Stormarn
Serie

Die erste Stipendiatin an der Trittauer Wassermühle

Heinke Both in der Tür zu ihrem Atelier in Grande, rechts hängt eines ihrer Menschenbilder

Heinke Both in der Tür zu ihrem Atelier in Grande, rechts hängt eines ihrer Menschenbilder

Foto: HA

Die Menschen hinter der Kunst: In unserer Serie stellen wir Künstler aus Stormarn vor. Was treibt sie an? Heute: Heinke Both.

Grande.  Heinke Both hat es schon lange auf den Menschen abgesehen – in professioneller Hinsicht. Fast ihr ganzes bisheriges Künstlerleben sucht die gebürtige Oldesloerin das Wesen der Erdenbürger im Bilde festzuhalten. Konkrete Menschen sind dabei auf den Bildern nicht zu sehen. Ihr gehe es nicht um ein Abbild der Wirklichkeit, sagt die 54-Jährige, sondern um ein Werk, indem der Betrachter sich selbst einbringen kann. Der Zuschauer also: „Genauso wichtig wie der Künstler.“

Heute geht es weniger um Betrachter und Werk, dafür umso mehr um die Frau hinter den komplexen und fein durchgearbeiteten Porträts – und die empfängt gut gelaunt in einem alten Bürokomplex in Grande. Hier hat wohl seit den 1970er-Jahren niemand mehr Akten gewälzt oder Telefonate geführt, der Charme ist aber erhalten geblieben. Vor einigen Jahren kamen Heinke Both und Waltraud Stalbohm und gründeten in den Räumen eine Ateliergemeinschaft. Mittlerweile dienen sie auch dem Künstler Tobias Duwe als Refugium, dessen Mutter Heilwig Duwe-Ploog wir vergangene Woche an gleicher Stelle vorgestellt haben. Bei letzterer hat auch Heinke Both in den frühen 1980er Jahren Unterricht genommen, bevor sie 1985 begann, an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg zu studieren.

Kunst in einem „vergessenen Gebäude“ in Grande

Ein „vergessenes Gebäude“, sagt Both über ihren Arbeitsplatz, „ein Glücksfall“. Mit jeder Treppenstufe lasse die Künstlerin ein Stückchen Alltag hinter sich. In dem alten Büro in Grande entstehen so weitere Menschenbilder, die auf den ersten Blick etwas düster wirken. Sie arbeitet dabei mit Kontrasten, erzählt Both, mit Helligkeit und Dunkelheit, Schatten, Licht, schwarz und weiß. Und sie arbeitet nicht gegenständlich, sondern abstrakt. Oder: irgendwo dazwischen.

Aktuell geht das in etwa so: Erst malt Both ein Porträt mit weißer Farbe auf schwarzem Hintergrund. Das verschwindet dann hinter vielen Schichten aus Glas oder Papier. Die schiebt die Künstlerin herum, wägt ab und tauscht aus. Am Ende entsteht ein Bild, das dem Menschen aus ihrer Perspektive am nächsten kommt: zersplittert und fragmentarisch – keine Einheit, sondern eine Summe von Einflüssen und Umständen. Eben so viele Details sind in den Werken versteckt. Und lassen sich darauf entdecken.

Lehrerin wollte Both damals nicht werden

Entgegen den zersplitterten Menschen auf ihren Bildern wirkt der eigene Lebensweg der Künstlerin auffallend gradlinig. Dass die gebürtige Oldesloerin einmal Künstlerin werden würde, war ihr schon in der Schule klar. Kunst ihr Lieblingsfach. Auf das Abitur folgte ein Studium. Und eine Weichenstellung: Anstatt Kunst und Pädagogik zu studieren und sich damit offenzuhalten, später einmal an einer Schule zu unterrichten, wie es ihre beiden Eltern getan haben, entschied sich die junge Frau für das Designstudium in Hamburg. Und lernte hier ihren Mentor Friedrich Einhoff kennen.

Die künstlerische Nähe zu den Werken des Malers ist auch heute noch in ihrer Arbeit unverkennbar. Darüber hinaus hat sie in ihrer Studienzeit vor allem gelernt, dass es häufig kein richtig oder falsch gibt. „Lehrer sagen, es geht so und dann geht es auch so“, sagt Both. „Im Studium habe ich dagegen einen offenen Diskurs kennengelernt: Da ging es so, es ging aber auch ganz anders – das habe ich sehr genossen.“

Von der Freiheit, das Blatt immer wieder zu wenden

Bis heute ist der Künstlerin diese Freiheit wichtig: „Die Möglichkeit, das Blatt immer wieder zu wenden, eine neue Perspektive einzunehmen immer wieder neu zu starten.“ Nach dem Studium in Hamburg ging es wieder in die Heimat. 1992 war das und Heinke Both wurde die erste Stipendiatin an der Wassermühle in Trittau. Die Künstlerin erinnert sich noch gern an ihr Jahr in dem denkmalgeschützten Gebäude. Bis heute bietet die Sparkassen-Kulturstiftung Stormarn Künstlern, hier zwölf Monate zu leben, zu arbeiten und auszustellen – mittlerweile haben Stipendiaten ein Atelier im modernen Neubau. „Als ich mit dem Stipendium in Trittau war, gab es das Atelierhaus noch nicht“, erinnert sich Both. „Heute sind die Möglichkeiten optimal.“

Apropos Möglichkeiten. Zum Ende des Besuchs in Grande fehlt ja noch die unvermeidbare Frage: Wie lässt es sich denn von der Kunst leben, Frau Both? „Vom reinen Bildverkauf leben zu wollen, ist ein schwieriges Ziel“, sagt die Künstlerin. Sie ist der freien Kunst trotzdem die Jahre über treu geblieben. Und so nimmt sie auch weiterhin regelmäßig die Stufen zu ihrem Atelier in Grande, genießt hier Konzentration und Freiheit – und ihre Arbeit an den Menschenbildern.