Stormarn
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In Trittau kommen die Fahrradfahrer zu kurz

Helga Struwe und Jürgen Hentschke sehen nicht nur die Situation in der Poststraße. Links auf dem Gehweg: ein Mofafahrer

Helga Struwe und Jürgen Hentschke sehen nicht nur die Situation in der Poststraße. Links auf dem Gehweg: ein Mofafahrer

Foto: Elvira Nickmann

Abendblatt-Radwege-TÜV: Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club beklagt Mangel an gut ausgebauten Strecken. Und die sind nicht mal geplant.

Trittau.  „Bei uns in Trittau ist jeder Ort in der Gemeinde schnell und einfach mit dem Rad zu erreichen“, schreibt Bürgermeister Oliver Mesch in der Broschüre „Fahr Rad!“, die die Gemeinde 2016 herausgegeben hat. Also alles gut für Radfahrer in Trittau? Mitnichten! Denn wer innerorts nach Radwegen sucht, wird nicht fündig. Lediglich kurze Strecken zur gemeinsamen Benutzung von Fußgängern und Radlern und für Radfahrer frei gegebene Fußwege sind zu finden. Statt dessen jede Menge Durchgangsverkehr, der das Radfahren manchmal zu einem Hindernisparcours werden lässt.


Poststraße: Auf der Trittauer Poststraße ist tagsüber viel los. Kommen sich Bus und Lastwagen entgegen, ist ein Ausweichen auf den Bereich außerhalb der Fahrbahn manchmal nicht zu vermeiden. Kein Wunder, dass Radler überwiegend auf den Gehwegen fahren – und das nicht immer in Fahrtrichtung –, wo sie sich den Bereich mit Fußgängern und auch mal einem Mofa teilen.

„Haben Sie das gesehen? Da war zwischen den Spiegeln von Lastwagen und Bus kaum noch Platz“, sagt Jürgen Hentschke (64). Der Vize-Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Stormarn steht zusammen mit der Trittauer ADFC-Ortsgruppensprecherin Helga Struwe (73) am Fahrbahnrand und beobachtet den Verkehr.

Hentschke: „Radfahrer brauchen Selbstbewusstsein“

Trotz aller Gefahren, die Radfahrern auf der schmalen Poststraße bei gleichzeitig hohem Verkehrsaufkommen drohen können, lautet beider Empfehlung ganz klar, auf der Straße zu fahren. Und zwar mit einem dreiviertel Meter Abstand zum Fahrbahnrand, am besten auf der Mitte des jeweiligen Fahrstreifens.

So müssten Autofahrer beim Überholen auf die entgegenkommende Spur ausweichen und Radfahrer weniger hinter den seitlich parkenden Fahrzeugen ausscheren, so Hentschke. Im Innenbereich fehlen zudem vernünftige Abstellanlagen, die vorhandenen nennt Hentschke „Felgenkiller“. Struwe: „Für mich nicht nutzbar, weil zu schmal für meine Reifen.“


Bereich Hamburger Straße:
Auf der Hamburger Straße stellen viele ihre Autos direkt auf der Fahrbahn ab, wo sie ein Hindernis für Radler darstellen. „Schmal, viel befahren und zugeparkt“, lautet das Urteil von Helga Struwe. „Ich fahre da höchst ungern.“


Herrenruhmweg: Die Einmündung vom Herrenruhmweg in die Hamburger Straße beurteilt die ADFC-Expertin als überaus problematisch, da die Sicht der Autofahrer auf kreuzende Radfahrer schlecht sei. Neben dem Baum, der mitten auf der Fahrbahn an der Abzweigung zur Schulstraße steht, fahren Autos sowohl rechts als auch links vorbei, wodurch sie teilweise im Gegenverkehr landen und entgegenkommende Radfahrer gefährden könnten. Hier fehlt eine eindeutige Beschilderung.


Rausdorfer/Ecke Rosenstraße:
Kurz vor Ortsausgang ist der Gehweg für Radfahrer freigegeben – aber nur Richtung Rausdorf. Wer ihn befährt, darf höchstens sieben km/h schnell sein, Fußgänger haben Vorrang. „Ein Radwege-Verkehrskonzept für den Ort müsste her“, stellt Jürgen Hentschke fest. Da kein Radweg Richtung Ortskern führt, geht es auf der Straße weiter.


Gemeinsamer Geh-/Radweg, Abzweigung Zum Rieden:
Gut gemeint, schlecht umgesetzt: Selbst mit den Umlaufsperren, die dafür sorgen sollen, dass beispielsweise keine Autos auf diesem Weg fahren, ist Jürgen Hentschke nicht zufrieden.

