Stormarn
Inklusion

Wie Fischbeker für ihren Sohn Jasper kämpfen

Henning und Janna Wollesen aus Fischbek kämpfen um die Übernahme der Beförderungskosten für ihren Sohn Jasper    

Henning und Janna Wollesen aus Fischbek kämpfen um die Übernahme der Beförderungskosten für ihren Sohn Jasper    

Foto: Melissa Jahn

13-Jähriger leidet an schwerer Form von Epilepsie und benötigt Betreuung. Eltern streiten mit Behörden um Kosten für Schulbeförderung.

Fischbek.  Auf den ersten Blick wirkt Jasper Wollesen wie viele Gleichaltrige. Er spielt Handball, geht zum Konfirmandenunterricht. Und der Junge schwimmt am liebsten im eigenen Schwimmteich. Doch der 13 Jahre alte Schüler aus Fischbek ist Autist und leidet an einer unerforschten Form der Epilepsie. Und mit dieser Diagnose fangen die Probleme der Familie an, die im Streit um eine Schulbeförderung sogar gegen den Kreis vor Gericht zieht.

„Die Geburt eines Kindes ist etwas Schönes, solange es gesund zur Welt kommt“, sagt Mutter Janna Wollesen. „Kaum einer kann sich die Belastung der Eltern vorstellen, deren Kinder krank oder behindert sind.“ Der fortwährende Kampf mit Institutionen, Krankenkassen und Behörden beginnt direkt nach der Geburt von Jasper. Doch zumindest am Anfang bekommt der heute 13-jährige von den Anstrengungen seiner Familie nicht viel mit.

Mit dem Schulwechsel beginnen die Probleme

Der Schulstart verläuft unspektakulär an einer ländlichen Grundschule und mit dauerhafter Schulbegleitung. „Die Situation war perfekt. Und Jasper hatte dank seiner Lehrer und Mitschüler eine schöne Grundschulzeit“, erinnert sich Janna Wollesen. „Doch dies änderte sich grundlegend mit dem Schulwechsel.“ Auf Empfehlung der Lehrkräfte und Sonderpädagogen wechselt Jasper nach der Grundschulzeit auf eine Förderschule mit dem Schwerpunkt „motorisch/körperliche Entwicklung“ in Hamburg, die nächstgelegene Förderschule dieser Art. Ein Schulwechsel zu einem Förderzentrum für geistige Entwicklung, wie die näher gelegene Woldenhorn-Schule in Ahrensburg, ist zu diesem Zeitpunkt aufgrund der unterschiedlichen Schwerpunkte nicht möglich, weshalb der Kreis in Absprache mit dem Bildungsministerium in Kiel die Fahrtkosten übernimmt.

Doch mit dem Schulwechsel fangen die Probleme an: Jasper entwickelt bereits nach kurzer Zeit neue Ticks, macht keine Fortschritte mehr und wird gegenüber seinen Mitschülern aggressiv. „Obwohl er an der Grundschule rechnen, schreiben und lesen gelernt hat, gingen diese Kenntnisse an der neuen Schule rapide zurück“, erinnert sich Vater Henning Wollesen. „Zusätzlich stieg die Frequenz der epileptischen Anfälle enorm an, von denen wir vor dem Schulwechsel lange verschont blieben.“

Schulwechsel nach Anfällen und einer Lungenentzündung

In letzter Konsequenz erleidet Jasper einen Nervenzusammenbruch, wird länger krankgeschrieben. Direkt nach dem erneuten Start folgen vier weitere Anfälle – innerhalb von 18 Stunden – sowie eine lebensbedrohliche Lungenentzündung. „Aus diesem Grund haben wir nach knapp zwei Jahren dann die Reißleine gezogen und nach einer Alterative gesucht“, sagt Janna Wollesen, die selbst Sozialpädagogin ist.

