Stormarn
Bildung

Stormarns neuer Plan gegen Schulschwänzer

Manche Kinder gehen aus Unlust nicht zur Schule, andere aufgrund von unterschiedlichen Ängsten. Behörden wollen helfen, aber auch sanktionieren.

Manche Kinder gehen aus Unlust nicht zur Schule, andere aufgrund von unterschiedlichen Ängsten. Behörden wollen helfen, aber auch sanktionieren.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Kalaene / picture alliance / ZB

Zahl der Fälle weiter gestiegen. Ministerin will neues Konzept gegen Verweigerer. Kreisverwaltung arbeitet seit zwei Jahren daran.

Barsbüttel/Reinbek.  Wenn am kommenden Montag in Stormarn die Schule wieder losgeht, werden vermutlich nicht alle Schüler hingehen – und die Zahl dieser Verweigerer steigt. 117 potenzielle Schulschwänzer hat das Schulamt im zweiten Halbjahr 2017/18 erfasst. Ihre Anzahl ist im Vergleich zu 2016 um 33 Prozent gestiegen. Die 79 Jugendlichen und 38 Grundschulkinder haben 3285 Fehltage angesammelt. Während die Zahl bei Grundschülern leicht sank, stieg die der Jugendlichen von 48 auf 79 Fälle. Die Zahlen basieren auf den Angaben des Schulamtes für die 35 Grundschulen, fünf weiterführenden Schulen ohne Oberstufe und fünf Förderzentren im Kreis (rund 12.500 Schüler). Die Verweigerer an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe werden vom Land bisher nicht erfasst.

Das soll sich nun ändern, denn Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat für das Schuljahr 2019/20 ein Konzept zur Prävention, Intervention und Wiedereingliederung bei „Schulabsentismus“ angekündigt. Ziel ist es, die Schulabbrecherquote zu senken. Dafür sollen landesweit vergleichbare Daten aus allen Schulen gesammelt werden. Prien: „Wir müssen wissen, warum diese Schüler über einen längeren Zeitraum in der Schule fehlen oder sich innerlich verabschieden.“

Odnungsgelder in hartnäckigen Fällen

In Stormarn wird schon seit einer Konferenz vor zwei Jahren an einem Konzept gearbeitet. „Wir sind fast fertig, die Inhalte decken sich mit dem Rahmenplan des Ministeriums“, sagt Schulrat Michael Rebling. „Wir sind dabei, uns mit den Schulaufsichten für Gymnasien und Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe abzustimmen.“ Das Papier, das mit Schulpsychologen entwickelt wurde, enthält einen Ablaufplan, wie die Schule reagieren muss und welche Hilfsangebote, etwa aus dem Jugendamt, ihr und den Eltern zur Verfügung stehen. Michael Rebling: „Wir versuchen, die Lehrkräfte dafür zu sensibilisieren, schon ab drei Tagen Fehlzeit aufmerksam zu sein. Ab zehn Tagen schrillen dann die Alarmglocken.“

Schnell und verbindlich sollen dann Gespräche mit den Eltern folgen, Schulpsychologen und das Jugendamt eingeschaltet sowie Fallkonferenzen in den Schulen abgehalten werden. In hartnäckigen Fällen dürfen Kommunen derzeit Ordnungsgelder verhängen und die Schulverweigerer durch Polizisten zur Schule begleiten.

Auch Schulangst ist ein Problem

Wieder integriert sind diese dadurch in der Regel nicht. Michael Rebling: „Unsere Konzepte waren bisher alle auf Schulschwänzer ausgelegt, aber das trifft es nicht.“ Grundlage des neuen Leitfadens ist eine differenziertere Betrachtung der Schulverweigerer. Der Diplom-Psychologe und Kinder- und Jugendlichentherapeut Malte Lücke teilt sie in drei Kategorien ein: Neben den Schulschwänzern aus Unlust gibt es auch solche mit Schulangst oder Schulphobie. Sanktionen sind hierbei nutzlos, bei Schwänzern wiederum helfen therapeutische Ansätze nicht.

Schulangst – die Angst vor Überforderung oder vor der sozialen Situation in der Klasse – wird ausgelöst durch Erlebnisse in der Schule. Bei der Schulphobie macht nicht die Bildungseinrichtung Angst, sondern die Trennung von der Familie. „Die Kinder haben extreme Trennungsängste, etwa weil das Kind sich um die alkoholkranke Mutter kümmern muss“, sagt der Therapeut.

