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Lese- und Rechenschwäche: Hier gibt es Hilfe

Anneli Günther kümmert sich bei der Volkshochschule in Ahrensburg um Schüler mit Rechenschwäche

Anneli Günther kümmert sich bei der Volkshochschule in Ahrensburg um Schüler mit Rechenschwäche

Foto: Sebastian Knorr / Sebastian Knorr/ HA

In der Ahrensburger Volkshochschule wird auch zu Legasthenie und Dyskalkulie beraten und gefördert. Wichtige Fragen und Antworten.

Ahrensburg.  Erst als der Junge eine Prismenbrille auf der Nase hatte, begriffen seine Eltern und Imme Riek, dass da in den vergangenen Jahren etwas schiefgelaufen war. „Die Buchstaben tanzen nicht mehr“, habe er da gesagt und eine Frage hinterhergeschoben: „Ist das normal?“

Die Geschichte des Jungen ist eine von vielen Erfahrungen, die Imme Riek in der Ahrensburger Volkshochschule (VHS) gesammelt hat. Mitte der 1980er-Jahre hat sie in der Bildungseinrichtung begonnen, sich um Kinder mit Legasthenie zu kümmern – um Schüler mit Lese- und Rechtschreibschwäche. „Jeder Fall ist ein bisschen anders“, sagt sie, das mache ihre Arbeit auch heute noch so spannend.

Erste Kurse gibt es seit 1971 in Ahrensburg

Der Junge bekam eine neue Brille, die Buchstaben hörten auf zu tanzen. Dann gab es Förderunterricht, um das aufzuholen, was er beim Lesen- und Schreibenlernen bereits versäumt hatte.

1971 starteten die ersten Kurse zur Förderung von Kindern mit Legasthenie in Ahrensburg. Seit zwölf Jahren werden auch Kinder mit der Rechenschwäche Dyskalkulie unterstützt. Ein sechsköpfiges Team arbeitet derzeit am sogenannten Förderzentrum Legasthenie und Dyskalkulie in 32 Gruppen mit 111 Schülern. Zwei bis vier Schüler sind gleichzeitig in einem der Klassenzimmer im Altbau, mehr nicht. Zudem gibt es eine Telefonberatung, eine Elternberatungs- und eine Kindertestwoche (siehe rechts oben).

Aber was ist überhaupt so eine Lese-, Rechen- oder Rechtschreibschwäche? Wie erkenne ich sie? Und was kann ich dagegen unternehmen? Wir haben zu Beginn des neuen Schuljahrs mit den Ahrensburger Expertinnen Imme Riek (Legasthenie) und Anneli Günther (Dyskalkulie) von der Volkshochschule die wichtigsten Fragen geklärt.


Was genau sind Legasthenie und Dyskalkulie?

„Legasthenie und Dyskalkulie sind Teilleistungsschwächen bei gleichzeitiger durchschnittlicher bis überdurchschnittlicher Allgemeinbegabung“, sagt Imme Riek. Betroffen seien fünf bis sieben Prozent der Weltbevölkerung. Legasthenikern fällt entweder Lesen oder Schreiben oder beides schwer. Menschen mit Dyskalkulie haben Probleme mit dem Rechnen. Charakteristisch sei hier das sogenannte „zählende Rechnen“, sagt Anneli Günther. Betroffene zählen also ab, statt Zahlen miteinander zu Verrechnen. Günther: „Sie haben häufig nur eine vage Vorstellung von Mengen sowie Schwierigkeiten, das Einmaleins dauerhaft zu verstehen.“


Wo liegen die Ursachen für die Schwächen?

Auslöser beider Teilleistungsschwächen ist eine eingeschränkte Wahrnehmung des Kindes. Die kann, wie in dem Fall des Jungen, bei dem sich die Buchstaben bewegten, durch eine falsche Brille bedingt sein oder durch Probleme in der Entwicklung des Kindes hervorgerufen werden: motorische Einschränkungen, neurologische Erkrankungen oder psychische Schwierigkeiten. Ebenso kommen auch genetische Ursachen infrage.

