Stormarn
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Rad-Experten des ADFC strafen Barsbüttel ab

Die ADFC-Experten Jürgen Hentschke (l.) und Joachim Germer messen die Breite des Radweges

Die ADFC-Experten Jürgen Hentschke (l.) und Joachim Germer messen die Breite des Radweges

Foto: René Soukup / HA

Abendblatt-Radwege-TÜV: Breite der Fahrspuren an der Hauptstraße reicht an vielen Stellen nicht aus. Es fehlen Hinweisschilder.

Barsbüttel.  Radfahrer können innerhalb Barsbüttels weite Strecken zurücklegen. Denn das Gebiet der Gemeinde, in deren vier Ortsteilen 13.786 Menschen leben, umfasst 2468 Hektar – das ist mehr als doppelt so viel wie in Glinde. Die Stadt mit ihren rund 18.700 Einwohnern hat 1122 Hektar. Auf Touren kommen Radfahrer in Barsbüttel trotzdem nicht, weil die Bedingungen für sie mangelhaft sind.

Zu dieser Erkenntnis kommen Jürgen Hentschke, Vize-Kreisvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), und Joachim Germer, Ansprechpartner der Organisation in Barsbüttel. Beide gehören dem TÜV-Team des Abendblattes an. „Das reicht hier nicht aus. Es besteht Nachholbedarf. Barsbüttel fällt durch“, sagt Jürgen Hentschke. Die Experten kommen zu diesem Urteil, nachdem sie unter anderem den Verlauf von Radwegen, deren Breite und Qualität, aber auch die Beschilderung unter die Lupe genommen haben. Die größten Mängel deckten Hentschke (64) und Germer (77) im Hauptort auf. Dort, wo die meisten Barsbütteler leben, die Verkehrsdichte am höchsten ist. Verbesserungspotenzial gibt es aber auch in Willinghusen, Stemwarde und Stellau.

Barsbüttel Hauptort: Hier gibt es entlang der Hauptstraße Radwege auf beiden Seiten. Auch das Befahren der Straße ist möglich. Eine Benutzungspflicht in der Kommune gilt nur entlang der Kreisstraße 80. Allerdings ist der Radweg Richtung Hamburg vor dem Rathaus mit 90 Zentimetern viel zu schmal, am Ortsausgang gegenüber der Tankstelle sind es nur 88 Zentimeter. „1,60 Meter sollen es mindestens sein genauso wie 50 Zentimeter Abstand zur Fahrbahn“, sagt Germer. In einigen Bereichen grenzt der Radweg direkt an die Straße.

Kritik gibt es auch am Streckenverlauf Ecke Hauptstraße/Soltausredder. Dort ist der Radweg wegen einer Ampel verschwenkt. „Das ist unglücklich. Da war wohl kein Radfahrer bei der Planung dabei“, sagt Jürgen Hentschke. Irritierend sei die Einmündung zur Falkenstraße. Radfahrer haben dort keine Vorfahrt, weil der Weg fünf Meter nach hinten verschwenkt ist.

Wegeführung ist verbesserungswürdig

„Die Linien auf der Fahrbahn suggerieren ihm jedoch das Gegenteil“, sagt Germer. Sein Vorschlag: den Radweg nach vorn versetzen. Die jetzigen Gegebenheiten bezeichnet er als Gefahrenstelle. Unter den größeren Kommunen im Kreis weist Barsbüttel übrigens die wenigsten Unfälle mit Radfahrern auf. 2015 und 2017 waren es jeweils sechs, dazwischen sieben und in diesem Jahr bisher vier.

