Stormarn
Stapelfeld

Nachwuchs fehlt: Kommt jetzt die Pflichtfeuerwehr?

Zwei Chefs, die neue Mitglieder suchen: Der Braaker Wehrführer Klaus Eggers (l.) und sein  Stapelfelder Kollege Marcus Claus mit den Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Stapelfeld

Zwei Chefs, die neue Mitglieder suchen: Der Braaker Wehrführer Klaus Eggers (l.) und sein  Stapelfelder Kollege Marcus Claus mit den Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Stapelfeld

Foto: Sebastian Knorr

Freiwillige Helfer im Kreis Stormarn suchen Mitglieder. Das gilt für Dörfer wie Braak und Stapelfeld und für die Stadt Ahrensburg.

Stapelfeld.  Knapp zwei Millionen Euro hat die neue Feuerwache in Stapelfeld gekostet, die im Oktober 2014 eingeweiht wurde. Ein imposanter Bau mit großem Parkplatz. Technisch ist alles auf dem neuesten Stand. Drei Fahrzeuge stehen bereit. Was fehlt, sind Frauen und Männer, die werktags zu Einsätzen ausrücken können. Gerade einmal fünf der rund 40 Feuerwehrleute sind tagsüber von montags bis freitags im Ort, wenn in der 1800-Einwohner-Gemeinde ein Alarm ausgelöst werden sollte.

Deshalb wird bei größeren Einsätzen mindestens auch die Wehr in der Nachbargemeinde Braak alarmiert. Dort ist die Situation allerdings nicht viel besser. Nach Landesvorgabe müssen bei einem Löschfahrzeug mit neun Plätzen mindestens 27 Helfer in der Wehr sein, die es bedienen können: drei komplette Mannschaften. Die Braaker Wehr zählt derzeit aber insgesamt nur 23 aktive Mitglieder. Gerade einmal drei von ihnen sind unter der Woche tagsüber verfügbar.

Kreisweit viel mehr Einsätze bei fast konstantem Personal

„Wir kämpfen uns durch“, sagt der Braaker Gemeindewehrführer Klaus Eggers, „wir müssen das Beste daraus machen.“ Neue Mitglieder kommen zwar aus der eigenen Jugend. „Viele von denen ziehen aber mit Anfang 20 weg“, sagt Eggers. Gemeinsam mit Bürgermeister Hans-Ulrich Schmitz (CDU) ist die freiwillige Feuerwehr bereits auf Betriebe im Gewerbegebiet Stapelfeld/Braak zugegangen, um potenzielle Helfer zu finden, die tagsüber in der Nähe arbeiten. Zwei Unternehmen hätten Interesse an einem Gespräch bekundet, sagt Eggers. Ob das etwas bringt, ist derzeit noch ungewiss.

Seit 45 Jahren ist Klaus Eggers bei der Feuerwehr. „Wir hatten auch mal 50 Mitglieder“, sagt er. Und teilt eine Beobachtung, die wohl auf viele kleine Orte im Hamburger Umland zutrifft: Die Einwohnerzahl von Braak steigt kontinuierlich, aber die Zugezogenen engagieren sich selten in der Feuerwehr.

In Stormarn steigt die Zahl der Feuerwehreinsätze

„Früher waren viele Bauern und Handwerker bei uns“, sagt der Stapelfelder Wehrführer Marcus Claus, „die haben alle auch auf den Dörfern gearbeitet.“ Heute pendeln die meisten Menschen täglich zwischen Wohn- und Arbeitsort. Das Problem der Feuerwehren, Nachwuchs zu finden, hängt eng mit der strukturellen Veränderung in den Dörfern zusammen und mit dem Wandel der Arbeitswelt: Immer weniger Menschen haben offenbar Zeit, neben Karriere und Kind ein Ehrenamt auszufüllen – und das gilt wohl besonders für eines, das auch Einsatz in der Nacht und an Wochenenden erfordert.

