Stormarn
Ahrensburg

Mann versetzt Wohnsiedlung in Angst und Schrecken

So ähnlich wie auf diesem Symbolbild geht es in der Siedlung zu: Nachbarn gehen einem unberechenbaren Mann aus dem Weg.

So ähnlich wie auf diesem Symbolbild geht es in der Siedlung zu: Nachbarn gehen einem unberechenbaren Mann aus dem Weg.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Ahrensburger fühlen sich seit Jahren bedroht. Polizei und Verwaltungen können die Opfer nicht vor Straftaten schützen.

Ahrensburg.  „Ich erwarte von der Polizei, dass sie uns endlich schützt.“ Mit diesen Worten beschreibt ein Ahrensburger sein Gefühl der Ohnmacht. Das Gefühl, von Behörden im Stich gelassen zu werden. Seit Jahren wird der Anwohner einer Straße in der Schlossstadt nach eigenen Angaben von seinem Nachbarn Tim G. (Name geändert) bedroht und beleidigt. Er ist nicht der einzige Betroffene. Auch andere Anlieger beklagen immer wieder Sachbeschädigungen. Autoreifen werden zerstochen, Fahrzeuge zerkratzt, Hauswände beschmiert. Nach Schätzungen der Anlieger beläuft sich der Schaden schon auf mehrere Tausend Euro.

Doch es geht nicht nur um Geld. Die Anlieger haben Angst. „Ich kann mich daran erinnern, als der Mann eines Tages im Tarnanzug mit geschwärztem Gesicht und einem Messer in der Hand durch die Straße lief und schrie: ,Ich mach’ euch alle platt’.“ Das berichtet ein Anwohner, der aus Angst vor Racheakten seines polizeibekannten Nachbarn anonym bleiben möchte.

Anwohner: Dutzende Reifen zerstochen und Lack zerkratzt

Genau wie andere Betroffene, die dem Abendblatt ihre Leidensgeschichte erzählt haben. „Er drohte meinen Töchtern, sie zu vergewaltigen“, erinnert sich ein Familienvater. An einem anderen Tag habe Tim G. versucht, die zehn Jahre alte Tochter in sein Haus zu locken. „Er sagte, er brauche jemanden zum Reden.“ Das Mädchen habe seitdem so viel Angst, dass es nicht mehr allein bleiben möchte. „Einmal schrie er meine Tochter an, beleidigte sie. Sie flüchtete ins Haus, wo sie allein war. Sie legte sich auf den Boden. Selbst als das Telefon klingelte, ging sie nicht ran. Zu groß war die Angst, er könnte sie durch das Fenster sehen.“

Ein Ahrensburger Richter habe 2017 eine einstweilige Anordnung erlassen. Tim G. dürfe sich der Familie nicht mehr nähern, die Kinder nicht ansprechen, das Grundstück nicht betreten. Doch das mache er weiterhin, so die Anwohner.

Auch andere Eltern sorgen sich. Eine Mutter erzählt, dass sie ihre beiden Kinder sofort vom Spielplatz nach Hause hole, wenn sie Tim G. wieder schreien höre. „Es ist immer so laut, jeder bekommt es mit“, sagt die Frau und zeigt auf den Spielplatz, der direkt an das Grundstück von Tim G. grenzt.

Familien sind von Sachbeschädigungen betroffen

Sie habe ihre Kinder aufgefordert, G. aus dem Weg zu gehen. „Kürzlich kam mein Sohn von der Schule“, sagt die Frau, „als er die Rollen des Skateboards hörte, mit dem G. immer herumfährt, hat er einen anderen Weg genommen.“ Auch ihre Familie sei von Sachbeschädigungen betroffen. „Gegen unser Haus wurden Eier und Äpfel geschmissen“, sagt die Frau und zeigt eine Wand. „Die Flecken von den Eiern bekomme ich nicht mehr weg.“

Ein anderer Anwohner fährt mit seinem Finger über einen tiefen Kratzer im schwarzen Lack seines Autos. „Das war er. Da bin ich mir sicher.“ Seit knapp fünf Jahren lebt der Familienvater in dem Wohngebiet, in dem vor allem Einzelhäuser stehen. „Seitdem sind an meinen Autos 15 Reifen zerstochen worden. Das war jedes Mal ein Schaden von 150 bis 200 Euro“, sagt der Mann. In der Straße habe fast jeder einen Platten wegen des Reifenstechers gehabt.

