Rad-Serie

Schlechte Noten auch für die Fahrradwege in Glinde

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René Soukup
ADFC-Team: Joachim Becker (v.l.), Brigitte Mattigkeit und Jürgen Hentschke testeten die Radwege

ADFC-Team: Joachim Becker (v.l.), Brigitte Mattigkeit und Jürgen Hentschke testeten die Radwege

Foto: René Soukup

Abendblatt-Radwege-TÜV: Fahrflächen sind zu schmal, Beläge marode. An den Hauptrouten im Süden des Kreises sind die Mängel gravierend

Glinde.  Zu niedrig angebrachte Schilder, dazu viele Wege nicht breit genug und marode: Glinde ist keine Fahrradstadt. Das sagt Brigitte Mattigkeit, Sprecherin der Ortsgruppe im Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), fügt aber schnell hinzu: „Noch nicht.“ Ihre Hoffnungen auf Verbesserungen fußen auf einem Radverkehrskonzept. Dieses hat die Politik auf den Weg gebracht und die Verwaltung im ersten Schritt eine Bestandsanalyse gemacht mit Auflistung der Mängel. Ob es bauliche Veränderungen gibt und wann, wird demnächst geklärt.

Vorerst müssen Radfahrer mit Bedingungen leben, die nicht optimal sind. „Insbesondere bei den kombinierten Fuß- und Radwegen an den Hauptverkehrsachsen hat Glinde baulichen Nachholbedarf, um den Fahrfluss zu verbessern“, sagt Jürgen Hentschke. Er ist stellvertretender Vorsitzender des ADFC-Kreisverbandes und genauso wie Joachim Becker und Mattigkeit Mitglied unseres TÜV-Teams.

Oft darf nur auf einer Straßenseite gefahren werden

Die Hauptrouten für Radfahrer in die Nachbarkommunen verlaufen entlang großer Straßen: westlich nach Oststeinbek und östlich nach Neuschönningstedt an der Möllner Landstraße sowie südlich Richtung Reinbeker Zentrum auf der Avenue St. Sebastien. Überall darf nur auf einer Straßenseite gefahren werden – also gibt es auch Gegenverkehr. „Das ist gefährlich, weil insbesondere die Verbindung nach Oststeinbek sehr schmal und zugleich Rad- und Fußweg ist. Hier sind auch Personen mit Kinderwagen unterwegs“, sagt Becker. Die nächsten Brennpunkte sind nicht weit entfernt.


Glinder Berg:
An diesem Punkt der Möllner Landstraße fällt der mehrfach wechselnde Belag des Radweges auf. „Auch die Oberflächenqualität lässt zu wünschen übrig“, sagt Hentschke. Die Einmündung zur Ladenzeile sowie die Ausfahrt aus dem Sandweg bei der Tankstelle verlangen beim Queren wegen der Fahrzeuge höchste Aufmerksamkeit. Einen Unfallschwerpunkt hat die Polizei nirgendwo in der Stadt ausgemacht. Die Zahl der Fahrradunfälle im 18.700 Einwohner zählenden Glinde war in den vergangenen Jahren konstant: jeweils 18 in 2015 und 2016, 2017 dann 17 und in den sieben Monaten dieses Jahres 15. Zum Vergleich: In Bargteheide (16.000 Einwohner) ereigneten sich in diesem Zeitraum pro Jahr mehr als 40 Fahrradunfälle.

Mühlencenter: Auf diesem Abschnitt an der Möllner Landstraße im Zentrum macht das Radfahren nicht wirklich Spaß. Immer wieder blockieren Autos bei der Einmündung den Radweg. Laut Hentschke müsste dort ein Stoppschild installiert sowie eine weiße Linie gezogen werden, die Fahrradspur wegen des Doppelrichtungsverkehrs 2,50 Meter breit sein. „Ideal wäre auch ein Mittelstreifen mit Pfeilen.“ Tatsächlich beträgt die Breite nur rund 150 Zentimeter. Deswegen nutzen etliche Radfahrer den gegenüberliegenden Fußweg, was aber nicht erlaubt ist.

