Stormarn
Fachkräftemangel

Lkw-Fahrer fehlen: Unternehmen sind geliefert

Versuchen den Fahrermangel durch interne Logistik aufzufangen: Fahrer Erik Plachta, Anja Schlüse und Massud Aghalar vom Backring Nord in Bargteheide

Versuchen den Fahrermangel durch interne Logistik aufzufangen: Fahrer Erik Plachta, Anja Schlüse und Massud Aghalar vom Backring Nord in Bargteheide

Foto: Melissa Jahn

Nicht nur die Müllabfuhr hat Probleme, Personal zu finden. Auch andere Branchen wie Supermärkte und Getränkefirmen sind betroffen.

Ahrensburg/Siek.  Der Mangel an Lkw-Fahrern, der derzeit in Stormarn unter anderem zu erheblichen Problemen bei der Müllabfuhr führt, hat auch Auswirkungen auf andere Branchen. Supermarktketten und weitere Unternehmen sind ebenfalls betroffen. Der Deutsche Speditions- und Logistikverband hat ermittelt, dass bundesweit 45.000 Kraftfahrer fehlen.

Viele Stormarner Firmen beklagen Lieferengpässe, können die Wünsche ihrer Kunden nicht mehr zeitnah erfüllen. „Die Situation ist dramatisch“, sagt Andreas Lüth, Geschäftsführer beim Getränkefachgroßhandel Joh. Kirchhoff und Söhne. Und sie wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen: 50 Prozent der Lkw-Fahrer stehen kurz vor der Rente.

Durch Wegfall der Wehrpflicht fehlen Führerscheininhaber

Im Getränkecenter Bargteheide sind die Regale fast leer. Das beliebte Mineralwasser Magnus aus Norderstedt ist vergriffen, ebenso bestimmte Sorten kleiner Brauereien aus Bayern und sogar die Weltmarke Coca-Cola. Auch bei den Supermärkten Famila und Edeka sieht es nicht besser aus. Wer hier einkauft, darf nicht wählerisch sein. „Wir haben den Engpass besonders während der heißen Tage gemerkt“, sagt Betriebsleiter André Arndt vom Getränkecenter. „Wenn dann der Liefertermin verschoben wird, können wir nur noch Leergut entgegennehmen.“ Aus diesem Grund habe sich der Umsatz trotz des heißen Wetters und der Weltmeisterschaft kaum erhöhen lassen. „Der Lkw-Frachtraum wird am Markt versteigert“, so Arndt. „Dies spüren besonders Anbieter von Spezialitäten und kleine regionale Unternehmen, die ihre Ware dadurch nicht transportiert bekommen.“

Auch Kirchhoff-Geschäftsführer Andreas Lüth betrachtet die Entwicklung mit Sorge. Der Getränkefachgroßhandel mit Sitz in Barsbüttel und mehr als 115-jähriger Erfahrung stößt zurzeit an seine Grenzen. 25 Fahrer bewegen hier bis zu 25.000 Kisten am Tag. Beliefert werden nicht nur Supermärkte wie Edeka und der Getränkemarkt von nebenan, sondern ebenfalls zahlreiche Restaurants in und um Hamburg. „Im Gegensatz zum internationalen Frachtverkehr mit Pro-Kopf-Kilometerleistungen von 300.000 im Jahr, sind unsere Fahrer nur in der Region unterwegs“, sagt Andreas Lüth. „Trotzdem ist die Belieferung der Gastronomien auf dem Hamburger Kiez und in der Schanze ein Knochenjob. Wir haben Probleme, neue Fahrer zu finden.“

Gründe für den Mangel gibt es viele: Während die Menge der zu transportierenden Güter durch den boomenden Onlinehandel stark wächst, entscheiden sich immer weniger für eine Ausbildung als Kraftfahrer. Termindruck, Stress, ein niedriges Gehalt und schlechte Arbeitszeiten wirken sich negativ auf das Image aus, der Beruf gilt als nicht attraktiv. Zahlreiche Unternehmen werben mittlerweile auf ihren Lkw für Nachwuchs – mit wenig Erfolg. Die Probleme haben auch mit der Abschaffung der Wehrpflicht zu tun: Bei der Bundeswehr machten zuvor Tausende junge Männer einen Lkw-Führerschein und waren anschließend auf dem Markt verfügbar.

