Stormarn
Werktstätten

Student entwickelt Arbeitshilfe für Behinderte

Nicole Zachhuber (29. l.) kann dank einer speziell für sie entwickelten Maschinen endlich in den Stormarner Werkstätten mitarbeiten.

Nicole Zachhuber (29. l.) kann dank einer speziell für sie entwickelten Maschinen endlich in den Stormarner Werkstätten mitarbeiten.

Foto: Janina Dietrich / HA

29-Jährige wird dank neuer Maschine besser ins Berufsleben integriert. Stormarner Werkstätten in Ahrensburg sehen noch mehr Bedarf.

Ahrensburg.  Mit ihrem rechten Zeigefinger tippt Nicole Zachhuber leicht gegen einen kleinen schwarzen Joystick, setzt damit eine Maschine in Gang. Zwei Teile einer Keilabdichtung für den Schiffsbau werden daraufhin zusammengepresst. Die Stormarner Werkstätten stellen davon jede Woche 1500 Stück in Ahrensburg her.

Bis vor Kurzem konnte die 29-Jährige daran nicht mitwirken. Sie leidet an einer starken spastischen Lähmung, ist auf den Rollstuhl angewiesen. Eine Teilhabe am Berufsleben, wie sie die Stormarner Werkstätten Menschen mit Behinderung eigentlich ermöglichen wollen, funktionierte nicht. Zu groß schienen ihre körperlichen Einschränkungen. Wenn die Kollegen arbeiteten, konnte sie nur zugucken. „Sie war außen vor und hat darunter sehr gelitten“, sagt Einrichtungsleiter Frank Michelsen. „Denn geistig ist sie relativ fit.“

Die Betreuer geben die Suche nicht auf

Seit Jahren versuchen die Stormarner Werkstätten, eine Möglichkeit zu finden, damit auch Nicole Zachhuber arbeiten kann – aber zunächst ohne Erfolg. „Bei einer spastischen Lähmung ist der Betroffene im eigenen Körper gefangen“, sagt Michelsen. „Er kann seine Bewegungen nicht koordinieren, kann zum Beispiel mit den Armen keine zielgerichteten Arbeiten machen.“ Die Teile per Hand zusammenzupressen, so wie es ihre Kollegen machen, dafür reicht ihre Kraft nicht aus.

Doch ihre Betreuer geben nicht auf. „Wir haben den Anspruch, integrative Arbeit zu gestalten“, sagt Frank Michelsen. „Und es ist unser Versagen, wenn das nicht gelingt.“ Er nimmt Kontakt zu verschiedenen Fachhochschulen auf – und stößt schließlich bei der Hamburger Fern-Hochschule auf großes Interesse. „Ich habe mir die Situation vor Ort angesehen“, sagt Professor Ronald Deckert, Dekan für den Fachbereich Technik. „Es war beeindruckend, wie klar Nicole den Wunsch geäußert hat, zu arbeiten. Da wollten wir helfen.“

Per Ausschreiben finden sie einen Studenten

Per Ausschreibung sucht er einen Studenten, der für die Frau eine Maschine entwickelt und darüber seine Bachelorarbeit schreibt. Und er findet Jochen Klostermann, Student des Wirtschaftsingenieurwesens. „Mich hat das Ziel überzeugt, einen Menschen zu integrieren“, sagt er. Der 32-Jährige hatte bereits eine Ausbildung als Mechatroniker absolviert, brachte damit die nötigen Kenntnisse für die Arbeit an der Schnittstelle zwischen Mechanik, Informatik und Elektrik mit.

„Es war ein langer Entwicklungsprozess“, sagt Michelsen rückblickend. Von der ersten Idee bis zur Umsetzung habe es zwei Jahre gedauert. Die Schwierigkeit war, Mensch und Maschine zusammenzuführen: Welche Potenziale hat die Frau, welche technischen Herausforderungen gibt es? Vieles sei ausprobiert und wieder verworfen worden. „Der Plan für die Maschine ist virtuell mit einem Computerprogramm entstanden“, sagt Klostermann. „Dort konnte ich simulieren, welche Bewegungsabläufe die Frau macht.“

Bedarf an den Maschinen wird zunehmen

Ende 2017 präsentiert er seine Ergebnisse den Stormarner Werkstätten. „Danach brauchten wir jemanden, der diese auch umsetzt“, sagt Michelsen. Die Firma Birenheide aus Lübeck übernimmt diese Aufgabe, die Stiftung Friedrich Wilhelm und Monika Kertz aus Ahrensburg finanziert das 11.000 Euro teure Projekt. „Wir konnten den Bauplan des Studenten bis auf ein paar kleine Änderungen umsetzen“, sagt Geschäftsführer Torsten Birenheide. So kann Nicole Zachhuber die drei Hebel nicht bedienen, die eigentlich zum Starten des Pressvorgangs nötig sind. Die Maschinenbauer integrieren deshalb noch einen Joystick, der auch auf leichtere Berührungen reagiert.

Frank Michelsen ist glücklich, die Frau nun doch noch in das Arbeitsleben integrieren zu können. „Auf den ersten Blick schien es unmöglich“, sagt er. Denn solche Maschinen könne man nicht von der Stange kaufen. „Sie ist individuell auf sie und das Produkt abgestimmt worden.“ Allerdings ist Nicole Zachhuber inzwischen nicht mehr die einzige, die die neue Maschine nutzt. Ein Mann sei nur deswegen zu den Stormarner Werkstätten nach Ahrensburg gekommen. Auch er konnte vorher wegen seiner Behinderung nicht arbeiten. „Die Maschine ist konkurrenzlos“, sagt Michelsen. Er geht davon aus, dass der Bedarf an solchen Geräten zunimmt. „Wir haben immer mehr Menschen in den Werkstätten, die sehr starke Einschränkungen haben. Das Problem sind die hohen Kosten für die Maschine.“

Und Nicole Zachhuber? „Sie ist glücklich, fühlt sich jetzt endlich integriert“, sagt ihr Vater Peter Zachhuber. „Früher war sie hin und wieder deprimiert und wusste nicht mehr, warum sie überhaupt zur Arbeit geht.“