Stormarn
Wissenschaft

Der Oststeinbeker, der für „Yps“ Experimente macht

Der Oststeinbeker Physiklehrer Sven Sommer (37), Doktor der Physikdidaktik, hat mit "Der kleine Baumarktphysiker" ein Buch zum Verstehen und Selbermachen über physikalisches Grundwissen geschrieben. Hier probiert er mit Sohn Justus (l.) und dessen Freund Marten Kruse (beide 10) aus, wie gut Mehl brennen kann.

Der Oststeinbeker Physiklehrer Sven Sommer (37), Doktor der Physikdidaktik, hat mit "Der kleine Baumarktphysiker" ein Buch zum Verstehen und Selbermachen über physikalisches Grundwissen geschrieben. Hier probiert er mit Sohn Justus (l.) und dessen Freund Marten Kruse (beide 10) aus, wie gut Mehl brennen kann.

Foto: Barbara Moszczynski

Sven Sommer aus Oststeinbek ist promovierter Physiklehrer. Er hat für die Kultzeitschrift geschrieben und nun ein Buch veröffentlicht.

Oststeinbek.  Beim dritten Versuch klappt es: Das Mehl, das der zehn Jahre alte Marten Kruse mit dem Ballonzerstäuber in die Kerze bläst, verbrennt in einem Funkenregen. So geht angewandte Physik am Esszimmertisch. Hausherrin Friederike Sommer sieht es gelassen, die Physiklehrerin ist Experimente zu Hause gewohnt. Denn die Versuchsanordnung für die Mini-Mehlstaubexplosion stammt aus der Feder ihres Mannes, Sven Sommer. Der war einige Jahre für die Kult-Zeitschrift „Yps“ im Einsatz. Nun hat der 37-Jährige mit „Der kleine Baumarktphysiker“ ein Buch über Naturwissenschaften zum Verstehen und Selbermachen geschrieben. Seit Freitag ist es im Buchhandel – für alle, die es zu Hause mal so richtig krachen lassen wollen.

Früher krachte es bei Sommers öfter auf dem Dachboden, doch der müsste erst aufgeräumt werden. Also dürfen Sohn Justus und sein Freund Marten im Esszimmer experimentieren. Auf dem Tisch liegt eine Alu-Grillschale mit einem Sandhaufen in der Mitte. „Was sollen wir machen?“, fragt Marten. „Halsbonbons anzünden“, erwidert Sven Sommer. „Jaa“, kommt es begeistert zurück. Mit leuchtenden Augen machen sich die Jungs ans Werk. Drei Pastillen werden auf dem Sandhügel platziert, Justus beträufelt sie mit Spiritus. Marten darf sie mit dem Feuerzeug anzünden. Nach etwa einer Minute erhebt sich aus den Pastillen ein schwarzer Wurm, der sich durch den Sand windet. Es riecht wie Zuckerwatte.

Sven Sommer hatte in der Schule in Physik die Note 5

Die Pastillen enthalten Zucker und Natriumhydrogencarbonat, das auch im Backpulver enthalten ist. Durch den brennenden Spiritus verkohlt der Zucker; in der Hitze zersetzt sich zudem das Natriumhydrogencarbonat, gibt dabei das Gas Kohlendioxid ab. Das entweichende Gas drückt die Zuckerkohle langsam aus dem Sand heraus.

Versuche und Experimente sind für Sven Sommer der ideale Weg, das Interesse an Naturwissenschaften zu wecken. Den frontalen Chemie- und Physikunterricht fand der gebürtige Oldesloer nie sonderlich interessant. Er gab in der zehnten Klasse das Fach Physik mit Note 5 ab, in Chemie rettete er sich mit einer mündlichen Prüfung in die Oberstufe. Im Studium schloss er dagegen beide Fächer mit Note 1 ab und promovierte danach in Physikdidaktik darüber, wie bei Schülern Interesse entsteht. Viel zu trocken werde in diesen Fächern oft unterrichtet, findet der 37-Jährige, der als Physiklehrer an der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule in Barsbüttel arbeitet und auch Lehrer fortbildet.

Als Student füllte er mit Experimenten eine Internetseite

Schon als Student brachte er sich die Inhalte des Studiums über das Experimentieren selbst bei. Schon damals füllte er mit seinen Experimenten und Versuchen eine Internetseite. Der Pädagoge, der mit Ehefrau Friederike und drei Kindern in Havighorst lebt, setzt auch im Unterricht auf den verblüffenden Aha-Effekt. Etwa beim Feuerwerk aus Orangenschalen. Wird die Orangenschale dicht vor einer Kerzenflamme fest zusammengedrückt, verbrennt das herausspritzende Orangenöl mit knisternden Funken. Oder mit einem Walnusskern als Kerzenersatz. Hier brennt das in der Nuss enthaltene Öl.

