Stormarn
Religion

Kloster Nütschau – wo Tausende Ruhe finden

Prior Johannes Tebbe (l.) und Erzbischof Stefan Heße vor dem Hauptgebäude des Klosters Nütschau. Beide üben ihr Amt seit drei Jahren aus

Prior Johannes Tebbe (l.) und Erzbischof Stefan Heße vor dem Hauptgebäude des Klosters Nütschau. Beide üben ihr Amt seit drei Jahren aus

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Interview mit Hamburgs Erzbischof Stefan Heße und dem Kloster-Prior Johannes Tebbe über Handys, Lärm und pastorale Räume.

Sexueller Missbrauch und der Streit um die Schließung katholischer Schulen in Hamburg – zurzeit steht die römisch-katholische Kirche im Kreuzfeuer der Kritik. Das Kloster Nütschau ist dagegen ein Ort der Besinnung und Ruhe. Hier tankt auch das kirchliche Führungspersonal Kraft. Das Abendblatt sprach in Nütschau mit dem Hamburger Erzbischof Stefan Heße (52) und dem Prior des Stormarner Klosters, Johannes Tebbe (45).

Nütschau. Wozu braucht es heute noch Klöster? Es gibt doch das
Internet.

Erzbischof Stefan Heße: Es braucht Orte, wo man zusammen kommen kann. Klöster schaffen solche Verbindungen. Und es braucht Orte, in denen der Glaube in besonderer Weise gelebt wird. Die Mönche versuchen, Christsein authentisch zu leben. Wenn man für eine gewisse Zeit dieser Gemeinschaft begegnet, ist das viel mehr, als was man im Internet erleben kann. Es sind lebendige Menschen. Ich bin froh, dass es in Nütschau solche Menschen gibt. Ich bin mal mit Jugendlichen hier gewesen – und die sagten: Wir sind zum ersten Mal echten Mönchen begegnet. Sie dachten bislang, das gebe es nur im Mittelalter und in Filmen wie „Der Name der Rose“.

Haben denn die 19 Brüder von Deutschlands nördlichstem Benediktiner-Kloster wenigstens ein Handy?

Prior Johannes Tebbe: Die meisten jüngeren schon, von den älteren nur wenige. In unseren Klosterzellen gibt es keinen WLAN-Anschluss. Zur digitalen Kommunikation müssen die öffentlichen Bereiche genutzt werden.

Waren Sie als Erzbischof schon häufiger in diesem Kloster?

Heße: Viele Male, und das meist aufgrund meines Amtes. Aber ich bin auch ganz persönlich froh, hin und wieder die Stille im Kloster genießen und Gast sein zu können. Die Brüder sind sehr einladend und gastfreundlich.

Sie beide sind seit 2015 im Amt, der eine als Erzbischof von mehr als 400.000 Katho­liken, der andere als Prior von insgesamt 19 Benediktinern, darunter einem Novizen. Wie hat sich das Interesse der Besucher an den Veranstaltungen, Kursen und Seminaren im Kloster verändert?

Tebbe: Wir sind kontinuierlich gewachsen, sind von der Gästezahl voll ausgelastet und verzeichnen mehr als 23.000 Übernachtungen im Jahr.

Dazu kommen noch die Tagesgäste...

Sie kommen zum Beispiel mit dem Bus, nehmen am Gebet teil und suchen das Gespräch mit uns. Stark nachgefragt sind auch unsere Sonntagskonzerte. Unser Parkplatz reicht dann nicht aus, so viele Besucher sind es.

Haben sich die spirituellen Bedürfnisse verändert?

Tebbe: Wir haben einen eigenen Speiseraum für Gäste, die schweigen wollen. Kürzlich waren am Tisch acht Plätze belegt. Acht schweigende Einzelgäste – das ist relativ viel. Dieses Bedürfniss ist gestiegen. Auch bei Jugendlichen gibt es ein wachsendes Interesse an Meditation. Auf den Atem zu achten, sich Gott hinzuhalten in der Stille. Die Stille – sie öffnet.

Trotz geplanter Schließungen von katholischen Schulen ist die Zahl der Kirchenaustritte im Erzbistum mit rund 5500 im vergangenen Jahr relativ konstant geblieben. Macht Ihnen das religiöse Interesse der ­Jugendlichen Mut?

Heße: Die Kirchenaustritte kann und will ich nicht verharmlosen. Am besten tun wir etwas dagegen, wenn wir viele Orte haben, an denen Christen ihren Glauben leben. Selbstverständlich und fröhlich. Und wenn sie sich anderen mitteilen. Auch im Jugendhaus des Klosters begegne ich immer wieder Gruppen, die mehr über das Leben hier erfahren wollen. Es braucht heute solche Orte, wo Jugendliche den christlichen Glauben live erleben können. Das geht in manchen Pfarreien leider nicht mehr. Und deswegen bin ich dankbar, dass es Orte wie Nütschau gibt, wo sich das alles verdichtet und Glaube geweckt und gestärkt wird.

Machen Sie sich keine Sorgen um die Zukunft des Christentums?

Heße: Klar mache ich mir darüber Sorgen. Das hat mit Demografie zu tun – und nicht zuletzt damit, dass die Zeiten der Volkskirche vorbei gehen – wenn es sie im Norden für die Katholiken überhaupt gegeben hat. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Kirchengemeinden kleiner werden. Aber auch in diesen kleineren Gruppen kann Glauben mit hoher Intensität gelebt werden.

Ist Nütschau ein Ort der Gotteserfahrung?

