Stormarn
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Airbnb – so läuft das Geschäft in Stormarn

Moritz Holst (31) vor seinem alten Landhaus in Hoisdorf. Er vermietet seit vier Jahren Zimmer über die Plattform Airbnb

Moritz Holst (31) vor seinem alten Landhaus in Hoisdorf. Er vermietet seit vier Jahren Zimmer über die Plattform Airbnb

Foto: Johanna Helbing / HA

132 Angebote der Vermietungsplattform gibt im Kreis. Wie wirkt sich das auf Wohnungsnot und Gasgewerbe aus? Politiker fordern Regeln.

Hoisdorf.  Moritz Holst begrüßt seine Gäste heute in Gummistiefeln und im lockeren Pullover vor seinem 100 Jahre alten Haus in Hoisdorf. Zusammen mit seinen Eltern vermietet er die zwei Dachzimmer des Familienbesitzes schon seit vier Jahren über den Ferienwohnungsanbieter Airbnb. Das alte Landhaus ist eines von 132 Angeboten des Internetportals im Kreis Stormarn. Derzeit können Menschen, die ihre Ferien hier verbringen, zwischen 76 Häusern und 56 Wohnungen wählen.

Wie das Abendblatt berichtete, gab es im Zusammenhang mit dem Unternehmen zuletzt Schlagzeilen wegen illegaler Nutzung und Zweckentfremdung von Wohnraum. Die Stadt Hamburg will daher neue Regeln wie eine maximale Vermietungszeit von acht Wochen pro Jahr und ein Bußgeld in Höhe von bis zu 500.000 Euro bei illegaler Vermietung der Wohnung einführen. Anwohner hatten sich zudem unter anderem über ständig wechselnde Gäste und Lärm beschwert.

56 Wohnungen und 76 Häuser werden in Stormarn vermietet

Davon ist Stormarn derzeit noch entfernt. Thomas Klempau, Geschäftsführer des Mietervereins Lübeck, sagt: „In Schleswig-Holstein gibt es zurzeit keine vergleichbaren Regelungen.“ In Stormarn sei Airbnb momentan noch kein Thema der Beratungen, in Lübeck dagegen seien Einschränkungen bei der Vermietung langsam im Gespräch. „Dauerhafte Vermietungen entziehen dem Wohnungsmarkt Wohnraum. Wenn der knapp ist, ist das ein Problem“, sagt Klempau. Das trifft somit auch auf Stormarn zu. Denn wie mehrfach berichtet, gibt es insbesondere im Hamburger Umland einen großen Bedarf nach Wohnraum.

Über Airbnb vermietete Wohnungen haben nicht nur Einfluss auf den Wohnungsmarkt, sondern machen auch den rund 80 Stormarner Unternehmen, die im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) organisiert sind, Konkurrenz. Deren Präsident, Axel Strehl aus Ahrensburg, sagt: „Airbnb-Anbieter müssen sich nicht wie andere Herbergen an bestimmte Regelungen halten. Dazu gehören der Brandschutz und das Zahlen von Steuern.“ Er könne nicht verstehen, dass die Behörden nicht eingreifen. Strehl fordert: „Es muss gleiche Rechte für alle geben.“ Stormarns Landrat Henning Görtz stimmt dem zu. Er sagt: „Auf dem Markt müssen allen Anbietern die gleichen Mittel zur Verfügung stehen.“ Neue Regelungen solle es im Kreis aber zunächst nicht geben, da Airbnb derzeit noch kein großes Problem darstelle. „Die Entwicklung von Airbnb reagiert auf die Bedürfnisse der Menschen nach bezahlbaren Ferienwohnungen“, sagt Görtz.