Mit seinem Buch will Sven Sommer Kinder und Eltern für Physik und Chemie begeistern und mit einem Augenzwinkern auch ein paar der großen Sinnfragen des Lebens beantworten. Die alten Griechen unterschieden beide Wissenschaften nicht und nannten gleich alles Philosophie: die Lehre der Fragen an die Natur. Auch Sommers Buch sortiert die Naturwissenschaften nach den antiken Elementen Feuer, Wasser und Luft. Ausführlich widmet er sich im Kapitel „Feuer und Flamme für den Grill“ den Grillfans. „Männer stehen ja die meiste Zeit am Grill“ sagt der Autor, der sich überlegte: „Wie kann man das optimieren?“. Eine Lösung ist nachzulesen unter dem Stichwort „peruanischer Grillvulkan“. Am Ende sei alles eine Frage von Oberfläche, Verteilungsgrad, Temperatur und Sauerstoff.

Das Material für die Versuche gibt es im Baumarkt

Auch alltägliche Probleme bekommt man mit seinen Tipps in den Griff. Etwa die vereiste Windschutzscheibe im Kapitel zwei „Ins kalte Wasser geworfen“. Hier hilft eine Sprühflasche mit Scheibenwischwasser, Spülmittel und Alkohol: je hochprozentiger, desto besser. Im letzten Kapitel drei „Es (f)liegt was in der Luft“ geht es unter anderem um Raketen.

Wer sich im Lesefluss nicht stören lassen möchte, organisiert sämtliche Materialien für die Experimente eines Kapitels einfach vorab und experimentiert dann am Stück durch. Die Zutaten gibt es im Baumarkt oder Einkaufscenter. Zudem lernt der Leser einige Wissenschaftler kennen, die auch mit den einfachsten Dingen des Alltags zu spannenden Erkenntnissen kamen und dabei auch noch ein großes Publikum fanden.

Die Knoff-Hoff-Show hat ihn ebenfalls inspiriert

Zum Beispiel Michael Faraday, der 1836 entdeckte, dass in den nach ihm benannten Faraday’schen Käfig keine elektrischen Felder eindringen können. Der Physiker hielt schon im 18. Jahrhundert jedes Jahr eine Weihnachtsvorlesung über die Naturgeschichte einer Kerze, um dem einfachen Volk Physik und Chemie nahezubringen. Oder Archimedes, der in der Badewanne erkannte, dass er anhand der Menge des verdrängten Wassers die Dichte eines Körpers bestimmen konnte. Und Otto von Guericke, der mit Halbkugeln und Pferdegespannen 1656 zeigte, wie man ein Vakuum erzeugt.

Vom Einfachen zum Komplexen ist nach wie vor ein erfolgreiches Prinzip in der Wissenschaft. So liefert das Fließverhalten des Badewannenwassers Rückschlüsse über die Strömungsverhältnisse in der Nähe von schwarzen Löchern. Sven Sommer: „Wenn man den Stöpsel zieht, reißt es das Wasser in den Abfluss. In nächster Nähe kann die Flüssigkeit dem Strudel nicht mehr entkommen. So ähnlich geht es auch dem Licht im Umfeld eines schwarzen Lochs. Es bleibt dort wegen der enormen Raumzeitkrümmung gefangen.“

Der TV-Geheimagent MacGyver war sein Idol

In der Naturwissenschaft gehe es um die großen Fragen des Lebens. „Darum, wo wir herkommen, wo wir hingehen und wie die Dinge dazwischen funktionieren“, sagt Sven Sommer. Leider habe er darüber im Schulunterricht nur selten etwas erfahren.

Zum Glück gab es MacGyver, den TV-Geheimagenten, der aus einem Schnorchel und einer Melone einen Zeitzünder bauen konnte. Und es gab das Heft „Yps“. Von 1975 bis 2000 war „Yps“ mit seinem „Gimmick“, einer Spielzeugbeilage, die wöchentliche Lektüre für kleine Agenten und Forscher. Das bekannteste Gimmick sind wohl die Urzeitkrebse, die zum Leidwesen vieler Mütter in der Küche mit Wasser zum Leben widererweckt werden konnten.