Tebbe: Ich gebe regelmäßig kontemplative Exerzitien (betrachtende Übungen). Da gehen wir mit dem Jesus-Gebet ins Schweigen. Eine Teilnehmerin – sie ist getauft – sagte nach dieser Zeit: Zum ersten Mal habe sie gespürt, dass Gott sie liebt und sie Gottes Kind ist, obwohl ihr Verstand das schon längst wusste. Wenn mir das ein Gast so erzählt, da bekomme auch ich Gänsehaut. Wenn das nur einer oder eine erfährt, dann hat es sich gelohnt, hier zu beten.

Wir sitzen im Klostergarten und hören den konstanten Lärm der Autobahn A 21. Schön ist das nicht.

Tebbe: An zwölf Stellen unseres Gästehauses wird der Grenzwert überschritten. Da müsste man was machen. Der Staat, so sagte man uns, würde die Schallschutzfenster bezahlen. Wir wollen aber, dass es auch draußen, auf dem ganzen Klostergelände, stiller wird.

Also reicht die Lärmschutzwand nicht?

Tebbe: Die Landesregierung hat einen Vorschlag gemacht mit einer Selbstbeteiligung des Klosters von 500.000 Euro. Das ist viel Geld, was wir nicht haben. Damit würde die Wand erneuert und teilweise um bis zu zwei Meter erhöht werden. Das dürfte unseres Erachtens aber nicht reichen. Die Lärmschutzwand muss verlängert werden.

Wie schaffen Sie es als Prior, geistliche Kraft zu tanken?

Tebbe: Ich war gerade zu Exerzitien, zehn Tage, in einem Franziskaner-Kloster in Bayern. Da hört man übrigens keine Autobahn. Es war ein Angebot für Brüder und Schwestern in der Ordensleitung und auch für mich eine wunderbare Erfahrung.

Mit der Krise um die geplanten Schulschließungen standen Sie als Erzbischof unter besonderem öffentlichen Druck. Wie haben sie ihn bewältigt?

Heße: Es kommt immer darauf, verlässliche Freundschaften und Beziehungen zu haben, wo man sich auch mal aussprechen kann, Unterstützung und Zuspruch erfährt. Ich brauche auch, wie man so schön sagt, „den Draht nach oben“. Ein geistlich strukturierter Tag hilft mir dabei. Ich bin kein Mönch, aber auch außerhalb eines Klosters sollte es eine Tagesstruktur geben. Für mich gehören die Stille und das Gebet am Morgen fest dazu. Das ist für mich der Anfang des Tages, von dem alles andere ausgeht und inspiriert wird. Dann folgt die Feier der Heiligen Messe. Und abends gilt es, über das Erlebte nachzudenken und es im Gebet Gott zu übergeben. Da schläft es sich auch leichter.



Das Kloster Nütschau liegt in Stormarn mit dem jetzt neu geschaffenen Pastoralen Raum der Pfarrei Ansverus und ihrem Verwaltungssitz in Ahrensburg. Ist die geistliche Versorgung bei diesen Zusammenlegungen überhaupt gesichert?

Heße: Im Juni dieses Jahres habe ich die Pfarrei Ansversus gegründet, die von Ahrensburg über Nütschau bis nach Mölln und Ratzeburg im Herzogtum Lauenburg reicht und rund 15.000 Kirchenmitglieder hat. Dabei wurde auch ein neuer Pfarrer eingeführt, der diese Pfarrei leitet. Zum Pastoralteam gehören vier Priester.

Reicht das?

Heße: Soweit ich weiß, funktioniert das mit der Verteilung der Messen hier im Pastoralen Raum der neuen Pfarrei relativ gut. Wir fangen schließlich nicht bei Null an. Es sind viele Aktive in der Gemeinde.

Also Ehrenamtliche.

Heße: Ich mag den Begriff Ehrenamtliche nicht. Ich spreche lieber von Getauften und Gefirmten und sage zu den Gläubigen: Du bist Christ durch deine Taufe, gestärkt in der Firmung, du hast die Kraft des Heiligen Geistes. Das lebst Du. Wenn man die Taufe als so großes Geschenk sieht, dann kann man sie nicht einfach – bildlich gesprochen – in einen Schrank ablegen. Die Rolle der Hauptamtlichen sehe ich zum einen darin, dass sie den Gläubigen helfen, dieses Geschenk zu entdecken und sich daran zu freuen. Und zweitens darin, sie zu begleiten, dieses Geschenk in der Gemeinde und im alltäglichen Leben einzubringen.

Könnten die Nütschauer Mönche in den Gemeinden aushelfen und bei Priester­mangel die Messe leiten?

Tebbe: Wenn wir grundsätzlich in den Pool der Priester als Vertretung aufgenommen würden, fehlte die Einsatzkraft im Kloster.

Heße: Ihr seid in erster Linie Mönche. Ich weiß, dass Ihr Vertretung macht. Aber das darf nicht überhand nehmen.

Tebbe: Sonst wären wir Pfarrer geworden.

Was müssen Männer tun, die diese Zeilen lesen und Interesse haben, eines Tages Mönch zu werden?

Tebbe: Rufen Sie uns einfach an und kommen Sie her. Bei Interesse können Sie an einem Seminar teilnehmen oder als Einzelgast da sein, um das Kloster Nütschau kennen zu lernen. Oder Sie suchen das direkte Gespräch mit unserem Novizenmeister, um persönlich darüber zu reden. Alles andere wird sich dann klären.