Stormarn
Aktion

Stolpersteine: Reinbek erinnert an Opfer der Nazis

Katja Demnig und Bürgermeister Björn Warmer stehen vor dem Haus, in dem die NS-Opfer Elene Ilse Talke und Heinz-Martin Talke lebten.

Katja Demnig und Bürgermeister Björn Warmer stehen vor dem Haus, in dem die NS-Opfer Elene Ilse Talke und Heinz-Martin Talke lebten.

Foto: HA / Dorothea Benedikt

In der Lindenstraße werden zwei Steine verlegt. Schüler der Sachsenwaldschule initiierten die Aktion.

Reinbek. Wenige Schläge mit einem Gummihammer und etwas Sand zum Verfugen – dann sind die 9,6 mal 9,6 Zentimeter großen Stolpersteine in der Lindenstraße in Reinbek versenkt. Für rund 30 Schüler der Sachsenwaldschule ist es ein besonderer Moment. Ihre monatelangen Recherchen und ihr Engagement führten dazu, dass an das Schicksal der NS-Opfer Helene Ilse Talke und ihres Sohns Heinz-Martin Talke gedacht wird.

Seit September 2016 beschäftigten sich die Mädchen und Jungen des Wahlpflichtfachs Geschichte mit dem Leben und Schicksal von Juden in Reinbek. „Wir konnten das Thema selbst wählen“, sagt der 16-jährige William. Schnell wurde dabei das Projekt Stolpersteine initiiert. „Ausgehend von den bereits verlegten Stolpersteinen sollte geprüft werden, ob weitere verlegt werden sollten“, sagt Ronald Monem, Lehrer des Geschichtskurses.

Nachbarn melden die Jüdin immer wieder bei der Gestapo

William: „Wir haben uns dann privat informiert und im Internet recherchiert.“ Unterstützung gab es auch vom Stadtarchiv. Die Schüler stießen auf die NS-Opfer Helene Ilse und Heinz-Martin Talke. „Es ist erschreckend, wie beide gelitten haben“, sagt die 14 Jahre alte Nele.

Helene Ilse Bernstein wird am 23. März 1899 in Braunschweig geboren. Mit 21 Jahren heiratet sie 1920 den nichtjüdischen Ingenieur Hermann Talke, legt ihre Religionszugehörigkeit ab. Im selben Jahr kommt Sohn Heinz-Martin zur Welt. Fünf Jahre später wird die Ehe geschieden. 1938 zieht die damals 39-Jährige mit ihrem Sohn nach Reinbek.

1942 kam Talke nach Theresienstadt und überlebte

Dort beginnt ein jahrelanger Leidensweg. Anwohner der Lindenstraße zeigen die Frau immer wieder bei der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) an. Später berichtet Talke: Durch fortwährende Denunzierung „bekam ich dauernd Vorladungen der Gestapo auf das Bürgermeisteramt in Reinbek“. Letztendlich wurde von der Jüdin verlangt, ihren Wohnort zu verlassen. „Unter den größten Schwierigkeiten und Geldopfern zog ich nach Hamburg“, ist in einem Schriftstück zu lesen.

Solange ihr Sohn noch nicht volljährig war – die Grenze lag bei 21 Jahren – und sie ihn christlich erzog, stand Talke unter bedingtem Schutz. Dieser endete im Juli 1941. Es folgten Zwangsarbeit und 1942 die Deportation ins Ghetto Theresienstadt. Im März 1943 wurde auch ihre Mutter Johanna Bernstein von Hamburg aus in das Durchgangslager in der Nähe von Prag gebracht. Nur wenige Wochen später starb sie im Alter von 75 Jahren.

In Europa gibt es bereits 73.000 Stolpersteine

Helene Ilse Talke überlebte und kehrte am 8. August 1945 zurück nach Hamburg. „Sie hat sich einen Anwalt gesucht und Briefe an das Wiedergutmachungsamt geschickt“, sagt die 14 Jahre alte Schülerin Alexandra, die mit ihren Mitschülern die Briefe im Unterricht gelesen hat. „In einem Brief listet sie auf, was sie alles wiederhaben möchte. Auch ein Radio ist dort aufgeführt“, sagt die 14-Jährige Amelie, die dieses Detail genau behalten hat. Die Spur von Heinz-Martin Talke konnten die Gymnasiasten nicht mehr rekonstruieren.

Mit dem Verlegen der Stolpersteine will der Künstler Gunter Demnig die Erinnerung an NS-Opfer aus der Nachbarschaft wachhalten. Seine Frau Katja Demnig war am Dienstag zur Verlegung der beiden Gedenksteine nach Reinbek gekommen. „In Europa gibt es inzwischen 73.000 Stolpersteine, den Großteil in Deutschland“, sagt Demnig, die über das Projekt an der Sachsenwaldschule regelmäßig per E-Mail auf dem Laufenden gehalten wurde und das Engagement der Schüler schätzt.

Reinbeks Bürgermeister Björn Warmer bezeichnet die Stolpersteine als das größte dezentrale Mahnmal. Mit den beiden Steinen, die in die Lindenstraße vor der Hausnummer 25 eingelassen wurden, hat die Stadt sieben solcher Gedenktafeln aus Messing. „Sie werden bewusst dort verlegt, wo die verfolgten Menschen ihren Wohnort hatten“, sagte Warmer, der sichtlich stolz auf die Schüler ist, die die Menschen über „ein dunkles Kapitel der Stadt stolpern lassen“.