Stormarn
Bargfeld-Stegen

Deutschlands erste Draußenschule wird 10

Kleine Entdecker: Anna Apfelbaum (v.l), Matilda Maikäfer und Nils Nerz heißen die drei Kinder mit ihren Waldnamen Christina Schlie (3)

Kleine Entdecker: Anna Apfelbaum (v.l), Matilda Maikäfer und Nils Nerz heißen die drei Kinder mit ihren Waldnamen Christina Schlie (3)

Foto: Christina Schlie

Unterricht im Wald gehört in der Grundschule Alte Alster in Bargfeld-Stegen zum Programm. Konzept hat viele Nachahmer.

Bargfeld-Stegen.  Die dunklen Wolken hängen an diesem Morgen tief über der Grundschule Alte Alster in Bargfeld-Stegen. Der Blick in den Himmel verheißt Regen. „Regenhose, wetterfeste Jacke, Sitzkissen und Frühstück – habt ihr alles eingepackt“, fragt Dagmar Bermpohl, Klassenlehrerin der 3b. Die 23 Schüler der Löwenklasse haben sich zu zweit in eine Reihe vor der Schule aufgestellt. Statt im Klassenzimmer still an einem Tisch zu sitzen, geht es heute zum Lernen in den Wald. Es ist Draußenschule.

Seit zehn Jahren gehört die Draußenschule für die Kinder der zweiten und dritten Klasse an der Grundschule Alte Alster zum Schulalltag. Regelmäßig einen Vormittag pro Woche geht es in den nahegelegenen Wald. Dort wird dann beobachtet, erforscht, betastet und entdeckt. Mit all ihren Sinnen erleben die Grundschulkinder die Natur. Am Montag, 17. September wird dieses Jubiläum groß gefeiert. Als bundesweit erste Schule etablierte die kleine Grundschule in Bargfeld-Stegen 2008 den regelmäßigen Unterricht im Wald in ihr Schulprofil. Mittlerweile haben allein aus dem Kreis Stormarn zehn Schulen das Projekt übernommen, dazu weitere aus den benachbarten Hamburger Walddörfern. Rund 200 Klassen folgen dem Ruf des Waldes. 4000 Kinder, die während ihrer Unterrichtszeit die Möglichkeit erhalten, im Freien zu lernen.

Aufenthalt im Wald ruft Glücksgefühle hervor

„Der Mehrwert der Draußenschule ist für die Kinder unschätzbar“, sagt Anja Bück, Schulleiterin der Grundschule Alte Alster. „Die Kinder merken gar nicht, dass sie etwas lernen. Erlerntes, das selbst erfahren wird, bleibt viel besser hängen.“ Wissenschaftliche Studien belegten, dass ein Aufenthalt im Wald zur Entspannung beitrage und Glücksgefühle hervorrufe, so die Pädagogin. Dies wiederum wirke sich positiv auf das soziale Gefüge und die Klassengemeinschaft aus.

Angestoßen wurde das Projekt von der damaligen Lehrerin Kiene Bertram und dem außerschulischen Partner und Naturpädagogen Johannes Plotzki. Lernen im Leben, an authentischen Orten, wollten die beiden Waldpioniere den Kindern ermöglichen.

Für die 3b lautet die Aufgabe des heutigen Vormittags Asseln zu suchen. Vorab erklärt Tommi Tauchkäfer, welche verschiedenen Arten es gibt und wie man die kleinen Tiere in der Becherlupe einfängt, ohne sie zu verletzen. Tommi Tauchkäfer heißt eigentlich Thomas Lütkebohle und ist der begleitende Naturpädagoge der Gruppe. Ob Kinder oder Erwachsene – in der Draußenschule geben sich alle zu Beginn des Projekts einen Waldnamen. Sie heißen Matilda Marienkäfer, Leo Luchs oder Eva Eichhörnchen, der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt.

„Es müssen Tiere oder Bäume sein, die auch in unseren Wäldern vorkommen“, erklärt die achtjährige Matilda Marienkäfer. Außerdem sucht sich jedes Kind einen Patenbaum, den es das gesamte Jahr über beobachtet. „Es ist unglaublich, welche Verbundenheit die Kinder zu ihrem Baum entwickeln“, sagt Lütkebohle. Viele kämen auch nach der Schule mit ihren Eltern in den Wald, um ihnen ihren Baum zu zeigen.

Spenden und Fördergeld finanzieren das Projekt

Ein Jahr, von der zweiten bis zur dritten Klasse, steht die Draußenschule auf dem Stundenplan. Natürlich geht es dabei nicht nur ums Spaß haben und Spielen, sondern vor allem ums Lernen. Lehrerin Dagmar Bermpohl, die sich im Wald Dagmar Donner nennt, erinnert sich an Schüler, die am Ende des Projekts 28 verschieden Baumarten auseinanderhalten konnten. Respekt vor der Natur und den Tieren, die dort leben, ist oberstes Gebot in der Draußenschule. Durch die regelmäßigen Besuche stellen die Kinder die jahreszeitlichen Veränderungen im Wald, bei den Tieren und ihrem Patenbaum fest. In ihrem Naturtagebuch halten sie ihr Wissen und ihre Erlebnisse fest.

„Heutzutage ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Familien Ausflüge in die Natur unternehmen“, zeigt die Erfahrung der Pädagogen. Die Kinder verbrächten immer mehr Zeit vor den Bildschirmen. „Bei Wind und Wetter zwei Stunden an der frischen Luft, das ist für manch ein Kind anfangs gewöhnungsbedürftig“, sagt Schulleiterin Bück. Der Naturpädagoge Thomas Lütkebohle alias Tauchkäfer ergänzt: „Wenn wir Freispielzeit im Wald haben, wissen viele damit nichts anzufangen.“ Kein elektronisches Spielzeug, keine Schaukel, kein Ball – die Kinder müssen selbst kreativ werden, und damit seien viele überfordert. Nicht so Leo Luchs oder Moritz Maus. Die beiden Jungen laufen sofort los, als die Freispielzeit ausgerufen wird. Auf Bäume klettern, Kastanien suchen oder sich verstecken, der Wald hält viele tolle Abenteuer für die Kinder parat.

Finanziert werden das Projekt und die externen Honorarkräfte durch Spenden und Fördergeld. 6000 bis 7000 Euro sind dafür jährlich nötig. Anja Bück: „In unserem Schulkollegium haben wir keine männlichen Lehrer, daher nimmt Thomas Lütkebohle eine besondere und wichtige Rolle ein.“ Um die Draußenschule auch für die Zukunft zu sichern, werden regelmäßig Spenden gesammelt. So auch am jährlichen Sponsoren-Lauftag, an dem die Grundschulkinder für ihre Draußenschule rennen. Verzichten möchte keiner mehr auf dieses besondere Projekt. „Schule draußen ist viel cooler als im stickigen Klassenzimmer“, bringt es Anna Apfelbaum auf den Punkt.

So wird gefeiert

Das 10-jährige Bestehen der Draußenschule wird am Montag, 17. September, in der Grundschule Alte Alster (Schulstraße 10) gefeiert. Von 10.30 Uhr an können Interessierte einen Einblick in die Praxis der Draußenschule bekommen. Um 11.45 Uhr eröffnen Landrat Henning Görtz und die Klimaschutzbeauftragte des Kreises Stormarns, Isa Reher,
das offizielle Fest.