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Fahrrad-Experte rügt Reinbeks Stadtkern

Joachim Becker an der Gutenbergstraße. Hier gibt es seit Kurzem eine rote Markierung für Radfahrer 

Joachim Becker an der Gutenbergstraße. Hier gibt es seit Kurzem eine rote Markierung für Radfahrer 

Foto: Pelle Kohrs

Abendblatt-Radwege-TÜV: Kritik am dichten Verkehrsnetz und oftmals schlechten Zustand der Fahrbahnen führt zu Note 5-.

Reinbek.  In Bezug auf das Fahrradfahren liegen in der Stadt Reinbek Licht und Schatten nah beieinander. Zwar gibt es ein dichtes Verkehrsnetz, das es Radfahrern auf Schleichwegen ermöglicht, längere Strecken innerhalb der Stadt zurückzulegen, ohne auch nur einem einzigen Auto zu begegnen. Allerdings, und das ist für Joachim Becker entscheidend, sind die sonstigen Bedingungen für Radfahrer mangelhaft bis ungenügend.

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Die Beschilderungen etwa, die Qualität der Fahrbahnen, die Sicherheitsvorkehrungen – all das lasse in Reinbek zu wünschen übrig. Becker muss es wissen. Seit vielen Jahren engagiert er sich im Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), lebt seit mehr als 30 Jahren in der Stadt im Süden Stormarns. Der 60-Jährige hat maßgeblich an einem Radverkehrskonzept mitgearbeitet, das die Politik Ende 2015 auf den Weg brachte. „Aber das liegt jetzt wohl in den untersten Schubladen der Verwaltung“, sagt er. Für die Anliegen der Radfahrer fühle sich im Rathaus niemand verantwortlich. Zwar seien in Sachen Radverkehr ein, zwei kleine Dinge passiert, „aber in der Regel stoßen wir auf taube Ohren“, sagt Becker.

Belange der Radfahrer werden berücksichtigt, sagt die Stadt

Bauamtsleiter Sven Noetzel bestreitet das. „Bei jeder baulichen Maßnahme berücksichtigen wir die Belange der Radfahrer“, sagt er, sieht aber auch Verbesserungsansätze. „Es ist noch Luft nach oben.“ Vor allem in Reinbeks Innenstadt haben es Radfahrer nicht leicht. „Die Stadt besteht zu circa 80 Prozent aus ländlichem Gebiet“, sagt Becker. Innerhalb dieses Gebiets sei das Fahrradfahren fast kein Problem. Im Gegenteil: Stadtteile wie Ohe oder Krabbenkamp, in denen jeweils rund 800 Einwohner leben, seien für Radfahrer eigentlich sogar ein „Paradies“. In Reinbeks Herzen hingegen, wo rund 15.000 Menschen wohnen, ziehen nur sehr wenige das Fahrrad dem Auto vor. „Nicht ganz unverständlich“, sagt Joachim Becker. „Dabei sind vernünftige Bedingungen gerade hier so wichtig.“


Alt-Reinbek:
Bahnhof, Post, Einkaufsmeile – an den Alt-Reinbeker Straßen Bahnhofstraße, Bergstraße und Am Rosenplatz blüht das Leben. „Aber Fahrrad fährt hier kaum jemand gern“, sagt Becker. Kein Wunder: Die vorhandenen Radwege werden auch von Fußgängern benutzt, daher wird es oft sehr eng. Radfahrer dürfen allerdings auf die Straße ausweichen – 2017 wurde die Radwege-Benutzungspflicht fast überall in Reinbek aufgehoben. Das Problem: Kaum jemand traut sich auf den Asphalt. Schon für Autofahrer ist es hier eng, Radfahrer zu überholen ist ihnen kaum möglich. Außerdem haben besagte Straßen eine starke Steigung. „Dadurch wird man hier sehr schnell zum Verkehrshindernis“, sagt Becker.

Wer Fahrrad fährt, nutzt daher aus Sicherheitsgründen lieber die Radwege, die durchschnittlich ein bis 1,2 Meter breit sind und damit unter der Mindestanforderung von eineinhalb Metern liegen. Auch die Oberfläche lässt hier und da zu wünschen übrig. Kurios: Etliche Radwege in Reinbek sind grau, die Fußwege hingegen rot gepflastert.

