Vitale Innenstadt

Stormarns Städter: Weniger Autos, mehr Leben in die City!

| Lesedauer: 5 Minuten
Finn Fischer, Eileen Meinkeund Filip Schwen
Kirsten (53) und Thomas (57) Waszer aus Labenz loben das breite Angebot an Geschäften in Ahrensburg, vermissen aber „mehr Grün“.

Kirsten (53) und Thomas (57) Waszer aus Labenz loben das breite Angebot an Geschäften in Ahrensburg, vermissen aber „mehr Grün“.

Foto: Eileen Meinke

Umfragen zeigen, dass Kunden in Stormarns Städten und Mittelzentren immer mehr Wert auf eine gute Aufenthaltsqualität legen.

Bad Oldesloe/Reinbek.  Rein theoretisch muss niemand mehr das Haus verlassen, um einzukaufen. Fast alles lässt sich online bestellen und an die Wohnungstür liefern. Das bringt Einzelhändler und Stadtverwaltungen in Zugzwang – vor allem in Mittelzentren wie Ahrensburg oder Städten wie Reinbek oder Bad Oldesloe. Die Kreisstadt versucht mit regelmäßigen Umfragen zu ermitteln, welche Ansprüche die Menschen an eine „vitale Innenstadt“ haben. Das Abendblatt befragte zudem Kunden in anderen Städten, was sie sich für ihre „lebendige Stadt“ wünschen.

Beide Umfragen zeigen: Neben vielseitigen Sortimenten geht es bei den Wünschen vor allem um Aufenthaltsqualität, die vielerorts vermisst wird. Es gab Zeiten, in denen in der Oldesloer Fußgängerzone buchstäblich nicht viel zu holen war. Der Onlinehandel ließ Geschäfte pleite gehen. Der daraus resultierende Leerstand vertrieb weitere Kunden. Der Innenstadt drohte die Verödung. Die Stadt reagierte. Durch ein Ladenflächenmanagement stehen mittlerweile nur noch vereinzelt Läden leer.

Kunden geben Oldesloes Innenstadt nur die Note 3

Doch das macht noch lange keine attraktive Fußgängerzone aus, wie die jetzt vorgestellte Studie „Vitale Innenstädte 2018“ zeigt. Das Institut für Handelsforschung (IFH) Köln befragte Kunden in bundesweit 116 Städten – auch in Bad Oldesloe. Ergebnis: Die Kreisstadt hat in Sachen Attraktivität Nachholbedarf. Im Vergleich zu 36 anderen Städten mit einer ähnlichen Größe liegt Bad Oldesloe im unteren Mittelfeld, was die Zufriedenheit von Besuchern der Fußgängerzone angeht. In Schulnoten ausgerückt gaben die Befragten der Innenstadt eine 3,3 – befriedigend. Damit hat sich die Stadt im Vergleich zur Umfrage von vor zwei Jahren sogar verschlechtert.

„Das Ergebnis hat uns etwas enttäuscht“, sagte die Oldesloer Ladenflächenmanagerin Inke Koch. Die Verwaltung habe viele Bemühungen angestellt, die Attraktivität zu steigern. Bei den Kunden ist das offenbar nicht angekommen. Schlechte Noten gab es etwa für das als mangelhaft empfundene Freizeitangebot – und das, obwohl Kultur- und Bildungszentrum und Kino neu eröffneten. Als mangelhaft bis unbefriedigend bewertet wurden auch die „Lebendigkeit der Innenstadt“ und fehlende Sehenswürdigkeiten. Besucher wollen mehr Außengastronomie und ein Geschäft mit Unterhaltungselektronik.

Mit einem Ladenflächenmanagement könne eine Stadt viel beeinflussen, aber nicht alles. Auch der Einzelhandel sei in der Pflicht, sich anzupassen, wie Nicolaus Sondermann sagt. Der Senior Projektmanager des IFH Köln hatte die Ergebnisse der Umfrage im Kultur- und Bildungszentrum vorgestellt: „Nicht jeder Händler braucht einen Onlineshop, aber ein Infoangebot im Internet.“ Eine Website sei unumgänglich, um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben. „Das erwarten die Kunden“, sagt er. So informieren sich mittlerweile rund 45 Prozent der Käufer im Vorfeld im Internet, bevor sie „stationär kaufen“.

„Ahrensburg wirkt erst im Sommer wirklich lebendig“

Viele Erkenntnisse aus der Umfrage lassen sich auf andere Städte in Stormarn übertragen. Grundsätzlich legen Kunden neben einem möglichst breiten Angebot an Sortimenten und Dienstleistungen immer mehr Wert auf die Aufenthaltsqualität – und auf Gastronomie. Vor allem sichtbare Außengastronomie kann den Unterschied ausmachen. Das Abendblatt hat Kunden in anderen Stormarner Städten befragt. „Eigentlich finde ich es schön hier in Ahrensburg, allerdings wirkt die Stadt erst im Sommer wirklich lebendig“, sagt Claudia Schob (53). Kritik gibt es auch daran, dass Autos das Stadtbild dominieren.

„Das Angebot an Geschäften ist allerdings toll“, meinen Kirsten (53) und Thomas Waszer (57) aus Labenz, die gern in Ahrensburg zu Gast sind. „Die Stadt könnte aber etwas mehr Grün vertragen.“ Thomas Zehnder aus Bargtheide wünscht sich eine lebendige Innenstadt: „Für mich am Wichtigsten, dass eine breite Auswahl an Geschäften vor Ort erhalten bleibt. Ich möchte alle Dinge des täglichen Bedarfs in Bargteheide kaufen können.“ Der Bargteheider stört sich aber an dem Verkehr auf der Rathausstraße: „Die hat eher den Charakter einer Durchgangsstraße und es ist laut.“ Eine Fußgängerzone sei denkbar, aber nur, wenn es genügend Parkmöglichkeiten abseits der Rathausstraße gäbe. Andrade Bauer (50) wünscht sich mehr Vitalität für die Innenstadt von Reinbek. Sie sagt: „Selbst am Wochenende ist hier leider wenig los, ich denke auch das liegt an den wenigen Treffpunkten und Lokalitäten, die es hier gibt.“

Bad Oldesloe will Fußgängerzone optisch auswerten

Marion Behrendt (71) ist in Glinde aufgewachsen und besucht häufig die Innenstadt. Sie vermisst den dörflichen Charakter von früher, findet, dass Glinde „immer größer wird.“ Auch sei es, von den Markttagen abgesehen, wenig belebt. Bad Oldesloe will die Fußgängerzone zunächst optisch aufwerten. Im Mai werden an Straßenlaternen Blumenampeln angebracht. Mit Blick auf die anstehende Sanierung der Fußgängerzone wollte die Stadt auf diesen Kostenfaktor eigentlich verzichten, entschloss sich dann aber doch für die Beauftragung eines Unternehmens.

Von der Sanierung von Hagenstraße, Marktplatz und Fußgängerzone erhofft sich Bürgermeister Jörg Lembke langfristig einen Aufschwung: „Wir wissen, dass die Bauphasen für den Einzelhandel erst mal Einschnitte bedeuten. Aber anschließend könnten die Umsätze durch neue Besucher gesteigert werden.“ So zumindest die Hoffnung.

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