Wie umfangreich und unterschiedlich die Fälle sein können, zeigen ausführliche Elternfragebögen, die auch unter www.vhs-ahrensburg.de heruntergeladen werden können. Fragen zu Schwangerschaft und Geburt werden dort etwa gestellt, zu frühkindlichen Entwicklungen sowie zur allgemeinen Gesundheitsentwicklung. „Am besten ist, wenn die Schwäche möglichst früh erkannt werden kann“, sagt Imme Riek. Ab der zweiten Klasse ergebe ein Test bereits Sinn, dann beginnt die VHS auch mit der Förderung der Schüler.


Welches sind die typischen Fehler?
Zu den typischen Fehlern von Legasthenikern zählen Buchstabenauslassungen (wie „mchen“ statt „machen“) ebenso wie die Verwechslung der Buchstaben – etwa „m“ und „n“ oder „b“ und „p“. Häufig schreiben die Kinder auch so, wie sie sprechen, schreiben also „fabanzkastn“ statt „Verbandskasten“, und vertauschen Buchstabenreihen: Aus „kalt“ wird dann zum Beispiel „klat“.

Im Unterschied zu Fehlern von Kindern ohne Legasthenie tauchen die Fehler immer wieder auf, auch wenn das Wort bereits gelernt wurde und schon einmal richtig geschrieben wurde. „Teilweise auch in unterschiedlichen Versionen im selben Text“, sagt Imme Riek.

Bei der Dyskalkulie haben Kinder Probleme mit den elementaren Rechenarten. „Ist das Kind in der Lage, eine Menge von zum Beispiel fünf Murmeln ganzheitlich, das heißt ,auf einen Blick’ zu erfassen?“, lautet eine Frage des Testbogens für Eltern. „Wird die Dyskalkulie nicht erkannt, werden die Probleme in der Zukunft immer schlimmer“, sagt Günther. Den Kindern fehle schlicht ein System zum Erfassen von Mengen, sagt die studierte Biologin, die sich zu dem Thema weitergebildet hat: „Das versuchen wir Schritt für Schritt im Unterricht zu trainieren.“


Manche Eltern fragen sich: „Ist mein Kind doof?“

„Nein“, sagt Imme Riek. Aber viele betroffene Kinder hätten auch heute noch mit Mobbing zu kämpfen, gingen mit Bauchweh in die Schule. „Dabei bescheinigt eine Diagnose von Legasthenie oder Dyskalkulie eine durchschnittliche und überdurchschnittliche Allgemeinbegabung“, so Riek.

In ihren Kleingruppen schaffen Riek und ihre Kolleginnen daher einen geschützten Raum. „Das hilft den Schülern dabei, wieder Freude am Fach zu entwickeln. Außerdem könnten sie sich dort austauschen und gegenseitig unterstützen: „Viele haben das Gleiche durchgemacht.“ Wem das nicht hilft, den tröstet vielleicht ein Blick auf die Liste bekannter Legastheniker: Albert Einstein ist ebenso unter ihnen wie Krimiautorin Agatha Christie, Naturforscher Charles Darwin oder Sänger Robbie Williams.


Ist Legasthenie überhaupt heilbar?

„Komplett therapierbar ist Legasthenie nicht“, sagt Imme Riek. „Wir helfen den Kindern, ihre Schwäche in den Griff zu bekommen.“ Toll sei es zu sehen, wie Kinder selbst wieder Spaß am Mathe- oder Deutschunterricht gewinnen.


Was bedeutet das für die Schule?

Seit dem Legasthenie-Erlass aus dem Jahr 2013 genießen Legastheniker in Schleswig-Holstein bis zur zehnten Klasse Notenschutz. Noten für Rechtschreibung fließen damit nicht in die Zensur im Deutsch- und Fremdsprachenunterricht ein. Bis zur Abiturprüfung wird zudem in diesen Fächern eine „zurückhaltende Gewichtung der Rechtschreibleistungen“ gewährt.

Dyskalkuliker genießen im Land einen solchen Notenschutz nicht, ein sogenannter Nachteilsausgleich ist aber Teil des geltenden Erlasses. Er wird nach Ermessen der jeweiligen Lehrer gegeben. „Der Notenschutz hilft den Kindern, in der Schule weiter voranzukommen“, sagt Imme Riek. Er sei daher wichtig. Riek: „Noch wichtiger ist jedoch, sich mit seiner Schwäche auseinanderzusetzen.“