An der Straße Holsteiner Tor, die in die Umgehungsstraße mündet, endet der Radweg bei der Abzweigung zum Öjendorfer Park. Hentschke: „Hier fehlt ein Hinweisschild, wie ich mit dem Rad weiterkomme.“ Ohnehin sei die innerörtliche Beschilderung der Wege mies. Als Beispiel für diese Behauptung nennt er den Radweg hinter der Feuerwache zum Einkaufszentrum. „An der Hauptstraße müsste ein Wegweiser installiert werden.“

Die Qualität der Radwege in Bezug auf den Asphalt ist für den TÜV in Ordnung. Zwar ist der Belag nicht überall glatt, allerdings gibt es auch keine großen Bodenwellen durch Aufrisse. Positiv ist, dass an der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule und vor der Sparkasse Holstein ausreichend Fahrradbügel vorhanden sind.

Willinghusen: Auf der Kreisstraße 29 hinter der Autobahnbrücke führt ein Radweg durchs Grün in den Ortsteil – auch hier fehlt ein Hinweisschild. „Das gilt genauso für den Ortseingang, ab dort ist der Weg nur für Fußgänger“, sagt Hentschke. Tatsächlich nutzt ihn auch die Mehrheit der Radfahrer. Gut: An der Bushaltestelle beim Sportplatz vermietet die Gemeinde Fahrradboxen.

Stemwarde: Den kleinsten Ortsteil erreichen Biker über einen Sonderweg entlang der Bahnhofstraße, auf der sie ebenfalls fahren dürfen. „Davon rate ich allerdings wegen der gefährlichen Kurven ab“, sagt Germer. Der Radweg ist ihm an einigen Stellen zu schmal. „Bei Gegenverkehr mit Kinderanhänger reicht die Breite für ein zügiges Vorankommen nicht aus.“ Dafür lobt der TÜV, dass ein Hinweisschild „Radfahrer frei“ hinter dem Ortseingang existiert.

Stellau: Ein Genuss ist das Befahren des Radwanderweges nach Trittau im Bereich des Ortsteils. Der Abschnitt wurde 2017 erneuert. „Die roten Steine des Fußweges an der Hauptstraße signalisieren Nutzung für Radfahrer. Das ist aber nicht erlaubt“, sagt Jürgen Hentschke. Ihm ist auch der Übergang vom Radweg auf die Fahrbahn in der Einmündung Stellauer Hauptstraße zu hoch. Zwischen Landesstraße 222 und Wiesenstraße plant die Gemeinde eine Radwegeverbindung, muss dafür noch Grundstücke kaufen.

Das sagen die Radler

Michael Schlickum fährt mit dem Rad erst am späten Vormittag über den Soltausredder, wo sich Schulen, Schwimmhalle, Sportanlage und Kita befinden, zum Einkaufen ins Zentrum. „Weil es in den Morgenstunden dort eng wird, wenn die Kinder mit dem Auto gebracht werden“, sagt der 68-Jährige. An der Hauptstraße nutzt er den Radweg. „Mich stört es als Autofahrer selbst, wenn Biker auf der Straße sind. Ich wünsche mir aber breitere und ebenere Radwege.“

Brigitte Kelling aus Barsbüttel hat ihr Auto schon vor 20 Jahren abgegeben und nutzt für Strecken in der Gemeinde das Rad. „Die Wege sind in Ordnung, auch wenn es auf jenen entlang der Hauptstraße bei Gegenverkehr eng wird“, sagt die 76-Jährige. Sie fahre prinzipiell nicht auf der Straße. „Da ist es mir zu gefährlich.“ Auf einen Fahrradhelm verzichtet die Rentnerin. „Ich kann mich daran nicht gewöhnen.“ Klasse finde sie, dass im Ort ausreichend Fahrradbügel vorhanden seien.

Rainer Bang-Haas bemängelt die Radwege an der Hauptstraße. „Sie sind nicht gut. Mich stören zum Beispiel viel zu hohe Bordsteine“, sagt der 76-Jährige. Das behindere den Fahrfluss. Er habe nur dünne Reifen. „Deshalb weiche ich auf kleine Zwischenwege aus, übrigens auch im Winter. Bang-Haas betont, dass er gern mit dem Rad in Barsbüttel unterwegs ist. „Beim Seniorenheim an der Straße Am Akku muss man als Radfahrer ob der vielen Autos aber sehr wachsam sein“, sagt er.