Positiv: Auf den Hauptrouten muss man nirgendwo die Straßenseite wechseln. Wünschenswert wäre laut ADFC eine Radverbindung von Reinbek über Glinde und Oststeinbek bis zur U-Bahnhaltestelle Steinfurther Allee abseits von Hauptstraßen. Hentschke: „Der Nachteil der alten Wege in Glinde ist auch, dass sie nicht tief ausgekoffert sind und Wurzeln sich durch den Asphalt schlagen.“ Zahlreiche Bodenwellen gibt es auf dem Weg nach Reinbek unweit des Obi-Baumarktes entlang der Avenue St. Sebastien. Wer kein vollgefedertes Rad hat, spürt das im Kreuz sowie in den Handgelenken. Ein weiteres Manko dort: Auf dem Weg gibt es keinen gekennzeichneten Bereich für Fahrradfahrer.

Waldweg: Vorsicht ist auch an der Stadtgrenze zu Reinbek an der Kreisstraße 80 geboten. An der Einmündung zum Waldweg erfasste 2013 ein Lkw einen Radfahrer, der bei dem Unfall ums Leben kam. Die Lichtverhältnisse sind ob der hohen Bäume verbesserungswürdig. Mit einer Begradigung der kurvigen Einfahrt wären Laster angehalten, langsamer in Richtung des Kieswerks einzubiegen. „Und zusätzlich ist eine rote Markierung ratsam“, so Jürgen Hentschke.

Freizeitwege: Bedenkenlos lässt es sich um den Mühlenteich mit seinem breiten Sanduntergrund fahren, ebenso einladend ist der Radweg auf der Bahntrasse mit Startpunkt Glinde über Barsbüttel und Lütjensee bis nach Bad Oldesloe. Vorbildlich sind die zahlreichen Fahrrad-Abstellbügel rund um den Marktplatz. Skurril: Mitten auf dem Radweg an der Bücherkate ist ein Schild mit Verweis auf Parkplätze einbetoniert.

Das Fazit der Experten ist ernüchternd: „Werden die Gegebenheiten für Radfahrer in eine Schulnote gefasst, ist Glinde ein Sitzenbleiber“, sagt Hentschke.

Das sagen Radfahrer:

Heidi Martens hat im Zentrum einige Punkte zu kritisieren: „Die Übergänge an der Sönke-Nissen- Allee sind sehr kantig, die Ausfahrt beim Mühlencenter ist unglücklich gelöst, weil die Autos mitunter doch sehr weit vorfahren und auf dem Radweg stehen.“ Sie meide diesen Bereich speziell an Sonnabenden. Außerdem findet die 50-Jährige, dass es zu viele Ampeln in der Innenstadt gibt. Als Alternative wünscht sich Martens Verkehrskreisel. „Es gibt viel Verbesserungspotenzial.“

Marcel Stüpmann klagt über die Qualität der Radwege. „Insbesondere der nach Oststeinbek an der Möllner Landstraße ist nicht schön. Gravierend sind die Mängel am Glinder Berg, im weiteren Verlauf stören mich Bodenwellen“, sagt der Elektrotechniker. Die Übergänge zu den Fahrbahnen hätten Kanten, das gehe aufs Material und störe den Fahrfluss. Der 35-Jährige präferiert eine Verbreiterung der Hauptrouten. „Dann würden dort gewiss mehr Radfahrer unterwegs sein.“

Brigitte Hundeshagen ist Erzieherin im Hort Löwenzahn in der Straße Holstenkamp und fährt mit dem Rad zur Arbeit. Auf der Kaposvár-Spange nutzt sie die Fahrbahn, fühlt sich nur am Kreisel ob der Fahrzeuge unsicher. „Aber ich fahre immer vorsichtig und habe noch keine schlechten Erfahrungen gemacht“, sagt die 61-Jährige. Im Holstenkamp wechselt sie auf einen schmalen Weg, den Radfahrer und Fußgänger nutzen. „Der sollte verbreitert werden.“

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