In Stormarn steigt sowohl die Zahl der Einwohner als auch die der Feuerwehreinsätze stetig. Dagegen ist die Zahl der Helfer etwa gleich geblieben. Im Jahr 2009 wurden kreisweit rund 2300 Einsätze registriert, 2016 waren es mehr als 2900. Darunter waren rund 270 beziehungsweise 520 Fehlalarme. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Feuerwehrleute nur gering von gut 3210 auf 3260.

In Ahrensburg fehlt ebenfalls Personal

Dass Bürger häufiger die Feuerwehr rufen, bestätigt Tim Moormann, der sich bei der Feuerwehr in Ahrensburg unter anderem um die Anwerbung neuer Mitglieder kümmert. „Wir rücken lieber einmal zu viel aus als einmal zu wenig“, sagt er.

Auch in Ahrensburg fehlt Personal: An den Ortswehren Ahrensburg, Wulfsdorf und Ahrensfelde sowie bei der Löschgruppe Hagen hängen Banner mit der Botschaft: „Wir brauchen dich!“ In Geschäften in der Innenstadt machen Puppen in Feuerwehrmontur Werbung für die Truppe, in der sich rund 120 Helfer engagieren.

In Braak könnte es mit der Freiwilligkeit bald vorbei sein

Am Tag sind auch in der Schlossstadt häufig nur wenig Ehrenamtler so schnell in der Wache, um ein Löschfahrzeug komplett zu besetzten. Deshalb werden meist mehrere Wehren alarmiert. Die vielen Einsätze – knapp 500 waren es im vergangenen Jahr – seien eine Herausforderung, sagt Ahrensburgs Ortswehrführer Jan Haarländer. Er rückt im Schnitt dreimal pro Woche aus: „Die Belastung des Einzelnen erhöht sich.“

Tim Moormann führt regelmäßig potenzielle Anwärter durch das Rettungszentrum an der Straße Am Weinberg. „Es ist eine schöne Sache, zu helfen“, sagt Stefan Ohlsen, einer der beiden Interessenten am heutigen Tag. Der 38-Jährige weiß, was ihn erwartet: Er war zwölf Jahre bei der freiwilligen Feuerwehr in Bad Schwartau. Neben ihm steht die 17 Jahre alte Leonie Brodersen. Sie ist zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Feuerwache. Junge Menschen, die Lust haben zu helfen: Sie sind die Hoffnung der Feuerwehren.

Für Braak könnte es dagegen bald mit der Freiwilligkeit der Wehr vorüber sein. Man stehe kurz davor, zur Pflichtfeuerwehr zu werden, sagt Chef Klaus Eggers. Da die Feuerwehr auch Kulturträger auf dem Land sei, Maifeste, Osterfeuer und Tanzabende organisiere, wünsche er sich das allerdings nicht.

Weitere Infos: Die Rechtslage

Berufsfeuerwehrleute sind in Schleswig-Holstein in Lübeck, Kiel, Neumünster und Flensburg im Einsatz. Nach Landesgesetz müssen Städte ab 80.000 Einwohnern Wehren mit hauptamtlichen Kräften einsetzen.

Freiwillige Feuerwehrleute kümmern sich in kleineren Städten und den Gemeinden ehrenamtlich um Brandschutz und technische Hilfeleistungen zum Beispiel nach Unfällen. Bundesweit sind nur gut sechs Prozent von einer Million erwachsenen Feuerwehrleuten fest angestellt.

Fehlen Ehrenamtler, sodass der Brandschutz nicht mehr gewährleistet ist, haben Kommunen nach Landesvorschrift eine Pflichtfeuerwehr aufzustellen. Frauen und Männer zwischen 18 und 50 Jahren müssen den freiwilligen Dienst dann übernehmen, sofern es ihre Gesundheit zulässt. Er bleibt ein Ehrenamt.

Drei Pflichtfeuerwehren gibt es derzeit im Land: in List auf der Insel Sylt, in Burg (Kreis Dithmarschen) und in Friedrichstadt (Kreis Nordfriesland).