Die Alternative findet die Familie im Haus Arild, einer Förderschule auf Grundlage der Waldorfpädagogik in Bliestorf bei Lübeck. Doch der erneute Wechsel gestaltet sich schwieriger als gedacht. „Wir haben zuerst Kontakt mit dem Jugendamt aufgenommen, welches aufgrund der Art der Behinderung jedoch nicht für uns zuständig ist“, erläutert die Mutter. „Stattdessen wurden wir an das Sozialamt verwiesen, welches unseren Antrag für einen Schulwechsel und damit die benötigte Beförderung sofort abgewiesen hat.“

Junge braucht Mitschüler mit gesunder Mimik

Edith Ulferts, Fachbereichsleitung Soziales und Gesundheit in Bad Oldesloe, führt für diese Entscheidung zwei Aspekte an. Die Übernahme des Schulgeldes aus Mitteln der Eingliederungshilfe scheide rechtlich aus, da mit dem Geld unterstützende Hilfsmaßnahmen, nicht aber die pädagogische Schularbeit selber finanziert werden. „Das Bundessozialgericht hat einen ähnlichen Fall bereits 2012 entschieden“, sagt Ulferts. „Auch das Recht der freien Schulwahl hat nicht zur Folge, dass der Sozialhilfeträger das Schulgeld zahlen muss.“ Die Übernahme der Beförderungskosten aus Mitteln der Eingliederungshilfe scheide ebenfalls aus, wenn alternativ der Schulbesuch an einer öffentlichen Einrichtung möglich ist. „In diesem konkreten Fall steht die Woldenhorn-Schule als zumutbare Alternative zur Verfügung“, sagt Edith Ulferts. „Nach Rückmeldung des Schulamtes ist hier eine altersentsprechende Beschulung des Kindes möglich.“

Dies kommt für Janna und Henning Wollesen jedoch nicht in Frage. „Der Förderschwerpunkt der Schule ist nicht passend“, sagt Janna Wollesen. „Zusätzlich braucht Jasper als Autist eine gesunde Mimik, da ihm das Ablesen schwerfällt. Dies verunsichert ihn enorm und macht ihn gegenüber seinen Mitschülern in der Förderschule aggressiv.“ Ohne Zuweisung des Kreises fing Jasper nach den Sommerferien an der Waldorfschule an. Kleine Gruppen, das Konzept und die Lage am Wald wirkten sich sofort positiv auf den Jungen aus, der auf einmal wieder gern zur Schule geht. Was bleibt, ist der Streit um die Beförderungskosten, die das Amt bis heute nicht übernehmen will. Das Prekäre an der Situation: Eine Mitschülerin startet täglich aus dem nur drei Kilometer entfernten Tremsbüttel – finanziert durch das Stormarner Jugendamt.

Im Notfall ziehen die Wollesens auch vor Gericht

Laut Auskunft der Eltern besteht für Jasper jedoch keine Möglichkeit, in das Taxi zuzusteigen. „Mit dem Ziel, Kosten zu sparen, wird alles kategorisch abgelehnt“, sagt Henning Wollesen. „Wir kämpfen in einem der reichsten Länder der Welt, um unserem behinderten Kind die Teilhabe am Leben zu ermöglichen.“ Entschieden werde in den meisten Fällen jedoch nach Papierlage und nicht im Sinne des Kindes.

„Es ist schwierig, mit einer nach außen kaum sichtbaren Behinderung zu leben“, sagt Janna Wollesen. „Trotzdem hat Jasper so viele Defizite, dass er immer Hilfe benötigen wird. Über dieses Schicksal urteilt das Amt, ohne das Kind jemals gesehen zu haben.“ Derzeit übernehmen die Eltern die Beförderung in Eigenregie und mit zeitlich begrenzter Ausnahmegenehmigung der Arbeitgeber. Bald müssen Großeltern und Nachbarn einspringen.

Einen Plan B gebe es zurzeit nicht, weshalb die Familie aus Fischbek versucht, die Kosten vor Gericht zu erstreiten. Die Hoffnung auf eine außergerichtliche Einigung haben sie ebenfalls noch nicht aufgegeben.