Stormarn
Infoabend in Ahrensburg

Depressionen und Arbeit? Experten geben wichtige Tipps

Diskutierten in Ahrensburg (v. l.): Anja Sievers-Sack, Personalleiterin Basler AG Ahrensburg,  Bernd Andreas Czarnitzki, Heike Grote-Seifert (Arbeitsagentur Bad Oldesloe), Prof. Dr. Matthias R. Lemke, Ärztlicher Direktor der Heinrich-Sengelmann-Kliniken und Ursula Pepper

Diskutierten in Ahrensburg (v. l.): Anja Sievers-Sack, Personalleiterin Basler AG Ahrensburg,  Bernd Andreas Czarnitzki, Heike Grote-Seifert (Arbeitsagentur Bad Oldesloe), Prof. Dr. Matthias R. Lemke, Ärztlicher Direktor der Heinrich-Sengelmann-Kliniken und Ursula Pepper

Foto: Verena Künstner

Stiftung lud Fachleute und Betroffene zu einer Diskussion in den Marstall ein. Sie räumen mit Vorurteilen auf und geben Hilfestellung.

Ahrensburg.  Die Zahl der Fehltage von Arbeitnehmern aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre mehr als verdoppelt. Das geht aus einem aktuellen Bericht des Bundesarbeitsministeriums hervor. Umso brisanter das Thema der Informationsveranstaltung, zu der die Eheleute-Schmöger-Stiftung nun in das Ahrensburger Kulturzentrum Marstall geladen hatte.

„Depression und Arbeit – wie geht das?“ lautete die Frage des Abends, zu der Experten wie Professor Dr. Matthias R. Lemke (Ärztlicher Direktor der Heinrich-Sengelmann-Kliniken), Anja Sievers-Sack (Personalleiterin der Basler AG) und Heike Grote-Seifert (Agentur für Arbeit, Bad Oldelsoe) mit mehr als 80 Besuchern diskutierten. Darunter auch Betroffene, die ihre Erfahrungen schilderten. Ursula Pepper, Vize-Stiftungsratsvorsitzende der Bürger-Stiftung-Stormarn und Moderatorin, wies auf die Herausforderungen hin, vor denen an Depression erkrankte Menschen stehen, die am Berufsalltag teilnehmen möchten. Ein Fazit: „Geben Sie nie auf! Die Seele kann trainiert werden. Depression und Arbeit sind gut miteinander vereinbar“, sagt Professor Dr. Lemke. Die Voraussetzung sei umfassende Aufklärung über die psychische Einschränkung, die nach wie vor häufig als Schwäche ausgelegt wird.

Woran merke ich, dass ich unter Depressionen leide?

Stimmungsschwankungen kennt jeder. Entwickelt sich das Tief jedoch zu einer lang anhaltenden diffusen Traurigkeit, könnte eine Depression die Ursache dafür sein. Wiederkehrende Schlafstörungen, permanentes Überforderungsgefühl und Motivationslosigkeit sind weitere Symptome. „Bereits eines dieser Merkmale kann ein Hinweis sein“, sagt Diplom-Psychologe Christian Husmann aus Volksdorf. Seine therapeutischen Schwerpunkte liegen in der Behandlung von Burnout und Erschöpfungsdepression. „Mein Mann hat selbst gar nicht gemerkt, dass er krank ist“, so eine Teilnehmerin der Diskussionsrunde. „Daher ist es enorm wichtig, dass die Menschen im Umfeld für das Thema sensibilisiert sind.“

Sage ich meinem Arbeitgeber, dass ich depressiv bin?

Ob Betroffene ihrem Chef von ihrer Erkrankung erzählen oder nicht, sei stark abhängig vom Vertrauensverhältnis. „Leider kann nicht jeder Arbeitgeber angemessen damit umgehen“, sagt Professor Dr. Lemke. Deshalb rät er, genau abzuwägen, ob ein Outing sinnvoll ist. „Ist der Chef grundsätzlich fürsorglich und verständnisvoll, kann es eine große Erleichterung sein, offen darüber zu reden.“ Agenturchefin Heike Grote-Seifert hält Offenheit gerade bei der Arbeitsplatzsuche für sinnvoll. „Weiß ein Vermittler, wie die Erkrankung des Kunden seine Arbeitsweise beeinflusst, kann eine gemeinsame Handlungsstrategie entwickelt und von Anfang an nach einer geeigneten Stelle gesucht werden.“

Welche positiven Erfahrungen haben Betroffene gemacht?