Mehr als die Hälfte der Lkw-Fahrer ist schon über 50

Nicht nur der Fahrermangel an sich, sondern auch das Problem, qualifizierte Fachkräfte zu finden, beschäftigt die Firma Backring Nord. Das Unternehmen mit Sitz in Bargteheide beliefert 4300 Kunden in ganz Norddeutschland. Hauptabnehmer sind handwerkliche und industrielle Bäckereien. Insgesamt müssen 23.000 Artikel – von Mehl und Zucker über Pappteller bis hin zu Zutaten für die Eisproduktion – bewegt werden. „Unsere Mitarbeiter sind die Visitenkarten der Firma“, sagt Logistikleiter Massud Aghalar. „Wir brauchen kommunikative Fahrer mit guten Sprachkenntnissen, die die komplizierten Abläufe eines modernen Logistikunternehmens überblicken können. Auch im Hinblick auf technische Fähigkeiten ist der Beruf des Kraftfahrers heute wesentlich anspruchsvoller geworden.“

Gerade im Bereich der Tiefkühlprodukte seien die Lieferengpässe extrem. Doch obwohl sich die Ausfälle in den letzten fünf bis zehn Jahren angekündigt hätten, könnten die Unternehmen kaum reagieren. Während früher ein eigener Fuhrpark aus Kostengründen problematisch war, profitiert Backring Nord heute von 85 eigenen Lkw und der dadurch gewonnenen Flexibilität. „Bislang konnten wir fehlende Ware durch Querverkehr zwischen unseren Niederlassungen kompensieren und waren kaum auf Speditionen angewiesen“, so Aghalar. „Die Kunden haben von den Logistikengpässen so gut wie nichts gemerkt, obwohl sich die Lage bereits verschärft hat.“ Um dem Problem zu begegnen, investiere das Unternehmen intensiv in eigene Auszubildende. Von fünf Ausbildungsplätzen ist zurzeit jedoch nur einer besetzt.

Personalmangel wird sich eher noch verschärfen

Der Mangel wird sich in den nächsten Jahren sogar noch verschärfen. Die Hälfte der Lkw-Fahrer hat das Alter von 50 Jahren bereits überschritten und wird in absehbarer Zeit in Rente gehen. Der Bundesverband rechnet ab sofort mit 30.000 bis 50.000 weniger Mitarbeitern pro Jahr. „Uns fehlen jetzt schon 20 Prozent Fahrer“, sagt Andreas Lüth. „Wenn einer wegen Urlaub oder Krankheit ausfällt, bleiben 3000 Kisten auf einmal stehen.“ Oder die Mehrarbeit muss durch die Kollegen aufgefangen werden, was wegen gesetzlicher Vorschriften wie genau geregelter Standzeiten stark eingeschränkt wird.

Bisher setze das Unternehmen auf höhere Einstiegsgehälter, ein angenehmes Betriebsklima und finanziere jedem Mitarbeiter bei Interesse den Führerschein – jedoch nur mit geringem Erfolg. „Der Druck wird so groß, dass sich die großen Ketten Gedanken machen müssen, wie es weitergehen soll“, so der Geschäftsführer. „Edeka und Rewe waren schon öfter ausverkauft, weil wir die Liefertermine verschieben mussten.“

Auch das automatisierte Fahren sei in der Logistikbranche nicht möglich. Es gehe nicht nur um das Bewegen eines Lkws, sondern ebenfalls um das Entladen der Ware. „Wir müssen uns überlegen, wie der Job attraktiver werden kann“, so Lüth. Denkbar seien mehr Urlaub oder flexible Arbeitszeiten. „Dann brauchen wir allerdings noch mehr Fahrer.“