Ob Tim G. für alle Schäden verantwortlich ist, lasse sich allerdings nicht einwandfrei beweisen. Das Opfer zeigt Briefe, in denen die Ahrensburger Kripo erklärt, dass ein Verfahren eingestellt wurde, weil der Täter nicht ermittelt werden konnte. „Doch oft haben wir das Gefühl, die nehmen uns nicht ernst“, sagt der Ahrensburger. Er erzählt von einem zerstochenen Reifen an einem Wintertag mit Schnee. „Vom Auto führten Schuhabdrücke direkt zu dem Haus, in dem er allein wohnt.“ Doch die Polizei habe sich davon nur wenig beeindruckt gezeigt. „Die sagten mir: ,Wir sind hier nicht bei CSI Miami’.“

Prozess um Cannabispflanzen fiel im Dezember aus

Ein anderer Nachbar filmte sogar, wie ein Mann den rechten Vorderreifen eines Audi zersticht. Auf den Bildern ist jemand von hinten zu sehen, der einen gestreiften Kapuzenpullover trägt. „Das sind seine Klamotten, sein Gang, seine Statur“, sagt der Ahrensburger, der das Video von einem Nachbarn bekommen hat. „Doch das Gesicht ist auf den Aufnahmen nicht zu erkennen, deshalb ist das Video nicht beweiskräftig.“

Bei der Polizei in Ahrensburg ist hinter vorgehaltener Hand zu hören: „Selbst wenn wir dem Verdächtigen etwas nachweisen können, passiert ihm nichts.“ Er bekäme Post vom Gericht, und ein weiteres Verfahren würde eingeleitet. Im vergangenen Jahr hat es laut Polizei elf Ermittlungsverfahren gegen Tim G. wegen Sachbeschädigung gegeben. In den meisten Fällen sei es um Graffiti gegangen.

Doch was unternimmt die Polizei, um die Menschen in der Siedlung zu schützen? „Wir sind sehr präsent und bestreifen die Wohngebiete und Straßen in regelmäßigen Abständen“, so eine Polizeisprecherin. Beim Reifenzerstechen sei G. bisher nicht ertappt worden. Die Beamten raten den Anwohnern dringend, jede Straftat anzuzeigen.

Täter soll im Haus Cannabispflanzen gezüchtet haben

Das hat auch der Vater der beiden Töchter gemacht, die bedroht wurden. In einem Schreiben der Staatsanwaltschaft, das dem Abendblatt vorliegt, heißt es, dass das Verfahren gegen G. eingestellt werde. Grund: Gegen den Mann sei ein weiteres Verfahren anhängig, in dem er „mit einer erheblichen Bestrafung“ zu rechnen habe. Die Bedrohung der Kinder falle dabei nicht „beträchtlich ins Gewicht“.

Laut Anklagebehörde war gegen G. im Juni 2017 vor dem Amtsgericht Ahrensburg Anklage wegen Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge erhoben worden. G. soll im Haus Cannabispflanzen gezüchtet haben. Außerdem gab’s weitere Anklagen wegen gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung und Bedrohung sowie diverser Sachbeschädigungen.

Doch ein Urteil gibt es in der Angelegenheit bis heute nicht. Eine für den 13. Dezember 2018 angesetzte Verhandlung fiel aus. „Ein Gutachter war zu dem Ergebnis gekommen, dass der Angeklagte wegen einer psychischen Erkrankung nicht verhandlungsfähig war“, sagt Michael Burmeister, Direktor des Amtsgerichts in Ahrensburg. Einen neuen Termin gebe es nicht.

Sachverständiger soll prüfen, ob Tim G. schuldfähig ist

Das Strafregister von Tim G. ist lang. Zuletzt war der Mittdreißiger im Juni 2016 vom Amtsgericht wegen Sachbeschädigung zu einer Geldstrafe verurteilt worden. G. hatte Hauswände beschmiert. Auch für die Hamburger Justiz ist der Ahrensburger kein Unbekannter. Dutzende Anzeigen wegen Beleidigung von Polizisten, Sachbeschädigung – insbesondere durch Graffiti – und gefährlicher Körperverletzung sind in den vergangenen Jahren dort gegen ihn aufgenommen worden. Mindestens zweimal war er von einem Gericht in Hamburg zu Geldstrafen verurteilt worden.

Offenbar folgen weitere Verfahren. Wie die Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft sagt, wurde G. vor wenigen Monaten in Hamburg-St. Pauli festgenommen. Mit einem Marker soll er an eine Seitentür der Davidwache „Fuck the Police“ geschrieben haben.

