Stormarn
Plattdeutscher Gottesdienst

Ein Quer-Denker aus Hoisbüttel mit vielen Liedern

Cord Denker war 24 Jahre Pastor in Bargteheide, im Jahr 2001 ging er in den Ruhestand. In Hoisbüttel hält Cord Denker regelmäßig Gottesdienste auf Platt.

Cord Denker war 24 Jahre Pastor in Bargteheide, im Jahr 2001 ging er in den Ruhestand. In Hoisbüttel hält Cord Denker regelmäßig Gottesdienste auf Platt.

Foto: Sebastian Knorr

Der frühere Bargteheider Pastor Cord Denker singt und betet auf Platt. Bei seinen Gottesfesten ist der 68er-Zeitgeist spürbar.

Hoisbüttel.  Etwa zehn Mal im Jahr heißt im Ammersbeker Ortsteil Hoisbüttel der Gottesdienst nicht Dienst, sondern Fest: „plattdüütsch Gottesfest“. Dann steht Cord Denker, Jahrgang 1936, am Pult. Wie heute. Um den Hals hat der ehemalige Bargteheider Pastor seine Gitarre gelegt. Die Stimme kratzt nach einer langen Grippe noch ein bisschen, aber wenn er singt, klingt sie wieder gut. Er betet, predigt und schnackt – op Platt – mit seiner Gemeinde über Politik und das Leben.

Um Gott geht es natürlich auch: „Aber die Bibel“, sagt Denker bei einer Tasse Kaffee nach dem Gottesdienst, „kann ich nur politisch verstehen.“ Das „plattdüütsch Gottesfest“ sei für ihn eine Alternative zu vielen „stinklangweiligen Gottesdiensten“ im Land. Vor zwei Wochen, erzählt Denker, haben sie hier auch einen Faschings-Gottesdienst gemacht. Und zum Thema Glauben? „Ich bin ein Suchender.“

Als Kind war der Theologe ein überzeugter Nazi

Von Orientierungslosigkeit kann bei dem sympathischen Mann mit den wachen Augen aber nicht die Rede sein. Er ist vielmehr mit gesunder Neugier gesegnet. Sie bringt den ehemaligen Pastor immer wieder auf neue Gedanken, die er in Versen ausdrückt: Rund 1000 Liedtexte zu alten Melodien sind so in den vergangenen Jahren entstanden – plattdeutsche und hochdeutsche Varianten. „Einige Lieder habe ich bis zu 20-mal umgeschrieben“, sagt er, „jeweils passend zur aktuellen Situation.“ Mit seinen Liedern soll Denker jetzt auch in das „Liederatur“-Buch des Schleswig-Holsteinischen Heimatbunds: ein Songbuch für das flache Land zwischen Nord- und Ostsee. Welche Titel er einschicken wird, weiß Denker, der zum 150. Jubiläum im vergangenen Jahr auch eine Stormarn-Hymne geschrieben hat, noch nicht. Ende November ist Einsendeschluss.

Neun seiner selbst verfassten Stücke stehen heute auf dem Liederzettel des Gottesdienstes. Darunter auch ein englisches: Das Angelsächsische sei ja auch wie ein plattdeutscher Dialekt, sagt er schmunzelnd. Aber es geht um mehr: „European Common Sense“ heißt das Lied: europäischer gesunder Menschenverstand. Gesungen auf der Melodie von „Freude, schöner Götterfunken“. Ein Anti-Brexit-Lied im plattdeutschen Gottesdienst auf dem Dorf.

Denker ist in Hamburg-Schnelsen groß geworden, eine Kindheit im nationalsozialistischen Deutschland. Dass er nicht in die Hitlerjugend kam, weil er bei Ende des Krieges das Eintrittsalter von zehn Jahren um ein Jahr verpasst hat, sei damals sein größter Kummer gewesen: „Ich war überzeugter Nazi, wie wir alle“, sagt Denker. Im Hamburger Norden hat er 1943 auch die Operation Gomorrha erlebt: „Ich habe zwischen den brennenden Häusern gesessen und meine Sprache verloren.“ Nach dem Krieg sei er dann völlig ohne Orientierung gewesen.

Zum Niederdeutsch kam Denker während der Studentenrevolte

Denker kam zu einer Jugendgruppe in die evangelische Kirche. „Das war eine breite Bewegung damals mit Diskussionen, Musik, Gemeinschaft und Gebet“, erinnert er sich. Nach einer Lehre zum Maschinenschlosser ging es dann an die Universität zum Theologiestudium. Mitten in die Wirren der 1968er-Jahre. „Alle denken in die eine Richtung, nur Sie denken anders herum“, habe ihm nach dem zweiten Staatsexamen einmal ein Pastor bei einer Dienstbesprechung gesagt. Es war nicht als Kompliment gemeint, auch wenn es heute so verstanden werden darf. Denker war damals, mitgerissen von den Studentenprotesten, mit acht anderen Vikaren in einer Gruppe gegen das Establishment.

Der Geist dieser Zeit ist auch im heutigen „plattdüütsch Gottesfest“ zu spüren. Zum Niederdeutschen kam Denker übrigens während der Studentenrevolten: Junge Menschen hätten sich damals in der Kirche der Sprache bedient, weil sie von den Konservativen mundtot gemacht worden seien. In diese Zeit fallen auch Denkers erste Verse: Spotttexte auf Gesangbuchlieder.

Aufgepasst: Musik gesucht!

Der Schleswig-Holsteinische Heimatbund (SHHB) sucht für ein „Liederatur“-Buch traditionelle, aktuelle, eigene und landläufige Musikstücke aus der Region. Eingesendet werden dürfen zudem Fotos, Abbildungen, Zeichnungen, Zeitungsartikel, Erinnerungen und Geschichten zu den Liedern. Einsendeschluss ist Ende November 2019. Zuschriften gehen unter dem Stichwort „Singen-Heute“ an den SHHB, der unter der Adresse Hamburger Landstraße 101, 24113 Molfsee oder per Mail (j.graf@heimatbund.de) zu erreichen ist.