Stormarn
Gefahr wächst

Mehr Polizisten werden bei Angriffen verletzt

So ähnlich wie auf diesem Symbolfoto ist am 7. Oktober 2018 in Bad Oldesloe ein Mann mit einem Messer auf Polizisten losgegangen. Die Beamten schossen auf den Angreifer, der dabei getötet wurde.

So ähnlich wie auf diesem Symbolfoto ist am 7. Oktober 2018 in Bad Oldesloe ein Mann mit einem Messer auf Polizisten losgegangen. Die Beamten schossen auf den Angreifer, der dabei getötet wurde.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jochen Tack / picture alliance / imageBROKER

Studie untersucht, welche Situationen gefährlich sind. Land prüft derzeit Bodycams. Gewerkschaft fordert Test von Elektrotasern.

Ahrensburg/Kiel.  In Schleswig-Holstein werden immer mehr Polizisten bei Angriffen im Dienst verletzt. 396 Beamte waren es laut Innenministerium im vergangenen Jahr. Davon erlitten zehn Polizisten schwere Verletzungen. 2017 waren 306 Beamte bei Übergriffen verletzt worden, darunter sechs schwer.

Die Zahl der Angriffe auf die Einsatzkräfte ist im vergangenen Jahr nahezu konstant geblieben. 1290 Taten wurden 2018 registriert, 17 sogenannte Widerstandshandlungen weniger als 2017. Wie viele Polizisten im vergangenen Jahr im Kreis Stormarn Opfer von Angreifern geworden sind, will die zuständige Polizeidirektion in Ratzburg momentan nicht verraten. Die Zahlen seien noch nicht freigegeben, heißt es von der Behörde, die nur die Übergriffe aus dem Jahr 2017 öffentlich nennt.

Oft spielen Alkohol und Drogen eine Rolle

2017 war es in Stormarn zu 43 Widerstandhandlungen gekommen, die zur Anzeige gebracht wurden. 24 Polizisten wurden dabei leicht verletzt. Wie schnell eine Situation eskalieren kann und Polizisten plötzlich angegriffen werden, weiß Marco Hecht-Hinz, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in den Kreisen Stormarn und Herzogtum Lauenburg, genau. „Oft spielen Alkohol und Drogen oder psychische Probleme ein Rolle“, sagt Hecht-Hinz, der in der Ahrensburger Wache arbeitet.

Typische Situationen, in den die Helfer angegriffen werden, gebe es nicht. „Vor Kurzem sind Kollegen an einem Sonntag um 8 Uhr zu einem Einsatz nach Trittau gefahren und wurden dort von einem Randalierer angegriffen“, sagt Hecht-Hinz. Auch bei Familienstreitigkeiten kann es für Polizisten, die schlichten wollen, schnell gefährlich werden. „Nicht selten beobachten wir bei Ehestreitigkeiten einen Solidarisierungseffekt. Eben habe sich die Eheleute noch gegenseitig bekämpft, und plötzlich gegen sie zusammen auf die Polizei los“, sagt Hecht-Hinz. Das seien unangenehme Situationen.

Neue Weste schützt besser gegen Messerattacken

Mehr Informationen darüber, wann es für Polizisten gefährlich werden kann, erhofft sich das Landeskriminalamt in Kiel von einer derzeit laufenden Studie. Das LKA untersucht dafür die Fälle, in denen Beamten angegriffen wurden.

Schutz bietet in solch einer Situation die Ausrüstung. „Und da hat die Landesregierung viel für uns getan. Wir sind gut aufgestellt“, sagt der Polizeigewerkschafter. So biete eine neue Weste mehr Schutz vor Angriffen mit Messern. Zudem haben die Polizisten Pfefferspray und Schlagstock dabei. „Als letztes Mittel haben wir unsere Schusswaffe“, sagt Hecht-Hinz.

Taser setzen Angreifer für Sekunden außer Gefecht

odycams wiken manchmal Einen solchen Fall gab es im Oktober vergangenen Jahres in Bad Oldesloe. Ein 21 Jahre alter Obdachloser ging mit einem Messer auf zwei Polizisten los. Ein Warnschuss in die Luft und der Einsatz von Pfefferspray hätten keine Wirkung gezeigt. Ein Beamter schoss den psychisch kranken Mann nieder, der starb.

„Das ist der Worst Case“, sagt Marco Hecht-Hinz und appelliert an die Polizeiführung, sogenannte Taser zu testen. Das sind Elektroschockpistolen, die aus mehreren Metern Distanz abgefeuert werden und Angreifer für Sekunden außer Gefecht setzen. Ob die Landesregierung einer Testphase zustimmt, ist noch unklar. Geprüft wird derzeit der Einsatz von Bodycams, die Übergriffe verhindern sollen. Gut sichtbar tragen Polizisten eine Kamera an ihrer Weste auf Schulterhöhe. Filmen sie bei Einsätzen, kann sich das Gegenüber auf einem kleinen Display sehen.

Polizeidirektion bekommt 34 zusätzliche Streifenbeamte

Seit Juni 2018 testen Beamte in Lübeck, Kiel und bei der Einsatzhundertschaft in Eutin die Körperkameras. 40 Geräte sind derzeit im Einsatz. Bislang haben Beamte 127-mal bei einem Einsatz gefilmt. 47-mal zur Beweissicherung und 80-mal zur Gefahrenabwehr, heißt es aus dem Landespolizeiamt. Bis Juli dieses Jahres soll das Pilotprojekt noch dauern. „Für ein Fazit ist es daher zu früh“, sagt der Sprecher der Landespolizei, Torge Stelck. Nach ersten Rückmeldungen von Kollegen hätten die Kameras in einigen eine deeskalierende Wirkung. „Zum Teil aber auch nicht“, so Stelck.

Polizeidirektor Jürgen Funk, der Chef aller Polizisten in den Kreisen Stormarn und Herzogtum Lauenburg ist, begrüßt das Pilotprojekt: „Die Bodycam kann grundsätzlich dazu beitragen, Gewalt gegen Polizeibeamte und die Folgen zu minimieren. Sie wurde bereits in anderen Bundesländern als eskalationsmindernd und damit auch vermeintlich gewaltreduzierend erfolgreich erprobt.“

Es dauert oft lange, bis Verstärkung kommt

Die Gewerkschaft der Polizei steht dem Pilotprojekt positiv gegenüber. „Wenn es hilft, Übergriffe zu vermeiden, ist es sinnvoll“, so Hecht-Hinz. Er betont, dass selbst die beste Schutzausrüstung und technische Ausstattung nichts bringe, wenn zu wenig Polizisten zum Einsatz fahren. Insbesondere in den ländlichen Regionen Stormarns dauere es oft lange, bis Verstärkung komme. Situationen, in denen zwei Polizisten einer Gruppe aggressiver Menschen gegenüberstehen, seien keine Seltenheit.

Um mehr Personal auf die Straße zu bringen, werden seit 2016 zusätzlich 500 Polizisten ausgebildet. Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) hat jetzt die Verteilung der Beamten veröffentlicht. So bekommt die Polizeidirektion in Ratzeburg 34 zusätzliche Streifenbeamte. Die ersten schließen im Sommer dieses Jahres ihre Ausbildung ab.