Wie Stormarner Schulen mit dem Thema umgehen

Während Eltern von Schwänzern oft aus allen Wolken fallen, wenn die Schule sie über hohe Fehlzeiten informiert, tragen die Eltern schulängstlicher oder schulphobischer Kinder zur Verweigerung bei, weil sie deren Abwesenheit entschuldigen. Oft besteht Schulverweigerung sehr lange, ohne dass es bemerkt wird. Je länger, desto schwieriger sei es, dagegen anzugehen. „Frühes Handeln ist wichtig“, sagt Therapeut Lücke: „Die Schule muss an die Eltern ran, muss mit ihnen kommunizieren, sie konfrontieren und trotzdem kooperativ sein, Hilfe anbieten.“ Die beste Vorbeugung sei die umsichtige Wahrnehmung der Schüler und der Kontakt zu ihnen.

Wie gehen Stormarner Schulen mit dem Thema um? Am Reinbeker Gymnasium Sachsenwaldschule (1150 Schüler) liegt die Zahl der Verweigerer im einstelligen Bereich. Schulleiterin Helga Scheller-Schiewek hat die Fälle im Blick, sie sagt: „Jede kritische Schulkarriere beginnt mit Schwänzen.“ Deshalb reagiere die Schule unverzüglich, sobald sich Fehlzeiten bei Schülern häufen. Das Kollegium thematisiere dies in Konferenzen und forsche nach den Gründen. „Bei Jungen nimmt häufig das Handy oder die Spielsucht am Computer so viel Raum ein, dass sie therapeutische Hilfe brauchen“, sagt die Oberstudiendirektorin. „Auch bei Schulangst hilft kein zusätzlicher Druck.“ Je nach Art der Fälle schalte das Gymnasium auch Schulpsychologen oder den allgemeinen sozialen Dienst des Jugendamts ein. Bei letzterem sei, was Hilfestellung und Zusammenarbeit angehe, aber „noch Luft nach oben.“ Eine gesonderte Statistik der Absentismusfälle gibt es nicht. „Das wurde bisher auch nicht nachgefragt“, sagt Helga Scheller-Schiewek.

„Wir haben mit Schulverweigerern kein Problem“

Die Glinder Sönke-Nissen-Gemeinschaftsschule hat mit dem Base-Unterricht ein eigenes Programm für Verweigerer entwickelt. 2016 nahmen elf der damals 574 Schüler daran teil, im letzten Schuljahr waren es nur noch fünf von 537. Zwei davon konnten wieder eingegliedert werden. Im „Base“-Unterricht führt ein Team aus Lehrern und Sozialpädagogen die Verweigerer wieder an den Regelunterricht heran. Die Schule bietet auch den Eltern Hilfen an. In den meisten Fällen greife dieses Konzept, sagt die kommissarische Schulleiterin Yvonne Pohle. Zudem gebe es mit den Flex-Klassen ab Jahrgang 7 die Möglichkeit, den Unterricht mit Berufsorientierung zu verbinden und den Schülern alternative Lebenswege aufzuzeigen.

Barsbüttels Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule hat seit sechs Jahren kein Schüler ohne Abschluss verlassen. „Wir haben mit Schulverweigerern kein Problem“, sagt Schulleiter Thorsten Schöß-Marquardt. Derzeit gebe es nur einen, psychisch bedingten Fall von Schulabsentismus an der Einrichtung. Die Fehlzeiten würden über das Klassenbuch erfasst und von den Klassenlehrern überwacht. Eine gesonderte Fehlzeiten-Statistik gibt es nicht. Die EKG sei aber auf dem Weg zu einem elektronischen Klassenbuch. „Dann ist denkbar, dass die Eltern bei Fehlzeiten gleich eine SMS bekommen, so wie es in England schon praktiziert wird.“

Eltern drohen bis zu 1000 Euro Bußgeld

Nach § 144 Abs. 2 des Schulgesetzes handelt ordnungswidrig, wer Kinder oder Jugendliche nicht zum Schulbesuch anmeldet oder nicht dafür sorgt, dass sie am Unterricht teilnehmen. Das kann mit Geldbuße geahndet werden. Für die Höhe greift § 17 Abs. 1 des Ordnungswidrigkeitengesetzes, wonach die Buße mindestens 5 und höchstens 1000 Euro beträgt.


Es gibt
keinen Bußgeldkatalog, sondern einen Rahmen, der Unter- und Obergrenzen festsetzt. Innerhalb dessen wird der Betrag vom Ordnungsamt des Kreises festgesetzt. Berücksichtigt werden die Schwere der Tat, die Bedeutung der Ordnungswidrigkeit und ob sie fahrlässig oder vorsätzlich begangen wurde.


Bei fahrlässigem Handeln liegt das Bußgeld maximal bei 500 Euro. Geringfügige Verstöße können auch mit Verwarnung und Verwarngeld bis zu 35 Euro geahndet werden.