Während des Prozesses vor dem Amtsgericht in Ahrensburg wegen Drogenbesitzes soll geklärt werden, ob G. überhaupt schuldfähig ist. „Ein Sachverständiger wird vor Gericht anwesend sein“, sagt Amtsgerichtsdirektor Michael Burmeister. Doch egal wie die Beurteilung des Forensikers ausfällt: Für andere Menschen wie seine Nachbarn ändert sich nichts. Ihnen würde allein die Unterbringung von G. in einer geschlossenen Klinik helfen. „Die gesetzlichen Hürden dafür sind sehr hoch“, sagt die Sprecherin der Lübecker Staatsanwaltschaft, Ulla Hingst. Schließlich sei dies ein schwerwiegender Eingriff in die Freiheitsrechte eines Menschen.

Ein ähnlicher Fall zeigt, wie machtlos der Staat oft ist

Bei solch einem Schritt müsse nach Paragraf 63 des Strafgesetzbuches damit zu rechnen sein, dass G. für sich oder für andere eine erhebliche Gefahr darstellt oder durch seine Taten Opfer seelisch oder körperlich erheblich geschädigt werden. Eine Sachbeschädigung oder Beleidigung sei „keine erhebliche Tat“. Zerkratzte Autos oder zerstochene Reifen stellten ebenfalls keinen schweren wirtschaftlichen Schaden dar, der eine Unterbringung ermöglichen würde.

Wie hoch die Hürden einer Unterbringung in einer Psychiatrie sind, zeigt ein anderer Fall aus Ahrensburg. Immer wieder überfiel ein Mann Supermärkte und Tankstellen. Wie berichtet, bedrohte er Angestellte und trug oft gut sichtbar ein Messer bei sich. Er stahl Essen, Getränke und Zigaretten. Als sich ihm eine Tankstellen-Mitarbeiterin in den Weg stellte, schlug er der Frau ins Gesicht. Sie erlitt eine Platzwunde an der Lippe, die genäht werden musste.

Ein Gutachterin kam zu dem Ergebnis, dass der Täter wegen einer psychischen Erkrankung schuldunfähig sei. Und obwohl die Forensikerin davon ausgeht, dass der Ahrensburger weitere Taten begehen wird, lehnte das Landgericht Lübeck eine Unterbringung in einer Psychiatrie ab. „Es besteht keine Wahrscheinlichkeit höheren Grades für Straftaten, durch die Opfer seelisch oder körperlich erheblich geschädigt werden“, begründete die Richterin diese Entscheidung. Die Gutachterin habe nicht sagen können, wie wahrscheinlich es ist, dass der Mann das Messer bei seinen Taten einsetzt. Deswegen ist der Ahrensburger weiter ein freier Mann.

Den Nachbarn von Tim G. bleibt noch Hoffnung

Im aktuellen Fall haben sich die verzweifelten Nachbarn von Tim G. auch an den Kreis Stormarn gewandt. Eine Frau sagt: „Es werden immer mehr Taten, die zeitlichen Abstände zwischen den Übergriffen immer kürzer.“ Doch auch der Kreis sieht keinen Ausweg. Nur bei „akuter Selbst- und Fremdgefährdung wegen einer psychischen Erkrankung“ könne eine vorläufige Zwangsunterbringung angeordnet werden.

Dafür gibt es hohe Hürden. Fachdienstleiter Andreas Musiol sagt: „Aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen und der aktuellen Rechtsauslegung können wir dem häufig in solchen Situationen an uns herangetragenen Wunsch, unterschiedlichste Störungen im Alltag durch psychisch erkrankte Menschen möglichst schnell zu beenden, bei allem Verständnis für die daraus resultierenden, zum Teil erheblichen Belastungen im sozialen Umfeld, nur selten entsprechen.“

Eine Hoffnung haben die Nachbarn von Tim G. dennoch. Eine Frau sagt: „Der Mann lebt zurückgezogen. Wir sehen ihn oft frühmorgens mit einem großen Sack gesammelter Pfandflaschen nach Hause kommen.“ Das Haus, in dem der Mann angeblich kostenlos wohnt, soll bald verkauft werden. „Also muss er vielleicht bald ausziehen.“ Das hülfe zwar den Menschen in seinem jetzigen Umfeld. Doch das Grundproblem werde dann nur an einen anderen Ort verlagert.