Strassenschäden

Wegen Bröselbeton: Tempo 80 auf der Autobahn 1

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Dorothea Benedikt
Löcher und Risse, die der Betonkrebs in die A 1 zwischen Ahrensburg und dem Autobahnkreuz Bargteheide reißt, werden notdürftig geflickt.

Löcher und Risse, die der Betonkrebs in die A 1 zwischen Ahrensburg und dem Autobahnkreuz Bargteheide reißt, werden notdürftig geflickt.

Foto: Dorothea Benedikt

Wegen Löchern und Netzrissen auf der Fahrbahnoberfläche wurde zwischen Ahrensburg und Bargteheide ein Tempolimit eingeführt.

Todendorf.  Die Diagnose: Betonkrebs. Das Krankheitsbild: Löcher und Netzrisse auf der Fahrbahnoberfläche. Besonders Pendler und Lastwagenfahrer sind derzeit von der Alkali-Kieselsäure-Reaktion betroffen. Denn der chemische Prozess, der auch Betonkrebs genannt wird, frisst sich derzeit durch die Fahrbahn der Autobahn 1.

Die Schäden sind inzwischen so groß, dass auf einem etwa vier Kilometer langen Abschnitt zwischen der Anschlussstelle Ahrensburg und dem Autobahnkreuz Bargteheide ein Tempolimit eingeführt wurde. Statt mit 120 km/h können Autofahrer nur noch mit Tempo 80 in dem Bereich in Richtung Norden unterwegs sein.

Fahrbahn wird erst im kommenden Jahr erneuert

Dieser Zustand wird sich in 2019 auch nicht mehr ändern. Denn eine Sanierung der 23 Jahre alten Betonfahrbahn ist frühestens im kommenden Jahr möglich. Dagmar Barkmann, Sprecherin des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr (LBV), erklärt: „Der betroffene Autobahnabschnitt ist ein Teil der Umleitungsstrecke während des dreistreifigen Ausbaus der B 404 südlich der Autobahn 1.“ Bis Ende dieses Jahres bleibt die Bundesstraße gesperrt. Zudem benötige der LBV noch Zeit, um die Ausschreibung der Aufträge vorzubereiten. „Und für die Vergabe der Bauleistung wird ebenfalls Zeit benötigt“, sagt Barkmann. Deswegen könne auch noch nicht genau gesagt werden, wann die Fahrbahn im kommenden Jahr erneuert werde.

Unklar war lange Zeit auch der Grund für Risse in der Autobahn, die sich insbesondere an den Fugenkreuzen bildeten. „Die ersten minimalen Schäden traten vor einigen Jahren als kleine Haar- und Netzrisse an der Betonoberfläche auf“, so Barkmann. Eine Erklärung hatten der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr für die Schäden damals nicht. Deswegen seien externe Straßenbauexperten beauftragt worden, die Ursachen für die Schäden zu ermitteln. Daraus entwickelte sich eine aufwendige wissenschaftliche Untersuchung.

Gelartige Substanz sprengt Betondecke von innen

„Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, wurden von Fachleuten Bohrkerne gezogen und Betonuntersuchungen durchgeführt“, sagt Dagmar Barkmann und fügt hinzu: „Zudem ist ein wissenschaftlicher Gutachter als Spezialist in der Betontechnologie beauftragt worden, der sehr umfangreiche weitere Untersuchungen durchführte.“ Die Experten kamen letztlich zu dem Ergebnis, dass es sich um Betonkrebs handelt. Bei Reaktion zwischen den Alkalien im Beton und aus dem Kies austretender Kieselsäure bildet sich eine Art Gel. In der Betondecke nimmt diese Substanz an Volumen zu. Die Folge: Die Betondecke wird quasi von innen gesprengt. Der LBV erklärt, dass dieser Vorgang allerdings in einem sehr langsamen Tempo stattfinde.

Warum es auf dem Autobahnabschnitt zu dieser chemischen Reaktion im Beton gekommen ist, ist unklar. Dagmar Barkmann betont jedoch, Betonkrebs sei nicht auf mindere Qualitäten von Beton oder anderen Baustoffe zurückzuführen.

Dass die Autobahn 1 zwischen Hamburg und Lübeck immer wieder an Betonkrankheiten leidet, bescherte ihr inzwischen schon den Beinamen „Pannen-Autobahn“. Erst im vergangenen Sommer litt der Beton kurz vor dem Autobahnkreuz Bargteheide in Richtung Süden an einer Art Hitze-Allergie. Experten sprechen vom sogenannten „Blow-Up“. Wegen der Hitze dehnt sich der Beton so stark, dass die Fahrbahn sich nach oben wölbt und letztlich bricht. Tellergroße Betonbrocken lösten sich 2018 aus der Fahrbahndecke.

Betonoberfläche bei Stapelfeld wurde zuletzt behandelt

Eine Art Hautkrankheit ist erst vor einigen Tagen auf der A 1 zwischen Stapelfeld und Barsbüttel behandelt worden. Auf einem rund vier Kilometer langen Abschnitt in Richtung Hamburg musste die Fahrbahnoberfläche nachgeschliffen werden. Die Struktur war mangelhaft, laute Fahrgeräusche waren die Folge.

In diesem Fall waren aber weder eine chemische noch eine physikalische Reaktion der Grund, sondern Baumängel. Erst 2017 wurde der 4,4 Kilometer lange Abschnitt grunderneuert. Wegen technischer Probleme konnte die Baufirma die Betondecke aber nicht in einem Guss auftragen. Die Maschine musste immer wieder neu angesetzt werden. Deswegen war die Betondecke nicht ebenmäßig. Also musste sie an einigen Stellen abgeschliffen werden. Dies führte wiederum dazu, dass auf einigen Abschnitten die Oberflächenstruktur zerstört wurde. Dieses Manko ist zwar schon bei einer Abnahme im Dezember 2017 festgestellt worden, doch erst jetzt wurde nachgebessert. Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) sprach von „schwierigen Verhandlungen über die Gewährleistungsarbeiten“. Letztlich kam es laut Buchholz zur Einigung mit der Baufirma, die auf eigene Kosten die 200.000 Euro teure Reparatur ausführte.

Mehrere Millionen Euro verschlang hingegen die Reparatur einer 2010 frisch sanierten Betondecke zwischen dem Kreuz Bargteheide und Bad Oldesloe. Die Diagnose damals: zu weicher Beton. Die Folge: Die nigelnagelneue und rund sechs Kilometer lange Fahrbahn musste abgerissen und neu gebaut werden.

2014 dann die nächste Panne, für die diesmal nicht der Beton verantwortlich war. Nachdem für 23 Millionen Euro die Autobahn zwischen Bad Oldesloe und Reinfeld saniert wurde, sorgte Starkregen für einen Erdrutsch an einer Brücke über die Trave. Ein Fahrstreifen musste daraufhin gesperrt werden, zudem durften Autofahrer nur noch mit Tempo 80 über die Brücke fahren – genauso wie jetzt wegen des Betonkrebses zwischen Ahrensburg und dem Autobahnkreuz Bargteheide.

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