Stormarn
Pilotprojekt

Bargteheide: Dialog statt Noten in der Unterstufe

Die Schüler der Anne-Frank-Schule in Bargteheide bereiten ihre Portfolio-Gespräche vor. Schulleiter Marcel Fell begleitet den Prozess.

Die Schüler der Anne-Frank-Schule in Bargteheide bereiten ihre Portfolio-Gespräche vor. Schulleiter Marcel Fell begleitet den Prozess.

Foto: Melissa Jahn

Das Bildungsministerium in Kiel genehmigt ein Pilotprojekt an der Anne-Frank-Schule. Portfolio-Gespräche sollen Schüler besser stärken.

Bargteheide/Kiel.  Mappen und Gespräche statt Noten – als eine „kleine Revolution“ bezeichnet Schulleiter Marcel Fell das Bewertungssystem von Schülerleistungen an der Bargteheider Anne-Frank-Schule. Die Kinder der Klassenstufen fünf bis sieben stellen ihr Wissen in sogenannten Portfolio-Gesprächen dar. Durch diesen in Schleswig-Holstein einzigartigen Ansatz der „besten Schule Deutschlands“ sollen Schüler aktiv in ihren individuellen Lernprozess einbezogen werden und üben, Verantwortung zu übernehmen. Das Bildungsministerium in Kiel hat das Pilotprojekt für die nächsten vier Jahre genehmigt. Zudem ist geplant, den Modellversuch auf eine begrenzte Zahl von Gemeinschaftsschulen zu übertragen.

Ein gelungenes Kunstprojekt, ein Plakat aus dem Weltkundeunterricht oder eine Buchvorstellung: Wenn es für andere Kinder auf die Zeugnisvergabe zugeht, muss Chaly (14) überlegen, welche Leistungen sie Eltern und Lehrer präsentieren möchte. Im Fach Englisch entscheidet sie sich für zwei Vokabeltests – einen schlechten und einen guten. „Das Portfolio spiegelt nicht automatisch die guten Leistungen wider, sondern zeigt den aktuellen Stand“, sagt Ulrike Beyer, Schulelternbeirat an der Anne-Frank-Schule. „Mit den Vokabeltests könnte Chaly demonstrieren, dass sie mehr lernen muss, um gute Leistungen bringen zu können.“

Schüler und Lehrer stecken gemeinsam Ziele ab

30 Minuten Zeit nehmen sich die Lehrer für jedes Kind, um alle Fächer detailliert durchsprechen zu können. Neben der Präsentation geht es nicht nur um Lob, sondern auch um Verbesserungsvorschläge und eine Lernvereinbarung für das nächste Halbjahr. Diese soll zeigen, wie selbstgesteckte Ziele erreicht werden können. „Die Note 3 in Sport sagt nicht aus, warum diese Zahl dort steht“, sagt Beyer. „Erst in einem persönlichen Gespräch erfahren die Kinder, dass ihre Leistung vielleicht doch gut war und was sie konkret verbessern können.“

Bereits vor zwölf Jahren machte sich die Anne-Frank-Schule auf den Weg, um Lernberichte in so genannten Kompetenzrastern abzubilden. Denn diese waren Standard in den unteren Klassenstufen. Im Unterschied zu Noten sollten die Raster die Möglichkeit bieten, Leistungen weiter aufzugliedern, Schüler individueller zu bewerten. „Wir wollten von einem allgemeinen Text wegkommen, uns mit den Stärken der Schüler auseinandersetzen“, sagt Lehrer Ulrich Gernhöfer, der den Prozess von Anfang an begleitet hat.

Das Ergebnis waren 14-seitige Zeugnisse – und eine Überforderung von Lehrern sowie Schülern. „Kompetenzzeugnisse verschleiern Noten, statt das Grundproblem zu lösen“, sagt Gernhöfer. „Anstatt sinnvolle Schlüsse aus der Benotung zu ziehen, haben die Schüler nur noch ihre positiven Kreuze gezählt.“

Portfolio-Gespräch kann motivationsfördernd sein

Vor sechs Jahren gewann die Anne-Frank-Schule den Deutschen Schulpreis für ihr Anliegen, die Stärken der Schüler zu fördern und den Unterricht differenziert zu gestalten. Und bekam dadurch Kontakt zur Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, die das Prinzip Portfolio bereits praktiziert hat. Nach einem Hospitationsbesuch, finanziert durch die Robert-Bosch-Stiftung, entwickelte eine Arbeitsgruppe der Gemeinschaftsschule ein Konzept, um dieses System nach Bargteheide zu bringen.

