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Ahrensfelder Modellflieger brauchen Aufwind

Klaus Friese gibt Abendblatt-Mitarbeiterin Johanna Helbing eine Flugstunde mit dem Flieger Multiplex Easy Star aus Styropor

Klaus Friese gibt Abendblatt-Mitarbeiterin Johanna Helbing eine Flugstunde mit dem Flieger Multiplex Easy Star aus Styropor

Foto: Edgar S. Hasse / HA

Mit kostenlosen Flugtagen will Aero-Club e.V. neue und junge Mitglieder gewinnen. Dabei lernen sie: Fliegen ist Landen. Eine Reportage.

Ahrensfelde.  Es ist einer jener Sommertage mit wenig Wind, bei denen das Herz der Modellflieger höher schlägt. Klaus Friese, 63, trägt Hut und Sonnenbrille – das Mindestmaß an sommerlichen Utensilien für einen Elektroflug-Piloten. Weil der Blick von der Fernbedienung, die komfortabel von einem roten Gurt am Oberkörper gehalten wird, zum gleißend hellen Himmel geht, braucht es ausreichenden Blend- und Sonnenschutz.

In 30 Meter Höhe fliegt über der frisch gemähten Vereinswiese in der Nähe von Ahrensfelde das superleichte Modellflugzeug, hergestellt aus Styropor. Neben Fluglehrer Klaus Friese am Pilotenstand steht gerade Abendblatt-Mitarbeiterin Johanna Helbing. Sie absolviert einen kostenlosen Flugtag im Aero-Club Hamburg e.V. (siehe nebenstehenden Beitrag). „Mit diesem Schnupperfliegen wollen wir für unseren Traditionsverein neue Mitglieder gewinnen“, sagt Friese, der jahrzehntelang europaweit in der Autobranche als Außendienstler tätig war.

Bundesweit gibt es rund 120.000 Modellflugsportler

Weil die Vereinsmitglieder immer älter werden und Nachwuchs ausbleibt, geht der Ahrensfelder Aero-Club in die Offensive. Bundesweit sind mehr als 120.0000 Modellflugsportler in 1300 Modellflugvereinen oder Interessengruppen im Deutscher Aero Club e.V. und Deutschen Modellflieger Verband e.V. (DAeC und DMFV) organisiert. „Wir müssen dringend junge Leute gewinnen“, sagt Klaus Friese. Überall, wo der Werbeprofi auftritt, trommelt er für die Modellfliegerei. Vor einiger Zeit zählte der 1950 gegründete Verein noch 280 Mitglieder. Inzwischen sind es 231 – nur noch die wenigsten davon aktiv.

Es sind vor allem Männer, die mit ihren kleinen, aber tollkühnen Kisten einem Hobby frönen, das in Norddeutschland immer weniger Anhänger findet. Schriftführerin Karin Schwarke ist die einzige Frau im Verein. Sie nennt als Grund, dass Jugendliche heute viele andere Aktivitäten hätten und der Modellbau damit konkurriere.

Viele Flugzeuge fliegen mittlerweile mit Elektromotoren

Nicht so auf der grünen Wiese in der Nähe des Braunen Hirschs. Da wird noch selbst geklebt und gebastelt, restauriert und repariert. Es gibt Vereinsmitglieder wie Urgestein Hans-Jürgen Schwarke, 77, die mehr als 100 Modelle besitzen – fast alle selbst gebaut. Sie sind mit einer solchen Begeisterung dabei, dass sie bei gutem Wetter sieben Tage in der Woche auf dem gepachteten Gelände mit weitem Blick ins Land verbringen können. Je nach Wind und Wetter wählen sie ein Modellflugzeug aus. Selbst im Winter sind solche Aktivitäten möglich. „Da landen wir unsere Modelle mit Kufen im Schnee.“

Viele Flugzeuge fliegen inzwischen mit Elektromotoren; „getankt“ wird in der vereinseigenen Solarstromanlage. Bis zu 300 Meter weit und maximal 300 Meter hoch werden die Modellflugzeuge auf Tour geschickt. Auf der Wiese steht, per Fernbedienung mit dem Fluggerät verbunden, der aufmerksame Pilot als Bodenpersonal. „Fliegen ist Landen“, ruft Klaus Friese der Abendblatt-Flugschülerin zu. Danach bittet Karin Schwarke zu einem Kaffee ins Vereinshaus. Unter einem Fallschirm schwärmt sie von Modellflugzeugen und dem Vereinsleben. Und davon, dass sich neue Mitglieder von der Faszination des Modellflugs anstecken lassen.

Der Mitgliedsbeitrag kostet für Erwachsene 120 und für Jugendliche 60 Euro im Jahr, Jugendliche zahlen keine Aufnahmegebühr. Dazu kommt pflichtgemäß eine Haftpflichtversicherung (16 Euro). Als Einsteigermodell wird ein Elektrosegler empfohlen. Dieser wird mit Fernsteuerung vom Verein unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Termine für einen Flugtag mit kostenlosem Kurs: Aeroclub@gmx.net

Abendblatt-Mitarbeiterin Johanna Helbing über ihre erste Flugstunde am Modell:

„Holm- und Rippenbruch!“, ruft mir Klaus Friese zu, bevor ich das Modellflugzeug für Anfänger – „Multiplex Easy Star“ – mit ausgestrecktem Arm in die Lüfte steigen lasse. Viel Kraft musste ich beim Start nicht aufwenden, denn der Flieger ist mit einem elektrischen Motor ausgestattet. Summend zieht er immer höher in den Himmel.

Noch hat mein Lehrer Klaus Friese die Kontrolle über den Modellflieger. Er lenkt ihn geschickt mit einer großen Fernbedienung, auch Sender genannt, die er mit roten Gurten am Körper festgeschnallt hat. Ich fühle mich ein wenig wie bei der Fahrschule. Kurz bevor Friese mir die Kontrolle über den Flieger überlässt, sagt er kurz und knapp: „Ich übergebe.“ Dann kann ich an einem kleinen Lenkknüppel das Modellflugzeug weiter in die Höhe steigen oder sinken lassen. Ein tolles Gefühl.

Selbst die kleinste Bewegung hat eine Auswirkung auf den Styroporflieger. Für einige Sekunden kann ich den Knüppel gänzlich loslassen, bis ich zu wagemutig werde und mein Fluglehrer das Steuer wieder übernimmt – das Flugzeug drohte abzustürzen. Insgesamt läuft es besser als bei meinem ersten Versuch, der zur Bruchlandung wurde. Der Flieger war dabei nach nur einer Sekunde Steigflug schwungvoll mit der Schnauze im Rasen gelandet. „Kann passieren“, sagt Friese.

Die Einstellung der Steuerung war falsch gepolt gewesen und hatte für den Aufprall gesorgt. „Sie machen das schon ganz gut“, sagt Klaus Friese und ermutigt mich, noch einen kleinen Looping zu fliegen. Fünf Minuten später ist es soweit: Der Landeanflug auf der grünen Wiese steht bevor. Friese lenkt den Modellflieger gekonnt in Richtung Erde und landet ihn sanft auf dem kurz gemähten Rasen.

Mein Fazit: Nach nur einer halben Stunde Flugtraining kann ich behaupten, ein Modellflugzeug in gewissem Maße lenken zu können. Meine Augen allerdings schmerzen ein wenig. Das hat mit dem Wetter zu tun. Ich habe keine Sonnenbrille dabei.