Anbieter müssen Vermietung anmelden

Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) begrüßt das „Sharing-Angebot Airbnb als ressourcenschonend im Bereich Mobilität und Tourismus. Es bereichert den Städte-Tourismus in Schleswig-Holstein, wie die Zahlen aus Lübeck belegen“. Es müsse dabei fair zugehen, die Städte müssten klare Regeln setzen. „Auch Airbnb-Anbieter müssen sich an Vorschriften hinsichtlich Bau, Sicherheit oder Hygiene halten, die Ferienhaus-Anbieter bereits beachten müssen.“

Ein führender Mitarbeiter der Bauaufsicht des Kreises Stormarn sagt: „Baurechtlich gesehen gilt eine Wohnung als Lebensmittelpunkt. Das Beherbergungsgewerbe zählt nicht mehr als wohnen. Anbieter müssen die Vermietung ihrer Wohnung über Airbnb bei uns anmelden und sich genehmigen lassen.“ Kontrollieren tue das niemand, die Bauaufsicht könne nur bei konkreten Hinweisen handeln und den Fall prüfen.

Moritz Holst ist ein vorbildlicher Nutzer

Finanzministerin Monika Heinold (Grüne) steht dem Portal kritisch gegenüber. „Es ist zu befürchten, dass durch solche Geschäftsmodelle der öffentlichen Hand Steuereinnahmen verloren gehen und die Dunkelziffer bei Steuerhinterziehung hoch ist.“ Den Kommunen die Möglichkeit zu geben, über eine Satzung die Zweckentfremdung von Wohnraum zu unterbinden, halte sie für eine spannende Idee. Ihr Sprecher Patrick Tiede sagt: „Das ist momentan ein Vorschlag, der in der Landesregierung konkretisiert werden soll“. Auch verschärfe Airbnb die Lage auf dem Wohnungsmarkt noch mehr. Heinold: „Als Staat haben wir die Pflicht darauf zu achten, dass bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht: im ländlichen Bereich, in den Städten und in touristischen Orten.“

Moritz Holst ist ein vorbildlicher Nutzer. Der 31-Jährige ist selbstständig, betreibt ein Tee-Geschäft in Lübeck. Er hat die Vermietung der Zimmer angemeldet und kann seine Verdienste daraus mit denen aus seinem Geschäft zusammen abrechnen. Holst bewohnt den unteren Teil des 150 Quadratmeter großen Landhauses, im Obergeschoss haben bis zu sechs Gäste Platz. Seine 55 Jahre alte Mutter und sein Vater (65) leben in einem anderen Haus auf dem selben Grundstück. Zudem gibt es eine Scheune und einen großen Gemüsegarten, den die Gäste manchmal mitbenutzen dürfen. Der studierte Sinologe Holst sagt: „Im Sommer sind wir für drei bis vier Monate ausgebucht, ansonsten haben wir drei bis vier Buchungen pro Monat außerhalb der Ferienzeiten. Es läuft gut.“ 75 Prozent seien ausländische Gäste aus Skandinavien, Holland oder der Schweiz. Außerdem kämen viele Familien mit Hunden. „Airbnb bietet uns bessere Chancen als andere Portale für Ferienwohnungen, um mehr und auch jüngere Kundschaft zu bekommen“, sagt Holst. Auch dem alten Haus komme die Vermietung zugute, da teure Renovierungsarbeiten teilweise von der Steuer abgesetzt werden könnten. Eine Lärmbelästigung für Nachbarn sei kein Problem. „In der Nähe gibt es nur einen Pferdehof und ein Altenheim“, sagt er.

Bilanz für Airbnb in Stormarn eher positiv

Harald Haase, Pressesprecher des Wirtschaftsministeriums, sagt: „Die Buchungen über Airbnb nehmen zwar zu, stellen aber momentan nur einen geringen Anteil am gesamten Übernachtungsaufkommen dar. Die Vermarktungsplattform besitzt aber ein erhebliches Wachstumspotenzial.“ Mehr Transparenz gegenüber Steuerbehörden und in Verbraucherschutzfragen seien jedoch wichtige Punkte, die Airbnb angehen sollte.

Die Bilanz für Airbnb in Stormarn ist bisher positiv. Städte und Gemeinden haben keine nennenswerten Beschwerden von Anwohnern erhalten. Aus einer stichprobenartigen Umfrage des Abendblatts geht hervor, dass Stormarner Hotels und Gaststätten weiterhin gute Buchungszahlen haben und keine Konkurrenz bemerken – zumindest noch nicht.