagt Stormarns Schulrat Michael Rebling. „Wir sind zwar gut besetzt und es wird keine Unterrichtsausfälle durch Lehrermangel geben, aber dafür mussten einige Stellen mit Vertretungslehrern besetzt werden, die kein zweites Staatsexamen haben“, sagt er. Er könne allerdings nur für die Grundschulen im Kreis sprechen, denn die weiterführenden Schulen würden selbst ihre Personalentscheidungen treffen.

SPD-Politiker kritisiert unvollständige Ausbildung

Landesweit wurden nach Angaben des Ministeriums zum Schuljahr 2019/20 81 „Quereinsteiger“ neu eingestellt. Die fehlende pädagogische Ausbildung vieler Lehrkräfte kritisiert der Reinbeker SPD-Landtagsabgeordnete Martin Habersaat. Der bildungspolitische Sprecher der sozialdemokratischen Landtagsfraktion, der selbst studierter Gymnasiallehrer ist, sagt: „Im vergangenen Schuljahr waren von landesweit 22.000 Lehrerstellen 882 mit Personen besetzt, die keine vollständige pädagogische Ausbildung besitzen.“ Am stärksten seien die kreisfreien Städte und die vier Hamburger Randkreise, darunter auch Stormarn, betroffen. „Rechnerisch waren mehr als zwei Stellen je Schule mit Vertretungskräften besetzt.“

Ob der Regionalzuschlag Abhilfe schaffen könnte, darüber sind Stormarner Bildungsexperten uneins. „Ob mehr Geld junge Kollegen wirklich in die betroffenen Regionen locken kann, lässt sich nicht einschätzen“, sagt GEW-Chefin Andrea Aust, lobt das Konzept aber als „richtigen ersten Schritt“. Auch Anita Klahn sieht im Regionalzuschlag einen Ansatz, „der es Wert ist, getestet zu werden.“ Allerdings komme es darauf an, die Pädagogen auch nach dem Referendariat in den Regionen zu halten. Hier halte sie die von der Landesregierung beschlossene Anhebung des Gehalts für Grundschullehrer für einen richtigen Schritt.

Martin Habersaat befürchtet, dass der Zuschlag für Stormarn nachteilige Auswirkungen haben könnte: „Wenn Stormarn nicht zu den geförderten Regionen zählt – was ich für wahrscheinlich halte – hätten wir künftig nicht nur Hamburg und Niedersachsen als besser zahlende Konkurrenz im Süden, sondern auch die Kreise im Norden.“