Stormarn
Bank-Geheimnisse

Die Frau, die vielen Familien geholfen hat

Elfriede Rohwedder aus Ahrensburg im Gespräch mit Abendblatt-Redakteurin Janina Dietrich

Elfriede Rohwedder aus Ahrensburg im Gespräch mit Abendblatt-Redakteurin Janina Dietrich

Foto: Dorothea Benedikt

In unserer Serie treffen wir Stormarner auf ihrer Lieblingsbank. Heute: Elfriede Rohwedder, Ex-Leiterin von Pro Familia.

Ahrensburg.  „Ohne Sie wären meine Frau und ich heute nicht mehr zusammen.“ Diesen Satz hat Elfriede Rohwedder erst kürzlich von einem Mann gehört – und er macht sie glücklich. Denn er zeigt, dass ihre Beratung des Ehepaares offenbar etwas bewirkt hat. „Das ist immer schön“, sagt die 62-Jährige und lächelt. Sie ist Diplom-Sozialpädagogin, Paar- und Sexualberaterin sowie Mediatorin . Vor allem aber hat sie die Entwicklung von Pro Familia in Stormarn in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich beeinflusst.

Mehr als ein Vierteljahrhundert leitete Rohwedder bis zu ihrem Ausstieg Anfang Oktober die Beratungsstellen im Kreis, baute in dieser Zeit das Angebot in den Bereichen Sexualität, Partnerschaft, Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualpädagogik immer weiter aus. Anfang der 90er-Jahre, als Rohwedder mit ihrem Mann und den beiden Kindern nach Ahrensburg zog und bei Pro Familia anfing, beschränkte es sich auf Schwangerschaftskonfliktberatung, Paarberatung und Sexualpädagogik.

Kostenfreie Verhütungsmittel für Hartz-IV-Empfänger

Elfriede Rohwedder holte zum Beispiel die Täterarbeit dazu. Bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit in Frauenhäusern habe sie gesehen, wie häufig Frauen trotz erlebter Gewalt zu ihrem Partner zurückgekehrt sind. „Deshalb reicht es aus meiner Sicht nicht aus, wenn sich nur das Opfer verändert“, sagt Rohwedder. „Die Männer müssen mit einbezogen werden. Sie müssen sich mit ihrer Gewalttätigkeit auseinandersetzen.“

Rohwedder führte die Mediation ein, ließ sich dafür extra fortbilden. Sie kämpfte dafür, dass der Kreis die Kosten von Verhütungsmitteln für Hartz-IV-Empfänger übernimmt. Und sie verhalf der Trennungsberatung zu einem höheren Stellenwert. „Wir wollen, dass Trennung nicht bedeutet, mit dem anderen in den Krieg zu ziehen, sondern sich von ihm zu verabschieden“, so Rohwedder.

Hemmschwelle auch bei Männern geringer geworden

Die Bereitschaft der Stormarner, sich helfen zu lassen, habe deutlich zugenommen. „Genauso wie Menschen mit Schmerzen im Knie zum Arzt gehen, wenden sie sich an unsere Beratungsstellen, wenn sie etwas belastet“, sagt Rohwedder. Auch bei Männern sei die Hemmschwelle geringer geworden. Inzwischen erfolge die Anmeldung zu einer Paarberatung in 40 Prozent der Fälle vom Mann. Auch ältere Paare ab 70 Jahren suchten zunehmend Unterstützung. „Meine ältesten Patienten waren 89 Jahre alt. Sie sagten, sie befänden sich in einer Lebenssituation, in der sie sich gern verändern würden.“

Eine solche Reflexionsbereitschaft sei wichtig. „Viele Paare denken am Anfang, man liebt sich und so bleibt es für immer.“ Doch genauso wie Fortbildungen im Beruf dazu gehörten, sei es auch in einer Beziehung nötig, sich weiterzuentwickeln. „Paare müssen ihre Beziehung immer wieder neu betrachten“, sagt Rohwedder. Eines der größten Probleme: Viele unterschätzten, welchen Einfluss ein Kind auf ihr Zusammenleben hat und wie viel Zeit und Kraft es braucht. „Andere Bedürfnisse wie Sport und Beruf müssen erst mal zurückgesteckt werden.“