Aus Angst vor Nachteilen verschweigen viele Arbeitnehmer mit psychischer Erkrankung ihr Leiden. So auch Michael Fischer. Als Angestellter im öffentlichen Dienst hielt er seine schwere Depression jahrelang geheim, kehrte nach Klinikaufenthalten immer wieder voll in den Einsatz zurück. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich total überfordert habe“, sagt Fischer, der daraufhin Vorgesetzte und Kollegen über seine Diagnose informierte. Mit durchweg positiver Resonanz. „Meine Kollegen haben mich in den Arm genommen und sich für meine Offenheit bedankt“, erinnert er sich. Trotz häufiger Fehlzeiten gab es keine negativen Konsequenzen. Gemeinsam mit dem Chef hat Michael Fischer mit einem internen Arbeitsplatzwechsel eine Lösung gefunden, die allen gerecht wird.

… und welche negativen Erfahrungen?

Weit weniger Verständnis für die gesundheitliche Situation ihrer Mitarbeiter hatte der Vorgesetzte einer Stormarnerin, die in der Buchhaltung eines Kleinbetriebs arbeitete. Ihr wurde während eines Reha-Aufenthaltes, den sie aufgrund depressiver Störungen machte, gekündigt. Ohne jegliche Vorankündigung. „Das hat mir den Boden unter den Füßen zusätzlich weggezogen“, sagt sie. In einem „furchtbaren Klima“ muss eine andere Gesprächsteilnehmerin nach wie vor arbeiten. „Viele Kollegen haben Angststörungen, sind längerfristig krank oder kommen erst gar nicht zurück“, sagt sie. Der Betriebsrat versuche gegen den großen Druck anzugehen – die Vorgesetzten blocken jedoch ab. „Ich gehe zum Glück bald in Rente und mache jetzt nur noch Dienst nach Vorschrift.“ Auch wenn ihr das widerstrebe. „Ich arbeite sehr gern. Doch unter diesen krankmachenden Bedingungen ist die Belastung viel zu hoch.“

Wie können Chefs psychisch Erkrankten helfen?

Das Signalisieren von Wertschätzung und Verständnis gehört für Anja Sievers-Sack, Personalleiterin bei der Basler AG mit Sitz in Ahrensburg, zur Grundvoraussetzung für ein gesundes Arbeitsklima. Chefs sollten ihren Angestellten auch präventiv Hilfe in Aussicht stellen. „Wir arbeiten beispielsweise mit dem Fürstenberg-Institut zusammen. Dort können sich unsere Mitarbeiter und deren Angehörige im Fall psychischer Probleme kostenfrei und anonym beraten lassen.“ Kollegen von Betriebsrat und Personalabteilung seien jedoch auch gern direkte Ansprechpartner. „Außerdem analysieren wir im Team Belastungsfaktoren und finden gemeinsam Maßnahmen, sie zu reduzieren.“ Das zähle zu dem ganzheitlichen Gesundheitsmanagement der Firma.

„Vorgesetzte sollten in erster Linie gut informiert sein“, sagt Professor Matthias R. Lemke. „Nur wer weiß, wie eine Depression entsteht und welche Auswirkungen sie haben kann, kann adäquat darauf reagieren.“ Druck auszuüben, sei der falsche Weg. Der Arzt sagt: „Die Seele ist ein sensibles Organ. Sie kann trainiert werden, aber das braucht Zeit.“ Wer seinen Angestellten helfen und sie halten möchte, sollte ihnen diese Zeit geben.

Warum ist Arbeit für viele Depressive so wichtig?

Häufig geht eine Depression mit geringem Selbstwertgefühl und Antriebslosigkeit einher. „Aufgaben am Arbeitsplatz und der Kontakt zu Kollegen können helfen, sich nicht völlig in der gefühlten Leere zu verlieren“, sagt Diplom-Psychologe Christian Husmann. „Der strukturierte Tagesablauf im Job tut vielen Betroffenen gut. Vorausgesetzt, die Ursache der Erkrankung liegt nicht am Arbeitsplatz selbst.“ Mobbing, Leistungsdruck bei geringer Wertschätzung und ständige Überforderung können Depressionen auslösen. „Umso wichtiger ist bereits bei der Jobsuche die Wahl des passenden Umfeldes“, sagt Heike Grote-Seifert von der Arbeitsagentur. Dort hilft ein speziell geschultes Team bei der Vermittlung und berücksichtigt dabei auch Einschränkungen, die Erkrankungen mit sich bringen.