„Hier kommt man mit einem Fahrrad mit Kinderanhänger nicht ohne Probleme durch. Die Stangen müssten weiter auseinanderstehen“, sagt er. Für Radfahrer endet der Weg an der Großenseer Straße gegenüber der Haltestelle der Schulbusse, auf der gegenüberliegenden Seite ist in Richtung Im Raum nur noch ein Gehweg ausgeschildert. Warum, erschließt sich den ADFC-Mitgliedern allerdings nicht.

Verbesserte Infrastruktur kann nur ein erster Schritt sein

Dass Trittau heute über weniger Radwege als früher verfügt, liege an den Vorgaben für die Breite der Wege, so Bodo Lork, Fachdienstleiter Ordnung und Sicherheit. Da sie den Bestimmungen nicht mehr entsprochen hätten, sei ihre Beschilderung abgebaut worden. Nach seinem Kenntnisstand seien aktuell keine neuen Radwege geplant.

Trittaus Klimaschutzmanagerin Berit Ostrander arbeitet derzeit an der Umsetzung des Mobilitätsteilkonzepts „Fahr Rad!“. „Es geht um Neubau von Fahrradunterständen, das Aufstellen zusätzlicher Hinweisschilder für Radfahrer und einer Ladesäule für Elektrofahrräder“, erläutert sie. Durch verbesserte Infrastruktur solle der Radverkehr in der Gemeinde gestärkt werden. Der Bau neuer Radwege zähle jedoch nicht zum Konzept.

„Ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Struwe. „Aber er löst leider nicht das Kernproblem fehlender Radwege innerorts.“

So wurde Trittau benotet – die Kriterien:

1. Was wurde im vergangenen Jahr für den Radverkehr getan? 6 – ungenügend

2. Sicherheit auf Radwegen, an Kreuzungen und die Qualität der Fahrbahn: 6 – ungenügend

3. Respekt für die Teilnehmer am Straßenverkehr: 3 – befriedigend

4. Gibt es Fahrradstraßen, Fahrradstreifen und Schutzstreifen? 6 – ungenügend

5. Wie gut sind die Radwege beschildert? 4 – ausreichend

Und das sagen die Trittauer Radfahrer:


Für Radler in Trittau fehlt es an allem“

Norbert Weber(62) ist leidenschaftlicher Radfahrer. Der gebürtige Trittauer weiß bestens über den Zustand der Wege und Straßen Bescheid. Lob hat er nur für zwei Radwege außerorts übrig: Sie führen von Trittau über die Kieler Straße nach Grönwohld und Drahtmühle. Dem Radweg Richtung Rausdorf erteilt er die Note 6: „Da fahre ich auf der Straße und gebe Gas, dass ich schnell durch bin.“ Schlimme Erfahrungen mache er mit Autofahrern: „Das Schneiden ist sehr gefährlich.“


„Die Radfahrer werden oft angepöbelt“

Cäcilia Gräßmann (52) fährt täglich mit dem Rad zur Arbeit. Sie bemängelt, dass es kaum Radwege gibt und Schilder vor einem Jahr an der Poststraße entfernt wurden. „Die Polizei duldet aber die Radler auf dem Fußweg.“ Auf die Straße weicht sie ungern aus. „Die Straßen sind zu eng, zu stark befahren. Ich möchte kein Verkehrshindernis sein.“ Als Radfahrerin fühle sie sich in Trittau oft fehl am Platz. „Wir werden oft angepöbelt.“ Gefährlich seien Straßeneinmündungen und Zufahrten.


„Die wenigen Radwege sind zu holprig“

Dieter Marten aus Hamburg-Barmbek pendelt regelmäßig per Fahrrad nach Trittau, um seinen Vater zu pflegen. „Radwege sind hier holprig bis nicht vorhanden“, kritisiert er. Er fährt daher auf der Straße. „Ich bin Vielfahrer und fühle mich nicht durch Autos bedroht.“ Zur Sicherheit trage auch der kleine Spiegel direkt am Helm bei. Den Autofahrern in Trittau stellt der 61-Jährige ein gutes Zeugnis aus. „In Hamburg habe ich da schon ganz anderes Verhalten erlebt.“


Die Serienteile:

1. Ammersbek

2. Ahrensburg

3. Glinde

4. Bargteheide

5. Trittau

6. Bad Oldesloe

7. Barsbüttel

8. Großhansdorf

9. Oststeinbek

10. Reinbek

11. Reinfeld