Der Austieg war lange geplant

Die Beratung der Menschen – das habe sie schon immer am liebsten gemacht. Auch deshalb hat sich Rohwedder dazu entschieden, die Leitung von Pro Familia aufzugeben. Denn mehr als die Hälfte der Arbeitszeit habe sie sich zuletzt mit administrativen Aufgaben beschäftigt. Ihren Ausstieg hat sie von langer Hand geplant. Vor sechs Jahren habe sie bereits die Entscheidung getroffen, 2018 ein Sabbatjahr zu beginnen und damit die Leitung der Beratungsstellen abzugeben. Sie wollte genug Zeit haben, eine geeignete Nachfolgerin zu finden und einzuarbeiten. „Für mich war es wichtig, Pro Familia in gute Hände abzugeben“, sagt sie.

Elfriede Rohwedder ist in einem Dorf bei Trier aufgewachsen, ihren Mann lernt sie beim Studium in Koblenz kennen. „Ich wollte schon immer gern in den Norden. Hamburg war für mich das Tor zur Welt.“ Ihre Berufsanfänge führen das Ehepaar aber zunächst nach Neumünster. Der Umzug nach Ahrensburg erfolgt 1992 wegen ihres Sohnes. Er ist gehörlos, soll in Hamburg in die Frühförderung kommen.

Künftig möchte sie mehr Freizeit haben

„Wir leben gern in Ahrensburg“, sagt Rohwedder. Seit Anfang Oktober befindet sie sich in ihrem Sabbatjahr. Wobei: „Nur Freizeit ist das nicht“, sagt sie. Denn seit vier Jahren betreibt die Sozialpädagogin eine eigene Praxis in der Schlossstadt, bietet dort Mediation, Paar- und Sexualberatung an. Ein langjähriger Traum? Rohwedder schüttelt entschieden den Kopf. „Nein, überhaupt nicht“, sagt sie. „Sonst hätte ich das viel früher gemacht. Pro Familia war immer meine Praxis.“ Eine Bekannte habe sie gefragt, ob sie in deren Praxis miteinsteigen wolle. Die Aussicht, sich nur noch auf Beratungen konzentrieren zu können, überzeugte Rohwedder.

„Aber es ist kein Vollzeit-Job. Ich werde darauf achten, nicht mehr so viel zu arbeiten wie in den vergangenen Jahren.“ Denn die Ahrensburgerin möchte künftig mehr Freizeit haben. Für gemeinsame Spaziergänge mit ihrem Mann auf dem Auewanderweg zum Beispiel, der nur wenige Schritte von ihrem Zuhause entfernt ist. Aber auch für Reisen, Bücher, Theater- und Konzertbesuche. Und für die Familie, allen voran Enkeltochter Hilda (2). Ihr Mann Henning Rohwedder, der viele Jahre die Woldenhorn-Schule geleitet hat, ist im Sommer in den Ruhestand gegangen. „Es ist schön, dass unsere Terminkalender nun nicht mehr so zugepflastert sind.“

Pro Familia: 1784 Beratungsgespräche in einem Jahr

1517 Männer und Frauen haben sich im vergangenen Jahr Unterstützung bei Pro Familia in Stormarn geholt. Die Mitarbeiter nahmen 1784 Beratungen vor. Der Schwerpunkt liegt laut Elfriede Rohwedder auf der Beratung von Schwangeren, zum Beispiel über Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung und über die Elternzeit. Gefragt sind auch Paar- und Sexualberatungen sowie Trennungsberatungen und Mediation.

Im Bereich Sexualpädagogik hat Pro Familia im vergangenen Jahr 60 Schulprojekte organisiert. Dafür gibt es eine vom Kreis finanzierte Stelle, die sich die Sexualpädagogen Magdalena Thams und Florian Bauer teilen.

Zwei Standorte hat Pro Familia in Stormarn: in Ahrensburg (Große Straße 4) und Bad Oldesloe (Mühlenstraße 22). Beratungen gibt es zudem im Bürgerhaus Bargteheide. Die Mitarbeiter sind montags bis freitags von 8 bis 10 Uhr sowie montags und donnerstags von 14 bis 16 Uhr in Ahrensburg unter Telefon 04102/329 66 und in Bad Oldesloe unter 04531/673 23 zu erreichen.