Was erleben Betroffene bei der Agentur für Arbeit?

Dieter Scholz musste wegen Burnouts und Depressionen seinen Betrieb aufgeben. Nach einer Behandlung will der Handwerksmeister aus Bad Oldesloe wieder arbeiten. „Ich weiß, dass meine Belastungsgrenze niedriger ist als früher“, sagt der 61-Jährige. Sein Fachwissen sei jedoch Gold wert. „Das würde ich gern wieder einbringen.“ Solange er krankgeschrieben ist, kann er sich nicht arbeitssuchend melden. „Aber ein Beratungsgespräch bei uns in der Agentur ist jederzeit möglich“, sagt Heike Grote-Seifert. Die Erfolgsaussichten seien derzeit so gut wie nie. „Fachkräfte werden händeringend gesucht. Ich bin zuversichtlich, dass wir das Passende finden.“

Auf welche Hindernisse stoßen die Hilfesuchenden?

Aussagen wie „Reiß’ dich mal zusammen!“ machen es depressiven Menschen schwer, Hilfe überhaupt in Betracht zu ziehen. Sie lassen sich schnell einreden, „einfach nur zu schwach zu sein“. Auch hier sei umfassende Aufklärung der entscheidende Faktor, sagt Klinikchef Lemke. „Das anstrengende Verheimlichen der Krankheit und ihrer Symptome ist dann nicht mehr nötig.“ Doch auch nach dem Entschluss für eine Behandlung ist der Weg steinig: Die 2017 eingeführte Reform der psychotherapeutischen Versorgung macht ein Erstgespräch zur Diagnosestellung zwar relativ früh möglich – die Wartezeit auf eine ambulante Regeltherapie beträgt jedoch durchschnittlich immer noch mehr als vier Monate. „In schweren Fällen kann das schon zu spät sein“, sagt Therapeut Christian Husmann. Auch nach einer stationären Behandlung sei weitere Begleitung wichtig, „um bei sich zu bleiben und seine Bedürfnisse schützend wahrzunehmen“.

Woran liegt die immense Zunahme der Erkrankungen?

„Globalisierung und Digitalisierung sorgen dafür, dass sich alles beschleunigt. Wir können heute jederzeit und überall erreichbar sein“, sagt Klinikchef Lemke. „Druck und ständige Abrufbereitschaft erzeugen Stress, der bei mehr und mehr Menschen zu einer Depression führt.“ Arbeitgeber sollten ein gutes Klima für ihre Mitarbeiter schaffen, ihnen die dringend notwendigen Entspannungsphasen zugestehen. Wissen Chefs, wie erste Anzeichen einer Depression aussehen, können sie frühzeitig Hilfe anbieten. Das setzt voraus, dass sie sich über die Krankheit informieren und achtsam sind.

Welche Hilfen gibt es für psychisch Erkrankte?

Das Hamburger Modell sorgt für eine ärztlich betreute Wiedereingliederung in den Beruf. Arbeitgeber sind in der Regel verpflichtet, nach längerer Erkrankung so die Rückkehr zu ermöglichen. Weitere Hilfsangebote gibt es im Psychosozialen Zentrum Ahrensburg (An der Reitbahn 3, Tel. 04102/604 45 48). Berater des Reha-Teams der Agentur für Arbeit sind unter 0800/455 55 00 (für Arbeitnehmer) und 0800/455 55 20 (für Arbeitgeber) sowie per E-Mail (badoldesloe@arbeitsagentur.de) erreichbar.

Kontakt zur Bürger-Stiftung Stormarn bekommen Sie unter Tel. 04537/70 70 013 oder per E-Mail unter js@buerger-stiftung-stormarn.de. Weitere Details zu den regionalen Bürgerstiftungen und Stiftungsfonds gibt es unter www.buerger-stiftung-stormarn.de.