„Ich war ein ,Yps’-Kind, und MacGyver war mein Idol“, sagt der Oststeinbeker, der gerade 100 alte Hefte auf Ebay ersteigert hat. Das Magazin zeigte auch ihm einst, dass man mit Basteln und Bauen Spaß haben und dabei viel lernen kann. „Ein Zugang, der zu wenig in der Schule stattfindet“, meint Sommer. Ohne „Yps“, MacGyver und die Knoff-Hoff-Show wäre er heute kein begeisterter Wissensvermittler.

Sommer will junge Menschen für Wissenschaft begeistern

Die Idee zu seinem Buch entstand, als Sven Sommers Nebenjob als Autor endete. Denn von 2012 bis 2017 schrieb er auch für das wieder aufgelegte Kult-Magazin „Yps“ , das sich nun an Erwachsene richtete. Es entstanden Artikel über „Lifehacks“ – Überlebenstipps wie die Anleitung für einen Grillkamin aus einer Konservendose – und über „Gadgets“ – Werkzeuge im Scheckkartenformat. Als das Magazin 2017 eingestellt wurde, wollte er mit seinen Redaktionskollegen eigentlich ein „Yps“-Buch schreiben. Die Idee ließ sich nicht realisieren, doch Sven Sommer, hatte das Interesses des Piper-Verlages geweckt.

„Schreiben Sie doch mal etwas über ihre Experimente“, lautete der Auftrag. Ein Jahr hat der Oststeinbeker das nebenbei getan. Er hofft, dass sich vom Ergebnis auch Lehrer für den Unterricht inspirieren lassen. Vor allem aber richtet sich „Der kleine Baumarktphysiker“ an Schüler und Eltern. Sven Sommer: „Wenn mein Sohn Fussballprofi werden soll, schicke ich ihn nicht nur in den Sportunterricht, sondern auch in einen Fussballverein. Wenn mir also wichtig ist, dass mein Kind naturwissenschaftlich gebildet ist, dann mache ich mit ihm dazu auch etwas zu Hause.“ Verstehen beginne mit der Freiheit, etwas zu entdecken und bestenfalls mit anderen zusammen zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Dann sei alles erfüllt, was aus Sicht von Psychologen Motivation und Interesse wecke.

„Ich versuche, die Leser dort abzuholen wo sie stehen und die Phänomene einfach zu erklären“, sagt der Autor. Sein populärwissenschaftlicher Ansatz hat ihm auch Kritik von Kollegen eingebracht. Sein Ansatz sei auf die Erkenntnis bezogen fragwürdig, weil zu leicht. Auch sei seine vereinfachte Ausdrucksweise nicht so exakt wie die Fachsprache der Wissenschaft.

Sommer engagiert sich auch im „Science Club“

Sommer hält es dagegen wie Nobelpreisträger Richard Feynman, dem es besonders wichtig war, die Quantenphysik auch Laien nahezubringen. Der 1988 gestorbene US-Physiker forderte seine Studenten auf, die Vorlesungsinhalte fünf Jahre alten Kindern zu erklären. „Die Pisa-Studienergebnisse zeigen, das wir in Naturwissenschaften besser geworden sind. Aber wir schaffen es in den Schulen nicht, gerade die hochkompetenten Leute für diese Fächer zu interessieren“, sagt Sven Sommer. Damit sich das ändert, schult er angehende Physik-Doktoranden in der Kommunikation mit Jugendlichen. Sie sollen aus Fachbegriffen alltagstaugliche Sprache machen können. Danach werden sie an Schulen geschickt, um dort über Teilchenphysik zu referieren.

Sven Sommer selbst begeistert Kinder und Jugendliche auch im „Science Club“ für Naturwissenschaften. In dem Projekt der Hochbegabtenförderung treffen sich interessierte Schüler und ihre Eltern sechsmal im Jahr zum Experimentieren und Basteln. Im September 2019 beginnt eine neue Runde, Kontakt: dr.svensommer@gmail.com.

Das Buch „Der kleine Baumarktphysiker“ kostet 11 Euro. Es ist im Buchhandel und im Internet (www.piper.de) erhältlich

So können Sie das Experiment nachmachen

Zutaten:

Eine Aluschale, drei Emser-Pastillen, ein Fläschchen Spiritus, Streichhölzer und Sand.
Ablauf:
1. Häufe den Sand in der Aluschale zu einem Berg auf.
2. Stecke die drei Emser-Pastillen dicht nebeneinander in die Bergspitze.
3. Gebe den Spiritus über die Emser-Pastillen, schraube die Flasche gut zu und stelle sie weg.
4. Zünde die Pastillen an.
Fragen: Was sorgt für den Auftrieb der Schlangen?
Funktionieren zuckerfreie Pastillen ebenso? Probiere eine Mischung aus den Hauptbestandteilen Zucker und Natron, funktioniert sie auch?