Au-pair für Erwachsene

Zwei Stormarnerinnen auf Reisen als Leih-Omas

| Lesedauer: 6 Minuten
Verena Künstner
Birthe Perner aus Reinbek reiste als Aupair-Granny nach Schottland und die USA. Hier zeigt sie Bilder von ihrem dreimonatigen Aufenthalt dort.

Birthe Perner aus Reinbek reiste als Aupair-Granny nach Schottland und die USA. Hier zeigt sie Bilder von ihrem dreimonatigen Aufenthalt dort.

Foto: Verena Künstner

Portal „Granny Aupair“ vermittelt Frauen ab 50. Birthe Perner aus Reinbek und Birgit Stubbe aus Tangstedt wagten das Abenteuer.

Reinbek/Tangstedt.  „Es sind nur fünf Minuten – keine Angst“, sagt Birthe Perner, als sie auf dem Tablet die Diashow ihres Aufenthaltes in Phoenix (USA) startet. Drei Monate war sie dort, seit acht Wochen ist sie wieder hier. Und noch immer brennt in der Reinbekerin das Reisefieber. „Es war traumhaft“, schwärmt sie. Auch die Fotos sprechen Bände. Auf nahezu jedem Bild ist die große, schlanke Frau mit einem Lachen im Gesicht zu sehen. „Kein Urlaub hätte schöner sein können“, berichtet die 51-Jährige.

Obwohl alles danach aussieht, war Birthe Perner nicht zur reinen Erholung in der Hauptstadt von Arizona. Sie unterstützte eine vierköpfige Familie im Alltag, war Babysitterin für zwei kleine Jungs. Als Gegenleistung waren Kost und Logis frei. Klingt nach Aupair. Aber machen das nicht nur junge Leute nach der Schule? „Das dachte ich früher auch“, sagt die zweifache Mutter.

Agentur ermöglichte schon Tausenden Frauen Austausch

Doch das Abendblatt klärte sie auf. Vor zehn Jahren las sie darin einen Artikel über das Online-Portal „Granny Aupair“. Abseits vom touristischen Programm sollten hier lebenserfahrene Frauen (Granny heißt übersetzt Oma) dank Familienanschluss ein völlig neues Reiseerlebnis machen können. Im Gegenzug entlasten sie gestresste Eltern, vertreiben Einsamkeit und sorgen für interkulturellen Austausch. „Leider war ich damals noch zu jung“, sagt Birthe Perner. Die Granny Aupair-Agentur wendet sich an Frauen ab 50.

„Man muss jedoch weder eigene Kinder noch Enkel haben, um sich bei uns zu registrieren“, sagt Michaela Hansen, Gründerin des Online-Portals. Es gehe allein um die Lebenserfahrung und die Lust auf Neues, die aus älteren Frauen kompetente Familienhelfer auf Zeit mache. Tausende davon hat Hansen mittlerweile in 50 verschiedene Länder weltweit vermittelt.

Familien beschreiben online ihre Wünsche

Die älteste Teilnehmerin bisher ist 78 Jahre alt. Auf der Internet-Plattform beschreiben die Familien, welche Art von Unterstützung sie sich wünschen. Und die Frauen beschreiben, was sie den Familien zu bieten haben. Scheint alles zu passen, können beide Seiten unkompliziert per Email Kontakt aufnehmen und sich per Telefonat oder Videochat näher kennenlernen. „Das würde ich allen empfehlen, um Enttäuschungen zu vermeiden oder Missverständnisse im Vorfeld auszuräumen“, sagt Michaela Hansen.

Die Hamburgerin ist nach wie vor fasziniert davon, wie positiv ihr Angebot ankommt. „Als hätten die Frauen auf so eine Chance gewartet“, sagt die 57-jährige Unternehmerin, die selbst vierfache Großmutter ist. „Mut, Selbstbewusstsein und Abenteuerlust – all das stellen die Aupair-Anwärterinnen unter Beweis.“ Und sie würden in den meisten Fällen mit einem unvergleichlichen Erlebnis dafür belohnt. Die ein oder andere habe jedoch auch abbrechen müssen. „Da fand der Ehemann es doch nicht so toll, wochenlang allein zuhause zu sein.“ Dieses Problem hatte Birthe Perner zum Glück nicht.

Aus dem Projekt entwickeln sich häufig Freundschaften

Ihr Mann René unterstützte sie schon bei ihrem ersten Auslandsaufenthalt als Granny. Das ist jetzt zwei Jahre her. „Als ich endlich 50 war, habe ich mich sofort auf der Plattform angemeldet“, erzählt die Reinbekerin. Schnell fand sie ein passendes Suchangebot und kurze Zeit später stieg sie in ein Flugzeug nach Schottland. Vier Monate wohnte sie bei einer Familie mit drei Kindern, die sie umsorgte, solange die Eltern arbeiten gingen. „So lernt man Land und Leute viel intensiver kennen als während eines Urlaubs“, sagt Perner.

Sie verreise natürlich auch gern mit der eigenen Familie, „doch meine Granny-Zeit ist eine besondere Zeit, in der ich ganz bewusst auf mich allein gestellt bin.“ Man teile den Alltag mit anfangs Fremden, die eine andere Sprache sprechen, andere Gewohnheiten und Ansichten haben. Trotz aller Unterschiede entwickeln sich nicht selten langjährige Freundschaften. „Es gab auch schon Kinder, die ihrer Granny beim Abschied ihr Sparschwein in die Hand gedrückt haben, damit sie bald wiederkommt“, sagt Michaela Hansen. Solche Geschichten bestätigen der Agenturchefin, dass ihre Idee Sinn macht. Und auch die Zahl der „Wiederholungstäter“, wie Hansen sie nennt, spricht dafür: 40 Prozent der Mitglieder sind schon mehrfach als Granny durch die Welt getourt.

Tangstedterin zieht Schweiz oder Shanghai in Betracht

Birgit Stubbe aus Tangstedt hat ihr erstes Mal noch vor sich. Die 60-Jährige ist nach 30-jähriger Ehe frisch getrennt, die drei Söhne sind erwachsen. „Da geht noch was“, sagte sie sich und meldete sich bei Granny Aupair an, bezahlt rund 180 Euro für ein Vierteljahr Mitgliedschaft. Fast täglich stöbert sie auf den Internetseiten der Agentur, bekommt erste Kontaktanfragen. „Eine Familie in Shanghai sucht Unterstützung, da hätte ich große Lust darauf“, sagt Birgit Stubbe. Auch ein Angebot in der Schweiz klingt für die neugierige Nachwuchs-Granny interessant.

Noch ist alles offen – und genau das mag die Tangstedterin, die ihre Lebenssituation als „perfekt für einen Neustart“ empfindet. Am liebsten wäre ihr, das Aupair-Abenteuer beginne gleich Anfang des neuen Jahres. „Bis dahin hab ich hier das Nötigste geregelt und kann mich voller Vorfreude auf das konzentrieren, was kommt.“

Das Onlineportal für reiselustige Abenteurerinnen finden Sie unter www.granny-aupair.com. Telefonischer Kontakt zu Michaela Hansen unter 040/87 97 61 40 (montags, mittwochs und freitags 10 bis 14 Uhr, dienstags und donnerstags 14 bis 18 Uhr). Emailadresse: info@granny-aupair.com.

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