Gegen die Straßensteigung kann die Stadt natürlich nichts unternehmen. Und um die Radwege zu verbreitern, müssten entweder Parkplätze oder Bäume weichen. Daher hat der ADFC vorgeschlagen, in der Nähe des Stadtzentrums Fahrradparkplätze zu errichten. „Dann kann man sein Rad abstellen, sicher abschließen und die restlichen Meter zu Fuß gehen“, sagt Becker. Bisher sei die Verwaltung diesbezüglich aber nicht tätig geworden.

Auch auf der Klosterbergenstraße dürfen Radfahrer auf der Straße fahren. Tiefe Schlaglöcher und unebener Asphalt zwingen dann aber häufig dazu, auf die Fahrbahnmitte auszuweichen – entgegen dem Rechtsfahrgebot, das auch für Radfahrer gilt. Am Täby-Platz weist Becker auf ein weiteres Problem hin: Radfahrern fehlt es an Möglichkeiten, ihre Räder abzustellen. „Mehr Fahrradbügel wären toll“, so Becker.


Neuschönningstedt, Ohe, Schönningstedt, Krabbenkamp:
Kleinigkeiten in Reinbeks ländlicheren Stadtteilen: In der Möllner Landstraße müssen Radfahrer absteigen, weil sich der Weg aufgrund einer Bushaltestelle verengt. Eine mögliche Lösung: „Den Radweg auf der Busspur weiterführen“, sagt Becker. An der Kreuzung Sachsenwaldstraße/Königstraße warten Radfahrer bis zu vier Minuten darauf, dass die Ampel auf Grün springt. „Autofahrer warten in Reinbek oft kürzer als Radfahrer“, sagt Becker. „So sollte es nicht sein.“


Fazit:
Reinbek bietet Radfahrern ein engmaschiges Verkehrsnetz und in ländlicheren Teilen der Stadt relativ gute Bedingungen. Dort, wo es allerdings darauf ankommt, nämlich in der Innenstadt, gibt es jede Menge Probleme. Darunter viele, die vermeintlich leicht zu lösen sind.

Das sagen Radfahrer

Jürgen Heller wohnt in Reinbek und ist ausschließlich mit dem Fahrrad unterwegs. Der 76-Jährige stört sich vor allem daran, dass Radfahrer an jeder Kreuzung länger warten müssen als Autofahrer. „Das motiviert niemanden, auf den Sattel zu steigen“, sagt Heller, der in Reinbek meist auf der Straße unterwegs ist. „Ich kenne viele, die davor Angst haben“, sagt er. „Es ist sehr eng und die Autofahrer sind oft ungeduldig.“ Gut findet Heller den Schleichweg nach Bergedorf: „Eine hübsche Strecke.“

Thomas Conradi kommt aus Glinde. Seinen zwölf Kilometer langen Weg zur Arbeit legt er mit dem Rad zurück. Ein Großteil der Strecke führt durch Reinbek. „Die Radwege hier sind ganz in Ordnung“, sagt er. „Nur wenn besonders viel los ist, muss man langsamer fahren und etwas vorsichtig sein.“ Für die Schlossstraße gilt das laut Conradi auch, wenn wenig Verkehr herrscht. „Der Radweg an diesem Stück ist einfach zu schmal“, sagt er. „Das ist immer eine etwas brenzlige Stelle.“

Brigitte Bünther fährt mit dem Fahrrad immer zum Einkaufen. Bereits seit 60 Jahren wohnt die Rentnerin in Reinbek. Sitzt sie auf dem Sattel, meidet es die 80-Jährige allerdings, in der Innenstadt zu fahren. „Wegen der starken Steigung“, sagt sie. „Die ist mir in meinem Alter zu gefährlich.“ Ansonsten fühlt sich Bünther als Radfahrerin in Reinbek wohl. „Zwar sind einige Autofahrer etwas schnell unterwegs“, sagt sie. „Aber mit den Radwegen bin ich eigentlich ganz zufrieden.“