„Die Anne-Frank-Schule hat eine eigene Form der Leistungsrückmeldung gefunden, die sehr gut zur Beschulung der Schülerinnen und Schüler in einem gemeinsamen Bildungsgang passt“, sagt Thomas Schunck, Sprecher des Kieler Bildungsministeriums.

Der Modellversuch „Portfolio“ wird durch die Christian-Albrechts-Universität Kiel (CAU) begleitet. Ziel sei es, die Datenlage zu optimieren, einen möglichen Erfolg abzuleiten und die Möglichkeit des Portfolio-Gespräches auch anderen Schulen zu eröffnen. „Die bisherige Evaluation hat ergeben, dass die Lernmotivation trotz des erwartenden Rückgangs der Motivation in der Pubertät auf einem vergleichsweise hohen Niveau erhalten wird“, sagt Thomas Schunck. „Das Portfolio-Gespräch kann sogar als motivationsförderlich eingeordnet werden.“ Und könnte vor allem für Schulen in sozialen Brennpunkten eine Lösung bieten. Im kommenden Schuljahr soll der Modellversuch auf wenige weitere Gemeinschaftsschulen ausgeweitet werden. Eine abschließende Auswahl habe noch nicht stattgefunden.

Schulleiter ist von Form der Beurteilung mehr als überzeugt

Auch Schulleiter Marcel Fell ist von dieser besonderen Form der Beurteilung mehr als überzeugt. Er löste seine Kollegin Angelika Knies erst vor einem halben Jahr ab, möchte das System in Zukunft weiter ausbauen. Erziehungswissenschaftler Thomas Häcker von der Universität Rostock soll die Schule fit für die Zukunft machen und aufzeigen, wie der Portfolio-Ansatz verstärkt in den Unterricht eingebaut werden kann.

„Viele Schulen gehen zurzeit zur klassischen Schulnote zurück, da diese die Mess- und Vergleichbarkeit von Leistung suggeriert“, sagt Fell. „In unserer individuellen Welt reicht ein Notensystem aber nicht aus, um Kinder mit all ihren Facetten abbilden zu können.“ Doch kann ein wertschätzender Dialog wirklich ein Notensystem ersetzen? „Ja“, sagt Katrin Witt, Vorsitzende des Schulelternbeirates. „Aber nur, wenn wir Eltern es schaffen, loszulassen. Und uns von der Frage zu lösen, wo unser Kind konkret steht.“ Denn statt schwarz oder weiß sei das Ergebnis des Portfolio-Gesprächs nicht eindeutig. Vertrauen zu Lehrern und den eigenen Kindern komme hier vor Kontrolle. Stattdessen würden die Schüler lernen, sich zu präsentieren und ihre Stärken auszuarbeiten. Aber auch, die eigenen Defizite zu erkennen.

Es gibt auch Kritik von Eltern an der Schule ohne Noten

Genau hier liegt für einige Eltern jedoch das Problem. Sie bemängeln, nicht rechtzeitig eingreifen zu können, sollte das Kind den Anschluss verlieren. Schwache Schüler hätten nur eineinhalb Jahre Zeit, um nach dem ersten Notenzeugnis ihre Fähigkeiten zu verbessern. Oder die Schule bereits nach der neunten Klasse zu verlassen.

Und wie läuft es bei Chaly? Sie wurde in diesem Jahr durch den Wechsel in die achte Klasse zum ersten Mal mit Zeugnisnoten bewertet. Ein „böses Erwachen“ habe es jedoch nicht gegeben, sagt Ulrike Beyer, da sie als Mutter bereits früh gelernt habe, zwischen den Zeilen zu lesen und genauer hinzusehen. „Statt Leistungsdruck steht in dieser Schule das soziale Miteinander im Vordergrund, was genau zu unserem Erziehungsstil passt“, sagt Beyer. „Wir wollen unseren Kindern ihr Können verdeutlichen und ihnen helfen, etwas daraus zu machen, statt über schlechte Noten zu jammern.“